Dieselskandal Die Vertuscher von VW

Die neuen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den früheren VW-Chef Martin Winterkorn zeigen, wie massiv Vorstand und Aufsichtsrat des Autokonzerns bei der Aufklärung des Dieselskandals versagen.

Hans Dieter Pötsch (r.), Matthias Müller
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Hans Dieter Pötsch (r.), Matthias Müller


An dieser Stelle muss man einmal jemanden loben: die Staatsanwaltschaft Braunschweig, weil sie die Ermittlungen gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn ausgedehnt hat. Neben den Ermittlern in den USA scheinen die Damen und Herren in Braunschweig mittlerweile die Einzigen zu sein, die den Dieselskandal noch ernsthaft aufklären wollen.

Am Anfang waren es - scheinbar - noch ganz viele. "Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt", gelobte Hans Dieter Pötsch, der Aufsichtsratsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns. "Wir sind dabei, schonungslos aufzuklären." Und Konzernchef Matthias Müller versprach mehrfach, die Ermittlungsergebnisse der Kanzlei Jones Day, die vom Unternehmen mit der Aufklärung beauftragt wurde, würden veröffentlicht.

Inzwischen hat Müller seine Meinung geändert. Die Untersuchungen von Jones Day, die mehrere Hunderttausend Seiten Protokolle, Notizen und E-Mails auswertete, die über hundert Zeugen befragte, viele sogar mehrfach, dies alles soll jetzt doch unter Verschluss bleiben.

Und was macht der Aufsichtsrat, in dem der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der Betriebsratsboss Bernd Osterloh und der IG-Metall-Chef Jörg Hofmann vertreten sind? Er trägt diese Politik offenbar mit.

So haben die Kontrolleure noch immer keine Schadensersatzklage gegen Ex-Chef Martin Winterkorn eingereicht. Sie ließen Winterkorn auf der Hauptversammlung sogar die Entlastung erteilen. Und sie ließen ihm das Millionengehalt bis Ende 2016 weiter ausbezahlen und seitdem eine Rente von mehr als 3000 Euro pro Tag. Wie wollen ein SPD-Ministerpräsident und zwei Gewerkschafter dies eigentlich noch ihren Gefolgsleuten erklären?

Es ist nicht zu erklären. Außer vielleicht durch die Furcht, dass der Konzern zusätzlich zu den bisherigen Strafen noch viele Milliarden an Schadensersatz für Kunden und Aktienbesitzer zahlen müsste, wenn alle Details und alle Hintergründe des Skandals bekannt würden.

Es ist offenkundig: Pötsch und Müller wollen verheimlichen. Sie wollen unbequeme Wahrheiten unter den Teppich kehren. Wer wissen will, was wirklich im größten Skandal der Geschichte des VW-Konzerns geschah, muss auf die Ermittler in den USA und Deutschland setzen.



insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
th.diebels 27.01.2017
1.
Die Vertuscher ! Dem ist nichts hinzuzufügen !
oldman2016 27.01.2017
2. Wo ist der politische Druck
Anfangs habe ich mich ernsthaft gefragt, wo eigentlich der politische Druck auf die Verantwortlichen bei Volkswagen bleibt. Dann ist mir Roland Koch, der brutalsmögliche Aufklärer aller Zeiten, eingefallen, der einen Steuerfahnder - der die windigen Geschäfte des Frankfurter Bankenviertels ins Visier genommen hat - für geisteskrank erklären ließ. Dieser Roland Koch gehörte einer Partei an, die heute von einer evangelischen Pfarrerstochter geführt wird. Jetzt frage ich mich nicht mehr, wo der politische Druck zur Aufklärung des VW-Skandals bleibt.
tulius-rex 27.01.2017
3. unser Strafrecht
Unser Strafrecht sagt zwar: niemand muss sich im Strafverfahren selbst belasten. Aber wie wäre es mit ein bisschen mehr Anstand der Führungspersönlichkeiten, die so viel von persönlicher Verantwortung faseln und dafür fürstlich entlohnt werden??
jjcamera 27.01.2017
4.
Wer könnte ein Interesse daran haben, den zweitgrößten Automobilkonzern der Welt zu zerschlagen und damit die Lebensgrundlage für hunderttausende Menschen zu vernichten? Ein Sadist? Ich fürchte, in der Globalwirtschaft muss sich auch manchmal die Gerechtigkeit hinten anstellen. Selbst ein Winterkorn kann den Schaden, den er angerichtet hat, nicht aus der eigenen Tasche bezahlen. Er kann lediglich mit seinen Kollegen vom Aufsichtsrat dafür in den Knast gehen. Aber dann fehlt Niedersachsen ein Ministerpräsident.
max-mustermann 27.01.2017
5.
Tja mal ein kleiner Vergleich. In den USA drohen den Verantwortlichen des Skandals lebenslange Haftstrafen und die getäuschten Verbraucher bekommen riesige Entschädigungszahlungen. Bei uns lachen sich die Verantwortlichen ins Fäustchen, scheiden mit goldenem Handschlag aus dem Unternehmen aus und die getäuschten Verbraucher bekommen vom Unternehmen und unseren Politikern den Mittelfinger gezeigt. Toll !
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