VW Zwei Favoriten für Winterkorn-Nachfolge

Die Zeit drängt: Bis Anfang Mai muss der VW-Aufsichtsrat eine Entscheidung über die Zukunft von Martin Winterkorn getroffen haben. Dass der Vorstandschef bleibt, gilt als unwahrscheinlich - geeignete Nachfolger gibt es.

Martin Winterkorn: Der Volkswagen-Chef ist angezählt
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Martin Winterkorn: Der Volkswagen-Chef ist angezählt

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Konzernpatriarch Ferdinand Piëch ordnet sein Vermächtnis bei Volkswagen. Warum er die Diskussion über Vorstandschef Martin Winterkorn ausgerechnet jetzt vom Zaun gebrochen hat, darüber rätseln Beobachter.

Doch genauer betrachtet, scheint der Zeitpunkt gar nicht schlecht gewählt. Es läuft derzeit zwar noch gut im Konzern, doch absehbar ist auch, dass gravierende Veränderungen eingeleitet werden müssen, damit Volkswagen auf Kurs bleibt. Und Piëch ist offensichtlich der Meinung, dass Winterkorn nicht der Richtige ist, um den Wandel voranzutreiben. Die Gründe kennt wahrscheinlich nur der Patriarch selbst.

Lange und lähmende Debatten kann sich Volkswagen nicht leisten. Bis zum 5. Mai muss der Aufsichtsrat eine Lösung gefunden haben, wenn die Hauptversammlung nicht zum Fiasko werden soll. Am heutigen Donnerstag trifft sich das Präsidium gegen 15 Uhr in Salzburg, um sich auszusprechen. Nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" will Winterkorn sich den Forderungen nach einem Amtsverzicht nicht beugen, sondern im Gegenteil, auf einer Verlängerung seines Vertrages bestehen.

Dass Piëchs diesem Ansinnen nachgibt ist unwahrscheinlich. Sein Kalkül dürfte sein: Mit einem klugen Vorschlag lassen sich die Gemüter im Aufsichtsrat schnell beruhigen.

Geeignete Kandidaten stehen jedenfalls in ausreichender Zahl zur Verfügung. SPIEGEL ONLINE stellt sie vor:

Porsche-Chef Matthias Müller: Als Meisterstück des 61-jährigen Topmanagers gilt die reibungslose Integration des Stuttgarter Sportwagenbauers Porsche in den Konzernverbund. Auch sonst kennt er das Reich bestens. Seine Karriere begann er bei Audi, sie führte ihn über mehrere Stationen bis zur Leitung der Abteilung für Konzernstrategie in Wolfsburg. Zu Piëch selbst hat er sogar persönlich Kontakt.

Heinz-Jakob Neußer: Der 55-Jährige gilt unter Beobachtern als Geheimtipp. Er ist jung und hat im Konzern bereits einige Meriten gesammelt. Vor allem genießt der Entwicklungsvorstand von VW einen Ruf als herausragender Techniker, der auch über diplomatisches Geschick verfügt. Anders als Müller wäre er jedoch kein Kandidat für den Übergang. Das könnte die Entscheidung des Aufsichtsrats hemmen.

Herbert Diess: Der Ex-Einkaufschef von BMW hat noch nicht einmal bei Volkswagen angefangen. Erst im Sommer soll er in Wolfsburg seinen Job als Vorstand der Marke VW antreten. Er gilt als entschlossener Sanierer, der mit Sentimentalitäten für traditionelle Vorgehensweisen wenig am Hut hat. Seine Karriere bei VW wird auch davon abhängen, ob es ihm gelingt, den Rückhalt der Belegschaft zu gewinnen. Es wäre eine Überraschung, wenn ihm der Aufsichtsrat sofort den Posten von Winterkorn anvertraut.

Andreas Renschler: Dem Ex-Daimler-Vorstand kommt eine Schlüsselrolle im Konzern zu. Er soll die in tiefer Abneigung verbundenen Lkw-Bauer Scania und MAN zusammenführen. Das Talent dafür bescheinigen dem Nutzfahrzeuge-Vorstand viele: Er gilt als charmant und durchsetzungsfähig – und als jemand, der sich ausgezeichnet mit Gewerkschaftern verständigen kann. Wenn ihm die Integration der Schwerlast-Sparte gelänge, könnte er damit vielleicht sogar den Makel tilgen, kein Ingenieur zu sein. In Piëchs Kosmos sind nämlich allein Techniker in der Lage, das Volkswagenreich zu regieren.

Rupert Stadler: Dem Audi-Chef aus Ingolstadt sagt man trotz der Entfernung zu Wolfsburg ein enges Verhältnis zu Piëch nach. Kein Wunder – schließlich war er einmal sein Büroleiter. Sachlich spricht wenig gegen ihn. Er führt die Premium-Konzerntochter seit Jahren mit großem Erfolg und trägt den größten Teil zum Gewinn des Gesamtkonzerns bei. Allerdings war zuletzt auch Kritik laut geworden, weil Audi seine technische Vorreiterstellung eingebüßt hat. Volkswagen-Technik-Guru Ulrich Hackenberg zog eigens nach Ingolstadt, um das zu ändern. Ein größeres Hindernis beim Sprung an die Konzernspitze dürfte für Stadler nicht die Audi-Technikschwäche, sondern sein Abschluss sein: Der 52-Jährige ist Betriebswirt und kein Ingenieur.

Winfried Vahland: Der 57-Jährige ist mit der Führung von Skoda wesentlich bodenständiger unterwegs als sein Kollege Stadler. Doch er ist kaum weniger erfolgreich. Mit größtem Geschick hat Vahland die tschechische Marke zum Anbieter von Technik-Feinkost im Massensegment entwickelt. Pro Auto verdient Skoda rund doppelt so viel, wie die Stammmarke VW. Allerdings ist Mladá Boleslav, der Sitz von Skoda, recht weit weg von Wolfsburg – und von Piëchs Wohnort Salzburg auch. Die Zahl der Vahland-Fürsprecher ist entsprechend gering.

Hans-Dieter Pötsch: Der Österreicher gilt schon lange als einer der mächtigsten Männer im Konzern. Er ist zwar für die Finanzen zuständig, findet aber auch Gehör, wenn es um strategische Entscheidungen geht. Als Wirtschaftsingenieur hat er im Studium auch einiges über das Ingenieurswesen gelernt. Pötsch könnte als Übergangskandidat zum Zuge kommen - für den Fall, dass man im Aufsichtsrat sonst keine Einigung findet. Denn kritisch betrachtet ist Pötsch auch ein Mann der alten Garde. Und mit 66 Jahren stünde seine Karriere in anderen Konzernen schon vor dem Ende.



insgesamt 32 Beiträge
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busytraveller 16.04.2015
1. Thomas Middelhoff
Derzeit vielleicht der einzige deutsche Manager, der sich bezüglich des äußeren Umfeldes mit einem EIntritt in den VW Vorstand verbessern kann.
Don_Draper 16.04.2015
2. Das ist
lustig, einen 55jährigen (Hans-Jakob Neusser) als jung zu beschreiben. Ich bin 50 geht rute rwie Öl, nur leider stimmt es nicht.
thrashmail 16.04.2015
3. Spon
wie wärs denn mal zu versuchen aufzuklären was genau Pietch Winterkorn vorwirft ? Ich finde da nichts konkretes. Geht es um schlechte wirtschaftliche Ergebnisse oder gar nur etwas persönliches ?
Icestorm 16.04.2015
4. W. brachte Piech-Doktrin ins Wanken
Der Aufstieg von VW zur Weltmarke #1 war Piechs erklärtes Ziel. Nun schwächelt VW, hat weniger Rendite, tut sich in den USA schwer - und so zog Piech an der Gouillotine den Hebel.
huettenfreak 16.04.2015
5. Hochmut
Das Auto. Das Beste oder nichts. Die werbeversprechen deutscher Autohersteller klingen sehr überheblich. Beim näheren Hinsehen bleiben jedoch viele Fragezeichen. Auch in Bezug auf die "Führungskräfte".
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