VW und Toyota gegen Google und Apple Zögerlich eingelenkt

Volkswagen und Toyota haben lange gezaudert, nun kaufen sie sich bei Online-Fahrvermittlern ein. Google und Apple zwingen sie zum Handeln - und werden zur gefährlichen Konkurrenz der Autokonzerne.
Selbstfahrendes Auto von Google

Selbstfahrendes Auto von Google

Foto: Andrej Sokolow/ dpa

Zukunftstechnik hat bei Volkswagen-Chef Matthias Müller einen schweren Stand. "Das autonome Fahren stellt für mich einen Hype dar, der durch nichts zu rechtfertigen ist", sagte Müller als Chef der VW-Tochter Porsche dem Fachmagazin "auto motor und sport". Das ist nicht einmal ein Jahr her.

Doch mittlerweile zwingt Konkurrenzdruck Müller zum Umdenken: Volkswagen   hat angekündigt, im Geschäft der Internet-Fahrvermittler mitzumischen. 300 Millionen Dollar investiert der Wolfsburger Konzern beim Onlinedienst Gett, während zugleich Erzrivale Toyota bei dessen US-Konkurrenten Uber einsteigt. Gett könne als Grundlage für die Entwicklung tragfähiger Modelle zum Betrieb selbstfahrender Autos dienen, teilte VW mit.

Zögern gefährdet die Existenz etablierter Autokonzerne. Ähnlich wie bei der Elektromobilität bringt erst die Drohkulisse agiler Angreifer die Unternehmen zum Umdenken. Google und Apple arbeiten intensiv an Geschäftsmodellen, um Autofahrten mitsamt einem maßgeschneiderten neuartigen Servicenetz anzubieten. "Die Autohersteller müssen dem etwas entgegensetzen, sie können sich kein Abwarten leisten. Dennoch fehlt ihnen noch immer eine konsistente Strategie", sagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Diese werde "über die Zukunft der Autobranche entscheiden".

Zum Handeln gezwungen

Die IT-Großkonzerne haben ein lukratives Geschäft ausgemacht, in das sie vehement hineindrängen. Sie arbeiten an Roboter-Autos, die etwa als Taxi Kunden befördern und so wertvolle Daten über ihre Gewohnheiten sammeln. Durch Kooperationen lässt sich damit Geld verdienen. So könnte ein autonom fahrendes Taxi Kunden beispielsweise zu für sie interessanten Shops lotsen - auf Provisionsbasis.

"Für nutzungsbasierte Mobilitätsdienstleistungen ist global ein Gewinnpool in Größenordnung von 50 Milliarden Euro im Jahr 2030 zu erwarten", sagt der erfahrene Autoexperte Martin Stahl. Das locke viele Unternehmen an. "Integrierte Mobilitätsanbieter werden für Autohersteller zu einer großen Bedrohung, wenn sie sich nicht selbst dorthin entwickeln", warnt der Geschäftsführer von Stahl Automotive Consulting. Die Autobranche laufe Gefahr, zum reinen Autozulieferer für Konzerne wie Google   zu werden.

Gegenwehr beginnt

Reihum schalten die Hersteller daher auf Gegenwehr - und nun auch VW-Chef Müller. Den Einstieg bei Gett bezeichnete er auf Twitter als "Meilenstein für uns auf dem Weg zu ganzheitlichen Mobilitätslösungen". Die Wolfsburger arbeiten derzeit - auch als Reaktion auf den Abgasskandal - an einer neuen Strategie hin zum Mobilitätsdienstleister.

Gett hat sich von seinem Entwicklungsstandort in Israel aus zu einem führenden Anbieter in Europa für die Vermittlung von Fahrern per App entwickelt. Im Gegensatz zum US-Rivalen Uber haben die aber offizielle Lizenzen für die Personenbeförderung. Die 2010 gegründete Firma ist in mehr als 60 Städten aktiv - etwa in London, Moskau und New York.

Auch Toyota   schlägt erst jetzt mit dem Einstieg bei Uber diese Richtung ein, das nach eigenen Angaben bereits in mehr als 450 Städten agiert - sich dabei jedoch mit dem Taxigewerbe und vielen Behörden angelegt hat. Toyota will seine Fahrzeuge Uber-Fahrern anbieten und investiert in die Entwicklung künstlicher Intelligenz für selbstfahrende Autos. Und mit Opel-Mutterkonzern General Motors kaufte der dritte der drei weltgrößten Autobauer kürzlich eine Beteiligung an Uber-Rivale Lyft, um autonom fahrende Taxis zu entwickeln.

Daimler und BMW ziehen voran

Im Gegensatz zu den Rivalen ist Daimler   mit dem Kauf von MyTaxi längst in das Geschäft mit Fahrdiensten eingestiegen und lancierte früh das Carsharing-Angebot Car2Go. BMW   lässt seine Leihwagenflotte Drive Now ebenfalls schon seit Jahren fahren. Dagegen vollzog VW einen Schlingerkurs und zog sich erst im Januar aus seinem Pilotprojekt Quicar zurück. Der erhoffte Erfolg war ausgeblieben.

"Die Autobauer geraten in einen Mehrfrontenkrieg. So viele Problemfelder sind noch nie auf sie zugekommen", sagt Stefan Randak, Leiter der Praxisgruppe Automotive beim Interim-Management-Anbieter Atreus. Die Hersteller müssten neue Ideen entwickeln, wie sie sich voneinander abgrenzen, wenn dies nicht mehr durch Motortechnik möglich sei. Aus dem Carsharing auszusteigen, wie VW es tat, sei kurzsichtig gewesen, kritisiert Randak. Für einen erfolgreichen Wandel fehlten den Autobauern allerdings qualifizierte IT-Kräfte, Inspiration und Know-how von außen.

Paradigmenwechsel steht bevor

Wenn er auch spät kommt - der Wandel kann den Autobauern gelingen. Sie brauchen nun neue Geschäftsmodelle und dafür starke externe Partner. Die Kannibalisierung des bisherigen Geschäfts müssen sie in Kauf nehmen und schnell neues Know-how aufbauen, etwa für das Sammeln und Analysieren großer Datenmengen und den Aufbau neuartiger Services.

"Es beginnt ein Paradigmenwechsel", sagt Autoexperte Stahl. Ein autonom fahrendes Taxi werde für viele Menschen signifikant billiger sein, als das eigene Auto auf dem Stellplatz, hat Stahl berechnet. "Perspektivisch kann man die ersten Robotik-Taxis um 2025 am Markt erwarten." Die Prognose Stahls zeigt: Mit seiner früheren Einstellung hat sich VW-Chef Müller klar verschätzt.


Zusammengefasst: Die Automobilkonzerne haben lange gezögert, nun bauen sie neue Geschäftsfelder auf. Volkswagen und Toyota ziehen den Konkurrenten nach und steigen bei Online-Fahrdienstvermittlern ein. Sie reagieren auf den Druck durch IT-Großkonzerne wie Google und Apple, die in das Mobilitätsgeschäft einsteigen. Ein Paradigmenwechsel steht bevor, der die Autokonzerne zu einem enormen Wandel nötigt.