Klage wegen Abgasmanipulationen Wie ein US-Anwalt deutschen VW-Kunden zu Entschädigungen verhelfen will

VW lässt sich nicht lumpen: Kunden, die Autos mit Manipulationssoftware gekauft haben, sollen bis zu 10.000 Dollar bekommen - allerdings nur in den USA. Deutsche Kunden gehen bisher leer aus, ein US-Anwalt will das aber ändern.

Volkswagen-Autohaus
DPA

Volkswagen-Autohaus


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Immerhin: Ganz allein sind deutsche Autofahrer im Kampf gegen den Volkswagen-Konzern dann doch nicht. Sie haben jetzt den US-Anwalt Michael Hausfeld an ihrer Seite, der schon Milliarden für Zwangsarbeiter aus der Nazizeit oder Geschädigte der Exxon-Valdez-Ölpest erstritten hat. Im Fall VW wittert er die nächste große Geschäftsmöglichkeit.

Vor wenigen Wochen reiste der Amerikaner mit der Vorliebe für bunte Fliegen deshalb nach Deutschland. Europäische VW-Besitzer seien "ohne Frage betrogen" worden, erklärte er mit einer leisen feinen Stimme an der Seite von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Praktischerweise hat Hausfeld Anfang des Jahres in Berlin eine Dependance eröffnet, wo sein deutscher Statthalter Christopher Rother jetzt alles tut, um auch den mehr als acht Millionen vom Abgasskandel betroffenen VW-Besitzern in Europa noch zu einer Entschädigung zu verhelfen.

Denn während sich US-Kunden von VW wohl auf insgesamt mehr als 10 Milliarden Dollar Kompensation freuen dürfen, gehen VW-Besitzer in Deutschland und anderen europäischen Ländern bisher weitgehend leer aus. Ihre Fahrzeuge sollen umgerüstet werden, mehr nicht - auch wenn ihre Autos durch die Manipulationen an Wert verloren haben.

"Es kann nicht sein, dass VW-Besitzer ausgerechnet im Heimatmarkt Kunden zweiter Klasse sind", sagt Marion Jungbluth, die zuständige Teamleiterin beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). "Das Mindeste wäre, dass VW auch den deutschen Kunden den Rückkauf ihrer Wagen anbietet." Doch nach einem ersten Gespräch mit VW im Dezember über eine mögliche Kompensation sei nichts mehr gekommen, so Jungbluth. Auch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte sich das Unternehmen nicht.

VW hat nicht viel zu befürchten

Der Grund: VW hat von hiesigen Fahrzeughaltern nicht viel zu befürchten. US-Konsumenten können sich zusammentun und in Sammelklagen Milliarden an Schadenersatz gegen Unternehmen erstreiten. In Deutschland gibt es diese Möglichkeit nicht. Theoretisch muss jeder Autofahrer seine Ansprüche individuell vor Gericht durchsetzen.

"Wir haben ein anderes Rechtssystem als in den USA", stellt das Bundesverkehrsministerium von Alexander Dobrindt (CSU) nüchtern fest. Den Verkehrsminister hatte der vzbv um Hilfe in der Sache gebeten - viermal haben ihn die Verbraucherschützer angeschrieben, eine Antwort kam nie. "Wir haben VW verpflichtet, die Fahrzeuge in den rechtskonformen Stand zu bringen, so dass der Kunde nach der Umrüstung genau das Auto hat, das ihm beim Verkauf versprochen wurde", schreibt das Ministerium dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Die Kanzlei Hausfeld will mehr herausholen. Sie hat sich deshalb mit einem Prozessfinanzierungsunternehmen zusammengetan und eine Website eingerichtet, auf der Kunden ihre Ansprüche abtreten können. Der Vorteil: Wenn VW sich nicht auf einen Vergleich einlässt, kostet die Kunden das nichts. Verliert VW und gesteht Entschädigungen zu, kassiert der Prozessfinanzierer davon bis zu 35 Prozent.

Zählt man Betreiber von Autoflotten und Gewerbetreibende hinzu, hat die Kanzlei Hausfeld auf diesem Wege schon 100.000 Mandanten geworben. Und das soll nur der Anfang sein: Fünf bis zehn Prozent aller Betroffenen in Europa will Rother im besten Fall zusammenbekommen. "Sobald man eine kritische Masse erreicht hat, wird sich VW sicherlich sehr viel offener für einen Vergleich zeigen", sagt er. Bislang hat das Unternehmen sich nämlich auf Kontaktversuche Hausfelds nicht eingelassen. Ein Schreiben der Kanzlei wurde gar nicht erst angenommen.

Auch VW-Aktionäre schließen sich zusammen

Auf eine friedliche Einigung setzt dagegen der österreichische Anwalt Eric Breiteneder. Mit anderen Anwälten hat er eine Stiftung in den Niederlanden gegründet, bei der sich Autofahrer kostenlos registrieren können. Wenn es der Stiftung gelingt, einen Vergleich mit VW auszuhandeln, kann ein Gericht in Amsterdam das Ergebnis für europaweit gültig erklären.

Mit einer zweiten Stiftung will Breiteneder auch den Aktionären helfen, die durch den Skandal Geld verloren haben. Wären die Abgasmanipulationen schon früher bekannt gewesen, hätten sie womöglich niemals VW-Aktien gekauft, lautet die Argumentation - oder zu einem günstigeren Preis.

Auch in Deutschland haben sich schon reichlich Anlegeranwälte in Stellung gebracht - denn für Aktionäre ist es leichter, sich zusammenzutun. Sie haben die Möglichkeit, ein so genanntes "Kapitalanleger-Musterverfahren" beim zuständigen Landgericht Braunschweig durchzusetzen. In einem solchen Verfahren wird der Beispielfall eines Anlegers stellvertretend verhandelt und entschieden. Das Ergebnis wird dann auf alle Betroffenen angewendet, die sich dem Verfahren angeschlossen haben.

Der Fall VW könnte sogar den Skandal um Tausende geprellter Telekom-Aktionäre in den Schatten stellen, für die das so genannte KapMuG einst geschaffen wurde. Das glaubt zumindest der Tübinger Anleger-Anwalt Andreas Tilp, der auch in dem zähen Telekom-Prozess den Musteranleger vertrat.

"Aus unserer Sicht haben alle Aktionäre, die zwischen dem 6. Juni 2008 und dem 18. September 2015 ihre Wertpapiere gekauft haben, einen Anspruch auf Schadensersatz", sagt er. "Wir können nämlich beweisen, dass VW schon im Juni 2008 die Absicht hatte, Abgaswerte der Diesel-Motorbaureihe EA189 zu manipulieren." Eine Anlegerklage über insgesamt 3,3 Milliarden Euro hat Tilp deshalb bereits eingereicht, eine weitere in ähnlicher Größenordnung soll bald folgen.

Das Problem: Die Bearbeitung der Anträge beim zuständigen Landgericht Braunschweig verläuft zäh und es könnte noch Monate dauern, bis das Verfahren eröffnet wird. "Am 20. September allerdings könnten die Ansprüche von zigtausend Anlegern verjähren", warnt der Berliner Jurist Dietmar Kälberer. Denn dann ist ein Jahr vergangen, seitdem der Abgasskandal bekannt wurde.

Anleger sollten deshalb vor diesem Termin Klage einreichen - ob es nun schon ein Musterverfahren gibt oder nicht. "Aktionären, die weniger als 5000 Euro Schaden geltend machen, raten wir allerdings davon ab, alleine vor Gericht zu ziehen. Das würde für sie schlicht zu teuer."


Zusammengefasst: Ein US-Anwalt will auch für VW-Kunden in Europa Schadensersatz für die Abgasmanipulationen erstreiten - 100.000 Mandanten hat er bereits zusammen. Die Erfolgsaussichten sind aber unsicher. Bessere Chancen haben Volkswagen-Aktionäre, für die ein deutscher Anwalt bereits Musterklagen eingereicht hat.

insgesamt 219 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hilfskraft 29.06.2016
1. Umkehrschluss
vielleicht ist dem VW Konzern diese Betrügerei auch nur eingefallen, weil unsere Rechtssprechung stets Konzern-like gestaltet wurde/wird ... ??? Hier beneide ich die US-Bürger.
netri 29.06.2016
2.
Richtig so! Warum sollte VW die europäischen Kunden anders behandeln als die US Kunden? Sie beschissen also sollen sie zahlen und nein ich bin mit meinem alten Audi nicht betroffen :)
Spiegelleserin57 29.06.2016
3. interessant wer...
hier alles ein Geschäft wittert. Deutsche Kunden sollten da sehr aufmerksam sein denn hier wird nach deutschem Recht geurteilt und das ist gänzlich anders als das amerikanische. Auch die Kosten des Anwaltes dürften erheblich teuerer sein und ob eine deutsche Rechtsschutzversicherung einen amerikanischen Anwalt bezahlt bleibt dahingestellt. Da winken viele Fragen die geklärt werden sollten BEVOR man einen solchen Anwalt beauftragt!
dasistdasende 29.06.2016
4. Kurzfristig gedacht
Kurzfristig mag VW hier bei den Entschädigungen für deutsche VW Kunden sparen. Für welche Marke sich diese Kunden beim nächsten Autokauf entscheiden ist eine andere Frage. Wer kauft sich schon erneut einen VW nachdem er zuerst vorsätzlich betrogen und anschließend als Kunde 2. Klasse behandelt wird ? Bestimmt nicht viele.
ray8 29.06.2016
5. Gewährleistung-BGB
Es ist Blödsinn. Eine Entschädigung wie in den USA würde unser ganzes Gewährleistungsrecht auf den Kopf stellen. Der Mangel wird durch VW beseitigt, der Kunde hat keinen Schaden mehr, der ersetzt werden müsste.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.