Chefposten im Aufsichtsrat Alle Zeichen stehen auf Winterkorn

Mit dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Piëch steht VW vor einem Problem: Wer füllt die Lücke, die der "Alte" hinterlässt? Allzu viele Möglichkeiten haben die Wolfsburger nicht.
Schattenriss von Vorstandschef Winterkorn: Wie weit reicht Piëchs Arm noch?

Schattenriss von Vorstandschef Winterkorn: Wie weit reicht Piëchs Arm noch?

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Es sind einige, die aufatmen im Volkswagenreich. Jetzt, nachdem Ferdinand Piëch, den viele nur den "Alten" nennen, den Bettel hingeschmissen hat, fällt der lähmende Druck weg. "Die Frage, was Piëch wohl dazu sagen würde, stand bei jedem Meeting unausgesprochen im Raum", sagt ein Ingenieur aus Wolfsburg. "Früher empfanden wir das als kreativen Input, in den letzten Jahren jedoch immer mehr als Stressfaktor."

Die Zeit war offensichtlich abgelaufen für den Patriarchen, der Volkswagen mehr als 40 Jahre lang entscheidend prägte. Zuerst bei der Ingolstädter Tochter Audi und später als Vorstands- und Aufsichtsratschef in der Zentrale in Wolfsburg. Was kaum einer für möglich gehalten hatte, wurde am Samstagabend klar: Die Präsidiumsmitglieder des Aufsichtsrats, die sich im Machtkampf zwischen Piëch und Vorstandschef Martin Winterkorn auf die Seite des Vorstandschefs gestellt hatten, haben dem Druck standgehalten, die Reihen um Winterkorn blieben geschlossen. Für Piëch blieb keine andere Möglichkeit als der Rücktritt.

Doch auch wenn die Erleichterung spürbar ist - einfach werden die kommenden Monate nicht für den VW-Konzern:

  • Die Marke VW hat unübersehbare Schwächen auf dem US-Markt, in Sachen Rendite und bei der Modellstrategie.
  • Audi gilt nicht mehr wirklich als technische Avantgarde.
  • Der für Volkswagen wichtigste Markt China verliert deutlich an Dynamik.
  • Im Gesamtkonzern fehlen die Antworten auf die Mobilitätsfragen der Zukunft, zum Beispiel auf die Trends zum Carsharing oder zum Elektroauto.

Nachfolger gesucht

Noch ist die Situation nicht dramatisch - doch die entscheidenden Weichenstellungen müssen bald erfolgen. Umso wichtiger ist es, die Nachfolge an der Spitze des Aufsichtsrats schnell zu regeln. Und vor allem: den Richtigen zu finden.

Aus Sicht von Aktionärsschützer Ulrich Hocker kommen die Verwerfungen bei VW im Prinzip zum richtigen Zeitpunkt: "Jetzt besteht die Chance für einen Generationenwechsel. Eine jüngere Garde übernimmt die Aufgaben im Vorstand, und Martin Winterkorn wacht als Aufsichtsratsvorsitzender darüber", erklärt der Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Für eine Übergangszeit könnte Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber das Amt kommissarisch übernehmen.

Winterkorn sehen viele Beobachter in der Favoritenrolle für den AR-Vorsitz. Auch Max Warburton von Bernstein Research sieht es so. Der Wechsel könnte sogar recht schnell gehen, schätzt der Auto-Analyst. Dann nämlich, wenn sich alle Beteiligten auf Porsche-Chef Matthias Müller als Vorstandvorsitzenden einigen könnten. Die Wahl könnte die Wogen im Zerwürfnis mit Piëch glätten. Müller ist auch Piëchs Wunschnachfolger, er hatte Müller schon gebeten, sich für diesen Schritt bereitzuhalten.

Ob Piëch diese Lösung aber als Kompromiss akzeptieren würde, ist offen. Und Einfluss besitzt er auf jeden Fall noch, Piëch hält immerhin 6,7 Prozent der Stammaktien.

Kandidat von außen

Doch wer käme außer Winterkorn als Aufsichtsratsvorsitzender in Betracht? Womöglich Piëchs Cousin Wolfgang Porsche, derzeit Chef der Porsche Holding PSE, über die die Familien Piëch und Porsche ihre Anteile an VW halten. Doch dem wenig machthungrigen Diplomkaufmann räumen Beobachter nur geringe Chancen ein. Ebenso wenig der jüngeren Generation im Piëch/Porsche-Clan, zu der Josef Ahorner und Florian Piëch gehören. Ahorner ist der Sohn von Piëchs verstorbener Schwester Louise. Florian ist das Kind von Piëchs älterem Bruder Ernst. Florian Piëch wäre schon deshalb eine Überraschung, weil sein Familienzweig die Anteile an der PSE vor langer Zeit abgegeben hat.

Als Kandidat von außen empfiehlt sich nach Überzeugung von Experten am ehesten noch Wolfgang Reitzle. Der 66-Jährige würde über ausreichend Expertise verfügen, schließlich arbeitete er vor seiner Berufung zum Vorstandschef des Gaseherstellers Linde bei BMW und galt lange Zeit als einer der Superstars unter den Dax-Konzernherren. Überdies wäre er im Familienclan konsensfähig, denn er verfügt über gute Kontakte sowohl zu den Piëchs als auch zu den Porsches. In Zeiten innigen Streites zwischen den VW-Besitzern sind direkte und eigenständige Kontakte zu den Oberhäuptern womöglich entscheidend.

Aber hätte Reitzle bessere Chancen als Winterkorn? Wohl nicht. Keiner kennt den Konzern so gut wie der ehemalige Piëch-Gefolgsmann. Er weiß, wen er für eine zweite Meinung zu den Hochglanz-Präsentationen fragen muss, die Vorstände ihren Aufsehern gerne auftischen. Und am Ende ist dies die wichtigste Kompetenz eines Chefkontrolleurs.

Zusammengefasst:
Nach dem überraschenden Rücktritt von Ferdinand Piëch muss Volkswagen die Nachfolge an der Spitze des Aufsichtsrats früher regeln als gep
lant. Wahrscheinlichster Kandidat ist Martin Winterkorn. Experten sehen darin eine Chance: Denn nur so ist ein Neubeginn möglich, der verhindern könnte, dass der Konzern in eine Krise schlittert.

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