Chronologie des VW-Machtkampfs Das Golfsrudel

Mühsam handelten die Entscheider bei VW einen Burgfrieden aus, doch schon ein paar Tage später scheint der wieder dahin. Der Machtkampf bei Deutschlands größtem Autokonzern wird immer verworrener.

VW-Chef Winterkorn, Patriarch Piëch (2013): Im Dauer-Machtkampf
AFP

VW-Chef Winterkorn, Patriarch Piëch (2013): Im Dauer-Machtkampf

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Verfeindete Manager, mächtige Betriebsräte, und auch Politiker mischen mit: Der Machtkampf bei VW hat viele Protagonisten. Entsprechend verworren ist er. Erst schoss Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch offen gegen Vorstandschef Martin Winterkorn. Dann gab es trotz eines Stillhalteabkommens Angriffe auf Piëch. Nun soll dieser wiederum Winterkorns Absetzung betreiben - doch Piëch dementiert umgehend.

Wer welche Strippen zieht, ist schwer zu erkennen. Klar ist nur: Das letzte Wort ist bei Volkswagen noch nicht gesprochen. Eine Chronologie der Ereignisse:


Freitag, 10. April 2015:

Die erste Attacke erfolgte mit offenem Visier. Mit einem Satz entzieht Volkswagen-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch in aller Öffentlichkeit seinem langjährigen Intimus und Vorstandschef Martin Winterkorn das Vertrauen: "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", sagt der VW-Patriarch dem SPIEGEL. Seit einiger Zeit war bekannt, dass Ferdinand Piëch und sein ebenfalls im Aufsichtsrat vertretener jüngerer Bruder Hans Michel mit einigen Baustellen im Konzern unzufrieden sind.

Nun entbrennt schlagartig der Machtkampf um die Spitze des Volkswagen-Konzerns. Mehrere Mitglieder des Aufsichtsrats äußern sich noch am gleichen Tag öffentlich: Betriebsratschef Bernd Osterloh stellt sich demonstrativ hinter Winterkorn. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil zeigte sich "unangenehm überrascht" über Piëchs Aussage - und mahnt, "zu einer internen Diskussion zurückzukehren".


Sonntag, 12. April:

Cousins Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche: Mächtige Familienbande
DPA

Cousins Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche: Mächtige Familienbande

Wolfgang Porsche, Cousin von Ferdinand Piëch und Vertreter der Porsche-Familie im Aufsichtsrat, distanziert sich seinerseits vom Aufsichtsratschef: "Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist", lässt Porsche mitteilen - und bringt damit deutlich den Unmut über den Alleingang des Patriarchen zum Ausdruck. Inhaltlich lässt das Statement jedoch offen, ob sich die Porsche-Familie im Machtkampf hinter Winterkorn oder Piëch stellt.


Montag, 13. April:

Auch Aufsichtsratsvize Berthold Huber stärkt Winterkorn öffentlich den Rücken. "Wir haben mit Herrn Winterkorn einen hervorragenden Automobilisten und Vorstandsvorsitzenden, der unser vollstes Vertrauen hat", sagt der ehemalige IG-Metall-Vorsitzende SPIEGEL ONLINE.


Dienstag, 14. April:

Insider berichten, dass bei den Aufsichtsräten im Hintergrund "die Drähte glühen". Seit Tagen gibt es Gerüchte über ein Krisentreffen des Präsidiums des Aufsichtsrats. Auch über eine außerordentliche Sitzung des gesamten Gremiums wird spekuliert. Die Zeit drängt: Bereits am 5. Mai steht die Hauptversammlung des Konzerns an.


Mittwoch, 15. April:

Nun äußert sich auch VW-Miteigentümer Katar - und zeigt sich wenig angetan vom in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Machtkampf: Es sei "nicht im Sinne" des Volkswagen-Großaktionärs, "beim amtierenden Vorstandschef Martin Winterkorn auf Distanz zu gehen, ohne eine mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Alternative präsentieren zu können", zitiert das "Handelsblatt" aus dem Umfeld des katarischen Staatsfonds QIA.

Dennoch stellt sich Katar nicht gerade hinter Winterkorn, im Gegenteil: Der Vorstandschef werde nur schwer zu halten sein, nachdem er bei Piëch in Ungnade gefallen sei. Man werde sich nun erst einmal die verschiedenen Meinungen anhören, heißt es.

Die Gerüchte über ein zeitnahes Treffen des Präsidiums des Aufsichtsrats verdichten sich. Es sei sehr wahrscheinlich, dass sich die sechs Mitglieder binnen 48 Stunden zusammensetzen, sagen Insider.


Donnerstag, 16. April:

Showdown in Salzburg: Das Präsidium des Aufsichtsrats trifft sich am Familiensitz der Eigentümerfamilien Piëch und Porsche. Außer Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche gehören Niedersachsens Ministerpräsident Weil, VW-Gesamtbetriebsratschef Osterloh, IG-Metall-Funktionär Huber und Betriebsratsvize Stephan Wolf dem Gremium an. Die Sitzung beginnt am Nachmittag, auch Winterkorn ist anwesend.

Winterkorn mit Betriebsratschef Osterloh am 16. April im Wolfsburger Stadion: Beide waren in Salzburg dabei
DPA

Winterkorn mit Betriebsratschef Osterloh am 16. April im Wolfsburger Stadion: Beide waren in Salzburg dabei

Übereinstimmenden Berichten zufolge wird in den Stunden bis zum frühen Abend klar: Piëch ist isoliert. Das übrige Präsidium stellt sich hinter Winterkorn, laut "Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung" drohen die fünf Aufsichtsräte dem seinerseits unnachgiebigen Aufsichtsratschef, ihn zum Rücktritt aufzufordern. Letztendlich sei das Gremium ohne gemeinsame Position auseinandergegangen: Bis zum Freitagmorgen solle jede Seite ihre Position überdenken.


Freitag, 17. April:

Piëch-Ehefrau Ursula, Winterkorn und Aufsichtsratsboss Piëch: Wer ist hier gegen wen?
REUTERS

Piëch-Ehefrau Ursula, Winterkorn und Aufsichtsratsboss Piëch: Wer ist hier gegen wen?

Ferdinand Piëch hat Geburtstag - und muss ausgerechnet an diesem Tag eine Niederlage eingestehen. Der nun 78-Jährige lenkt ein, am späten Vormittag teilt der Konzern mit: Winterkorn bleibt als VW-Chef im Amt. Sein 2016 auslaufender Vertrag soll sogar verlängert werden. Die VW-Kontrolleure Weil und Osterloh erklären den Machtkampf öffentlich für beendet.


Samstag, 18. April:

Bereits einen Tag später wird klar: Der Machtkampf bei VW ist keinesfalls beendet. Einige Insider bezweifeln, dass Piëch die Schlappe auf sich sitzen lassen wird. Andere stellen nun die Zukunft des Chefkontrolleurs selbst in Frage. "Die Mehrheit ist gegen Piëch", zitiert die "Bild am Sonntag" ein Aufsichtsratsmitglied. Außer den zehn Mitgliedern der Arbeitnehmerseite im Gremium wollen laut dem Bericht auch die Vertreter Niedersachsens und der Porsche-Familie Piëch abwählen. Zusammen hätten sie die erforderlichen 14 Stimmen.


Sonntag, 19. April:

Aufsichtsratsvize Huber: Winterkorn hat "unser vollstes Vertrauen"
picture alliance / dpa

Aufsichtsratsvize Huber: Winterkorn hat "unser vollstes Vertrauen"

Nun springen die gleichen Aufsichtsräte, die in der Woche zuvor Winterkorn zur Seite standen, für Piëch in die Bresche. Nach Betriebsratschef Osterloh spricht sich auch Berthold Huber für einen Verbleib des Patriarchen aus.

In Shanghai beginnt die für Volkswagen extrem wichtige Automesse - ohne Winterkorn. Der Vorstandschef sagt die Reise offiziell wegen eines grippalen Infekts ab.


Mittwoch, 22. April:

Piëch, Schröder im Jahr 2001
REUTERS

Piëch, Schröder im Jahr 2001

Altkanzler Gerhard Schröder - als damaliger Regierungschef Niedersachsens saß er im Aufsichtsrat, als Piëch 1993 an die Konzernspitze rückte - stärkt den Patriarchen. Piëch habe für den Konzern und dessen Beschäftigte "unermesslich viel getan", sagt Schröder der "Bild"-Zeitung.


Donnerstag 23. April:

Mit einem Paukenschlag wird das Gerangel um die Volkswagen-Spitze wieder zum Topthema. Nur eine Woche nach der Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums scheint die nach außen hin verordnete Eintracht dahin. Piëch säge weiter an Winterkorns Stuhl, melden die Nachrichtenagentur dpa und der NDR. Bei einem Treffen der Familien Piëch und Porsche am Mittwoch in Stuttgart habe er sogar für mögliche Nachfolger geworben.

Piëch dementiert umgehend. "Herr Winterkorn und ich haben uns vergangene Woche ausgesprochen und uns auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit geeinigt", sagt Piëch dem SPIEGEL. "Ich betreibe seine Ablösung nicht."

Fortsetzung folgt.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Andreas-Schindler 23.04.2015
1. Hinter verschlossen Türen wird scharf geschossen
Ich schätze man ist sich wohl bei VW einig geworden die Sache nicht mehr in der Öffentlichkeit Auszutragen. Dafür wird das ganze hinter verschlossen Türen weiterhin ausgefochten. VW hat große Finanzielle Probleme, die nur durch seine anderen Marken sich verbergen. Mit 2% Marge hat VW ein großes Problem. Dazu falsche Modelle auf den großen Märkten wie USA und China. Würde die Förderung von Firmenwagen in Deutschland wegfallen würde VW auch in Deutschland große Probleme bekommen.
hapebo 23.04.2015
2. Adieu!
Ja mai,der Gute will halt keine Götter über sich,unter sich und neben sich haben.Dann muss er halt selber wurschteln,das kann er ja und er spart Geld für einen teuren Vorstand,der alte bekommt eine Betriebsrente knapp oberhalb von Hartz 4 Bezügen aber mit freien Eintritt in die Betriebskantine.(Die Curry Wurst soll gut sein,aber Achtung - Colesterin.
pauschaltourist 23.04.2015
3.
Zitat von Andreas-SchindlerIch schätze man ist sich wohl bei VW einig geworden die Sache nicht mehr in der Öffentlichkeit Auszutragen. Dafür wird das ganze hinter verschlossen Türen weiterhin ausgefochten. VW hat große Finanzielle Probleme, die nur durch seine anderen Marken sich verbergen. Mit 2% Marge hat VW ein großes Problem. Dazu falsche Modelle auf den großen Märkten wie USA und China. Würde die Förderung von Firmenwagen in Deutschland wegfallen würde VW auch in Deutschland große Probleme bekommen.
Autos mit lediglich zwei Jahren Garantie kauft halt kein vernünftiger Privat-Mensch.
o_280189843001 23.04.2015
4.
Da streiten sich zwei hoch bezahlte Knacker und wir sollen das noch beobachten und mitreden . Was soll das nur ? Sind wir so verblendet , für so viel Dummheit und Blödsinn ? Ehrlich gesagt ist mir das alles zu dumm und so schlecht gemacht . Ob die nun sich einigen oder nicht , ist mir scheiß egal . Es soll bloß endlich aufhören . Wenn das sich in Szene setzen heißt , dann bitte ohne Öffentlichkeit . Wenn die so intelligent sind , wieso ließt man so vieles von Ihnen ! Das tut weh ! Armes Deutschland , so tief bist Du gelandet !
wibo2 23.04.2015
5.
Zitat von Andreas-SchindlerIch schätze man ist sich wohl bei VW einig geworden die Sache nicht mehr in der Öffentlichkeit Auszutragen. Dafür wird das ganze hinter verschlossen Türen weiterhin ausgefochten. VW hat große Finanzielle Probleme, die nur durch seine anderen Marken sich verbergen. Mit 2% Marge hat VW ein großes Problem. Dazu falsche Modelle auf den großen Märkten wie USA und China. Würde die Förderung von Firmenwagen in Deutschland wegfallen würde VW auch in Deutschland große Probleme bekommen.
Es gibt zu viele Baustellen bei VW. Der selbstgewisse Schwabe Winterkorn hat nicht so gute Ergebnisse erzielt wie es wünschenswert für die Zukunft des Konzerns gewesen wäre. Er sollte selbstkritisch die Konsequenz ziehen und zurücktreten. Eine Position als Aufsichtsratschef wäre wohl unangebracht, weil er zu viele Probleme und zu wenige Lösungen im gesamten Konzern und insbesondere bei VW seit 2007 erbracht hat. Piëch will möglicherweise einen seiner Top Leute wie beispielsweise Porsche-Chef Matthias Müller oder Skoda-Chef Winfried Vahland oder andere durchsetzen.
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