Michael Kröger

Abgas-Affäre bei VW Die Trickser aus Wolfsburg

Eine Software, die erkennt, wenn ein Auto im Prüflabor steht - die Ingenieure von Volkswagen wollten der US-Umweltbehörde ein Schnippchen schlagen. Das ist keine kleine Schummelei, sondern handfester Betrug.
Bei der IAA war noch alles schön: Heinz-Jakob Neußer mit dem neuen VW Tiguan

Bei der IAA war noch alles schön: Heinz-Jakob Neußer mit dem neuen VW Tiguan

Foto: Hannelore Foerster/ Getty Images

Warum regen sich die Amerikaner eigentlich auf? Als Nation der Umweltschützer sind sie schließlich bisher nicht aufgefallen. Weiß doch jeder: Sie nutzen Fracking, um ihren Energiehunger zu stillen. Sie scheren sich nicht um das Ökosystem der Arktis, wenn es um billige Transportrouten geht - und die Höhe der Strafzahlungen für Umweltsünden hängt bei denen doch nur vom Honorar der Anwälte ab. Ein Staat also, der wie kaum ein zweiter eine Doppelmoral pflegt, wenn es darum geht, das Wohlergehen der eigenen Wirtschaft und der Umwelt miteinander in Einklang zu bringen, der sollte erst mal vor seiner eigenen Tür kehren, bevor er Unternehmen wie Volkswagen irgendwelcher Umweltvergehen bezichtigt.

Und überhaupt: Wer nimmt eigentlich Normzyklen für die Abgastests noch so richtig ernst? Niemand, der die Hintergründe kennt. Bei der Festlegung der Grenzwerte dürfen die verschiedenen Lobbygruppen ebenso mitreden wie über den Aufbau des Labors, in dem die Abgase schließlich gemessen werden. In etlichen Tests haben Umweltgruppen und Autoklubs bereits den Nachweis geliefert, dass die tatsächlichen Verbrauchs- und Schadstoffwerte teils eklatant von denen abweichen, die auf dem Prüfstand ermittelt wurden.

Nach dem zweiten Bier räumen auch Ingenieure der Autohersteller immer wieder ein, dass bei der Abstimmung der Autos das Abgasverhalten auf der Normrunde entscheidenden Einfluss hat. Selbst auf den Reifendruck wird dabei geachtet. Für die kurze Strecke im Test sind sie weit härter aufgepumpt, als es der Hersteller für den Alltagsgebrauch je erlauben würde.

Wenn aber im Grunde jeder weiß, dass der Abgastest eine Farce ist, wo liegt dann der Betrug?

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Im Falle von VW ist die Antwort einfach: Die Autos wurden nicht einfach herausgeputzt und in einzelnen Details für den Versuch hergerichtet, wie das in Europa tägliche Übung und im Rahmen der Bestimmungen erlaubt ist. Die VW-Ingenieure haben ihnen vielmehr einen versteckten Zweitmodus einprogrammiert: Dieser Mr. Hyde soll den Testern der US-Umweltbehörde EPA ein Schnippchen schlagen, während der Dr. Jekyll seinem Besitzer im Alltag größtes Fahrvergnügen bereitet. Das aber ist Betrug.

Hintergrund dieser fragwürdigen Vorgehensweise ist - und damit ist gleichzeitig das Klischee vom ewigen Umweltverschmutzer Amerika relativiert - der wesentlich strengere Abgastest in den USA. Dort nämlich greift sich die EPA einzelne Autos aus der Serie heraus, die dann nicht speziell aufgehübscht werden können. Auch ist der Fahrzyklus den Alltagssituationen wesentlich genauer nachgebildet. Zum Beispiel mit einigen Kilometern bei kaltem Motor oder im Stop-and-Go-Verkehr. Das Abgasverhalten auf dem Prüfstand entspricht damit viel eher der rauen Alltagswirklichkeit, als dies in Europa der Fall ist. Dieser Herausforderung wollte man sich bei VW offensichtlich nicht stellen.

Dabei wäre dies technisch sogar mit relativ einfachen Mitteln zu erreichen gewesen. Um die besonders problematischen Stickoxyde zu reduzieren, nutzen die Dieselbauer Harnstoff, der nur in genügender Menge eingespritzt werden muss. Weil man aber den Autobesitzern das lästige Nachfüllen während eines Tankstopps ersparen will, soll der Vorrat bis zum nächsten Service in der Werkstatt reichen. Ein offenes Wort an den Wagenbesitzer oder ein größerer Tank für das so genannte Ad Blue - dann wäre der Abgastest womöglich ganz ohne den heimlichen Tester-Detektor zu schaffen gewesen.

Den Schneid, ihren Kunden diese Unbequemlichkeit zuzumuten, hatten die VW-Leute nicht. Jetzt werden sie sich etwas einfallen lassen müssen, um ihnen zu erklären, warum sie sie stattdessen betrogen haben.

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Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

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