Streit mit Zulieferer  Wie der VW-Machtkampf Mitarbeiter und Kunden trifft

Wegen zwei renitenten Zulieferern muss VW Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und womöglich wichtige Bauteile beschlagnahmen. Was sind die Folgen des Machtkampfs? Die Antworten.

Autostadt am VW Werk in Wolfsburg (Archivbild)
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Autostadt am VW Werk in Wolfsburg (Archivbild)

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Worum geht es?

Wegen einer Blockade von zwei Zulieferern kann VW vorerst keine Golf-Modelle mehr fertigen und musste in Emden Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit schicken. Laut "Handelsblatt" kostet der Produktionsausfall VW pro Woche einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag.

Offizieller Grund für den Lieferboykott ist ein Rechtsstreit zwischen VW und der Unternehmensgruppe Prevent, der Mutter der zwei betroffenen Zulieferer. Bei dem Konflikt geht es um die Frage, wer die Kosten für ein gescheitertes Gemeinschaftsprojekt tragen soll.

Branchenkennern zufolge geht es aber in Wahrheit um etwas anderes: Wegen der Abgasaffäre versuche VW derzeit, die Kosten zu drücken und bei seinen Zulieferern niedrigere Preise herauszuschlagen, sagen Insider. Prevent wehrt sich nun offenbar dagegen.

Welche Werke sind betroffen?

Bislang musste nur das Werk in Emden wegen des Lieferboykotts Maßnahmen ergreifen. Das VW-Werk in Kassel hat jedoch ebenfalls schon Produktionsprobleme wegen fehlender Getriebeteile. In Kassel wird rund die Hälfte aller Getriebe für den Konzern gefertigt. Kommt es dort zu Ausfällen, droht eine Kettenreaktion: Dann könnte bald auch die Produktion in Wolfsburg und Zwickau stocken.

Wo produziert VW was?

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Quelle: Handelsblatt, VW Navigator

Ich habe bei VW ein Auto bestellt. Kommt das jetzt später?

Das kann schon sein. Zwar hat der Vertrieb von VW dazu noch keine offiziellen Angaben gemacht. Erste Händler erhalten aber schon Anrufe von Kunden, die sich fragen, ob ihr bestellter Wagen pünktlich kommt.

Autoexperte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler hält Verzögerungen für möglich. Diese dürften aber zunächst moderat ausfallen und maximal einige Wochen betragen. Zudem dürfte nicht jeder bestellte Neuwagen betroffen sein.

"August ist ein klassischer Ferienmonat", sagt Pieper. In vielen Werken werde ohnehin nur auf Sparflamme produziert. "Sollte sich die Produktion wegen fehlender Teile verzögern, könnte der VW-Konzern den Rückstand rasch wieder aufholen, indem er nach den Ferien die Produktion entsprechend stärker anfährt."

Wirklich problematisch würde der Zuliefer-Engpass für VW erst im September, sagt Pieper. Dann nämlich wäre die Ferienzeit vorbei. "Gut möglich, dass Prevent und VW ihren Machtkampf deshalb im August austragen."

Was steckt hinter dem Unternehmen Prevent?

Die Firma Prevent ist ein klassischer Mischkonzern, der unter anderem Sitzbezüge, Möbel, Jachten und Kleidungsstücke herstellt. VW hat Streit mit zwei Prevent-Töchtern: dem Getriebehersteller ES Automobilguss und dem Sitzehersteller Car Trim. Prevent hatte die beiden Zulieferer erst vor wenigen Monaten übernommen.

Warum kann kein anderer Zulieferer einspringen?

Konzerne wie VW erhalten von ihren Zulieferern passgenaue Teile. "Fällt ein Zulieferer aus, kann es Wochen dauern, bis ein anderer einspringt", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Denn die Teile des neuen Zulieferers müssen erst eine Reihe Prüfverfahren durchlaufen. Dazu geht es bei Kunden wie VW immer gleich um riesige Aufträge. Solche Volumen können gerade kleinere Zulieferer meist nicht aus dem Stand bedienen.

Wer wie VW bei manchen Teilen nur auf einen Zulieferer setzt, mache sich ein Stück weit erpressbar, sagt Bratzel. Die Firma Prevent scheint das gerade auszunutzen.

Was bedeutet es für die Mitarbeiter, wenn Kurzarbeit droht?

Wegen des Lieferstreits hat Volkswagen angekündigt, neben Emden auch an anderen Standorten Flexibilisierungsmaßnahmen zu prüfen. Betroffen seien unter anderem die Werke in Wolfsburg, Kassel und Zwickau. Zu den Flexibilisierungsmaßnahmen könnte zählen, dass Mitarbeiter angehalten werden, ihre Ferien um ein paar Tage zu verlängern oder Überstunden abzubummeln. Oder dass sie in Kurzarbeit gehen.

Beschäftigte in Kurzarbeit erhalten vom Arbeitgeber entsprechend weniger Lohn oder Gehalt. Wer normalerweise zum Beispiel 3000 Euro brutto pro Monat verdient, bekommt nur noch 1800 Euro, wenn die Arbeitszeit um 40 Prozent reduziert wird. Netto bedeutet das bei Steuerklasse 1 einen um 644 Euro niedrigeren Verdienst.

Diesen Verlust gleicht die Bundesagentur für Arbeit mit dem sogenannten Kurzarbeitergeld zumindest teilweise aus. Sie zahlt 60 Prozent des entgangenen Geldes, im konkreten Beispiel also 386 Euro. Bei Angestellten mit Kindern übernimmt die Agentur sogar 67 Prozent. VW stockt die Zahlungen für seine Mitarbeiter zudem aus freien Stücken noch weiter auf.

Wie geht es jetzt weiter?

Branchenkenner gehen davon aus, dass es in dem Konflikt zwischen VW und Prevent rasch eine Einigung gibt. Die beiden Zulieferer Car Trim und ES Automobilguss sind laut einer Einstweiligen Verfügung des Landgerichts Braunschweig dazu verpflichtet, VW mit dringend benötigten Ersatzteilen zu beliefern.

Gegen diese Verfügung hatte ES Automobilguss Einspruch erhoben. Dieser hat jedoch keine aufschiebende Wirkung: Die Verfügung des Landgerichts ist trotz des Einspruchs vollstreckbar, teilte das Landgericht am Freitag mit.

Das bedeutet: VW kann Lastwagen auf den Weg schicken, um die Getriebeteile, die derzeit die Produktion des Golf und des Passat lähmen, notfalls mit Hilfe des Gerichtsvollziehers aus der Halle des Zulieferers zu beschlagnahmen und in die VW-Werke zu transportieren. Dies wäre ein einmaliger Vorgang in der deutschen Automobilindustrie.

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insgesamt 142 Beiträge
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Affenhirn 19.08.2016
1. Bei der letzten Wirtschaftskrise um 2009 herum
haben die Autobauer kein Problem damit gehabt, ihre Lieferverträge mit Abnahmegarantien gegenüber ihren Zulieferern einfach zu brechen. Die Zulieferer konnten ja nichts tun, sonst würden sia ja überhaupt nie mehr einen Auftrag sehen. Hat einigen Zulieferern das Genick gebrochen. In sofern kann ich prinzipiell die Haltung von Zulieferern verstehen, die bestimmte Forderungen von VW nicht einfach schlucken wollen.
1lauto 19.08.2016
2. ob die Teile noch da sind
Wenn der Gerichtsvollzieher kommt?
christianu 19.08.2016
3. Lieferverträge sind einzuhalten,
auch wenn man in einer anderen Sache im Rechtsstreit liegt. Wenn VW Schadenersatz einklagt, dürfte der Vorgang für die Unterlieferanten sehr teuer werden.
PHAENOMENON 19.08.2016
4. kein Geld für gelieferte Ware ==> Lieferstop
Schon früher bei Tante Emma hatte das Anschreibenlassen seine Grenzen. Warum also soll ein Lieferant dämlicher Tun & Handeln als Polizei und Belegschaft erlauben?¿
amadeus300 19.08.2016
5. Der Steuerzahler soll's richten...
Das wirklich Skandalöse an den Vorgängen bei VW scheint mir zu sein, daß nun die Allgemeinheit in Form von Kurzarbeitsgeld der Bundesagentur für Arbeit für die Managementfehler des VW-Konzern zahlen muß. Dabei wäre durch verantwortliches und vorrausschauendes Handeln des Vorstands diese Situation absolut vermeidbar gewesen.
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