Umstrittenes Interview SPD und Grüne legen VW-Chef Rücktritt nahe

Der Chef von Volkswagen hätte wahrlich genügend Gründe für Selbstkritik - doch stattdessen teilt Matthias Müller in einem Interview in alle Richtungen aus. Politiker sprechen von "Kundenbeschimpfung".

Volkswagen-Chef Matthias Müller
AFP

Volkswagen-Chef Matthias Müller


Das Mindeste, was sich über das jüngste Interview von VW-Chef Matthias Müller sagen lässt, ist: Es irritiert.

Zu Beginn räumt der Manager zwar floskelhaft ein paar Fehler ein und beteuert, es sei dem Konzern "verdammt ernst" mit dem Neuanfang. Im Laufe des Gesprächs in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" fragt sich der geneigte Leser allerdings zusehends, ob der Chef des Skandalkonzerns wirklich zur kritischen Selbstreflexion in der Lage - und damit lernfähig - ist.

Dass Kunden in den USA mehrere Tausend Dollar Schadensersatz bekommen und in Europa keinen Cent? "Man kann das nicht über einen Kamm scheren", sagt Müller. Kunden in Europa entstehe kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften. Basta.

Dass VW allein in Deutschland 23.000 Stellen streicht? "Der Volkswagen-Konzern hat Fett angesetzt. Deshalb braucht es eine Schlankheitskur." Ist eben so.

Dass die Elektromobilität sich nicht durchsetzt? "Am Angebot mangelt es nicht, sondern an der Nachfrage: Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag grün, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger." Soll heißen: Wir bei VW sind nicht schuld.

Müllers zur Schau gestellte Uneinsichtigkeit trifft zumindest im politischen Berlin auf großes Unverständnis. "Das Interview ist eine Frechheit", sagt der Vizechef der SPD-Bundestagsfraktion, Sören Bartol. Der VW-Chef scheine nicht zu verstehen, in welcher Situation sein Unternehmen ist. "Er sollte erst mal ein Elektroauto mit ordentlicher Reichweite auf den Markt bringen." Und weiter: "Wer Kunden beschimpft und Mitarbeiter als Fett bezeichnet, sollte überlegen, ob er als VW-Boss noch an der richtigen Stelle ist."

Das sieht Oliver Krischer ähnlich: "Müller sollte sich fragen, ob er der Richtige ist, um dem VW-Konzern aus der Krise zu helfen", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Grünen im Bundestag. Ein Unternehmen, dessen Chef die Verbraucher für die eigene Misere verantwortlich mache, habe ein großes Problem. "Statt die Herausforderungen anzugehen, betreibt Müller Kundenbeschimpfung", sagt Krischer. Müllers Äußerungen verspielten weiteres Vertrauen, welches durch den Abgasskandal bereits stark gelitten habe.



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