Rassistischer Werbeclip VW-Skandalvideo erschien früh auf Twitteraccount eines Topmanagers

Volkswagen hätte den Eklat um das rassistische Werbevideo verhindern können. Twitternutzer hatten den Konzern nach SPIEGEL-Informationen frühzeitig auf den problematischen Inhalt hingewiesen. Trotzdem wurde der Clip weiterverbreitet.

Wer Jürgen Stackmann auf Twitter folgt, konnte am 8. Mai ins Stolpern geraten. Unter dem Namen des Vertriebsvorstands der Marke Volkswagen erschien ein Werbeclip, der Wochen später für einen handfesten Skandal sorgen sollte. Eine übergroße weiße Hand schnipste einen Schwarzen durchs Bild. Der geschmacklose Spot wurde auf Stackmanns Account mit einem Satz auf Englisch kommentiert, der sich offenbar auf den beworbenen Golf 8 beziehen sollte: "Now if that's not Magic, what is?". Wenn das nicht Magie sei, was dann? 

Ein Twitternutzer reagierte prompt. "Maybe it's racism", antwortete er, vielleicht sei das, was man in dem Video sehen konnte, einfach nur Rassismus. Ein anderer wies darauf hin, dass in dem Spot ein Schwarzer von einer weißen Hand in ein Haus geschubst werde, auf dem "Petit Colon" stehe, zu Deutsch: kleiner Siedler. Wohl eine Anspielung auf den Kolonialismus.

Doch Volkswagen reagierte zunächst nicht mit einer Korrektur oder gar Entschuldigung. Stattdessen löschte VW das Video wenige Stunden später einfach nur von Stackmanns Twitteraccount. Endgültig aus dem Verkehr gezogen wurde der Clip jedoch nicht.

Nur elf Tage später, am 19. Mai, tauchte der Clip erneut auf, diesmal auf Instagram. Diesmal sorgte das skandalöse Werbevideo international für Schlagzeilen. Erst jetzt, am 19. Mai und danach, schien der Konzern zu erkennen, was er mit der Verbreitung dieses Videos angerichtet hatte - und entschuldigte sich für die rassistische Entgleisung.

Als Aufklärer ging jedoch ausgerechnet jener Topmanager an die Öffentlichkeit, auf dessen Twitteraccount der Skandalclip zuvor erschienen war: Vertriebsvorstand Stackmann. "Hass, Rassismus und Diskriminierung haben bei Volkswagen keinen Platz", erklärte er. "Ich werde in diesem Fall persönlich für volle Transparenz und Konsequenzen sorgen."

Wie konnte es zu dieser Pannenserie im weltgrößten Autokonzern kommen? Stackmann habe das Video nicht selbst gepostet, heißt es in Unternehmenskreisen, sondern ein Mitglied seines Mitarbeiterstabs.

Das Video wiederum ist von einer externen Agentur namens Voltage produziert worden, die bereits Konsequenzen angekündigt hat: Sollte ein Voltage-Mitarbeiter oder -Zulieferer vorsätzlich fremdenfeindliche oder rassistische Inhalte erstellt haben, werde das "zu einer sofortigen Kündigung und rechtlichen Maßnahmen führen".

Interne Kontrollmechanismen haben offenbar versagt

Das enthebt den VW-Konzern jedoch nicht von der Verantwortung, seine Werbung kritisch zu prüfen, ehe sie unter dem Markenlogo oder gar unter dem Namen eines Vorstandsmitglieds im Internet erscheint. Interne Kontroll- und Alarmmechanismen haben offenbar versagt. Zwar seien die Bedenken gegenüber dem Werbeclip bereits nach dem Twittervorfall weitergegeben worden, heißt es intern. Offenbar sei die Warnung jedoch nicht zu allen verantwortlichen Stellen durchgedrungen, sodass der Spot noch einmal erscheinen konnte.

Hinzu kommt, dass soziale Medien im VW-Konzern offenbar stiefmütterlich behandelt werden. Es gebe dafür weder einen richtigen Newsroom noch ein ausreichendes Monitoring, sagen Kritiker. Auch die Community-Pflege sei völlig unzureichend.

Der Konzern teilt auf Anfrage mit: "Der Account von Jürgen Stackmann wird professionell gemanagt. Über den Hinweis und die Löschung des von der Fachabteilung freigegebenen Videos war Herr Stackmann nicht informiert worden." 

Bei Volkswagen kümmert sich mittlerweile die Konzernrevision um das Thema. "Es wird der komplette Zeitraum betrachtet: von der Entstehung des Videos, bis zur ersten Veröffentlichung, bis zur berechtigten Kritik und der Reaktion des Unternehmens am 19. Mai. Dazu gehört auch der Tweet am 8. Mai auf dem Twitteraccount des Vertriebsvorstands Jürgen Stackmann", so VW.

Nach Angaben von Rechtsvorständin Hiltrud Werner wertet die interne Ermittlungseinheit Hunderte Dateien aus, analysiert Gigabyte von Daten und führt zahlreiche Gespräche. Ein erstes Ergebnis wird Ende der Woche erwartet.

Als Reaktion auf die SPIEGEL-Recherchen äußerte sich auch der VW-Betriebsrat. Der Umstand, dass der rassistische Clip bereits Anfang Mai auf Stackmanns Twitter-Account erschienen sei, gebe "dem Vorfall eine neue, besorgniserregende Facette", erklärten die Arbeitnehmervertreter auf Anfrage. Für Stackmann gelte die Unschuldsvermutung, mit seinen schon vor Jahren begonnenen Twitter-Aktivitäten sei er "bisher Vorreiter und Vorbild gewesen". Dennoch werde sich Stackmann "nun persönlich erklären müssen, was er wusste von dem Post auf seinem Twitter-Account, den Reaktionen darauf, vom Löschen des Beitrags und dem weiteren Umgang damit". 

Die Summe der Verfehlungen, so der Betriebsrat, rufe "nach einer gänzlich neuen Struktur, mit der Volkswagen künftig die Schnittstelle zwischen Kommunikation und Marketing gestaltet".

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