VW-Chef Winterkorn Am Rücktritt führt kein Weg vorbei

Die Spitze des VW-Aufsichtsrats berät über die Zukunft des Konzerns inmitten der Abgas-Affäre. Es braucht einen Neuanfang. Wann geht Vorstandschef Winterkorn?

Volkswagen-Chef Winterkorn: Top-Manager auf Abruf
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Volkswagen-Chef Winterkorn: Top-Manager auf Abruf

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Seit 9 Uhr am Morgen sitzen sie in Wolfsburg zusammen. Aufsichtsratschef Berthold Huber, Großaktionär Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf. Sie bilden das mächtige Präsidium des VW-Aufsichtsrats und sollen die Sitzung am Freitag vorbereiten.

Der einzige relevante Tagesordnungspunkt: Soll Vorstandschef Martin Winterkorn nach Bekanntwerden der Abgas-Affäre weiter im Amt bleiben, oder ist ein fundamentaler Neubeginn nötig? Beobachter wagen derzeit keine Prognose, mit welchem Ergebnis die Beratungen enden werden. Einige Insider argumentieren, Winterkorn habe noch eine Chance, wenn er die Aufsichtsräte mit guten Argumenten überzeugt. Möglich ist aber auch, dass das Vertrauen so schwer erschüttert ist, dass ihm selbst der Nachweis nichts nützen würde, dass er von den Vorgängen keine Kenntnis hatte. Drei Szenarien sind theoretisch denkbar:

Möglichkeit 1 - Winterkorn muss sofort gehen

Erste Hinweise aus dem Umfeld des Aufsichtsrats zeigten am Dienstag in diese Richtung. Danach soll der VW-Boss das Vertrauen insbesondere der Großaktionäre verloren haben. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies deutete an, dass die Affäre personelle Konsequenzen nach sich ziehen müsse. Entscheidend wird aber das Votum von Wolfgang Porsche sein, der die Interessen der Eigentümerfamilie vertritt. Im Frühling hatte er sich gegen seinen Cousin Ferdinand Piëch gestellt und Winterkorn den Rücken freigehalten. Doch seit dem vergangenen Freitag, als die US-Umweltbehörde EPA die Software-Manipulationen publik machte, hat der Clan viel Geld verloren. Auch der Ansehensverlust, den der Konzern erlitten hat, spielt bei vielen Familienmitgliedern eine Rolle.

Dennoch erscheint es eher unwahrscheinlich, dass Winterkorn schon heute oder am Freitag der Stuhl vor die Tür gesetzt wird. Denn selbst diejenigen, die für einen radikalen Neuanfang plädieren, sind daran interessiert, dass der Vorstand in der aktuellen Krise arbeitsfähig bleibt.

Wenn es zum Äußersten käme, dann liefe es wohl auf eine Ablösung durch den 62-jährigen Matthias Müller hinaus, der zurzeit die Geschäfte von Porsche führt. Müller war es, den Piëch im Frühjahr bat, sich bereitzuhalten, als er seine Volte gegen Winterkorn startete. Müller deutete damals an, dass er sich für zu alt für einen Job mit mehrjähriger Laufzeit hält. Den Übergang jedoch könnte er wohl problemlos überbrücken.

Möglichkeit 2 - Winterkorn darf noch aufklären

Dieses Szenario gilt nach Einschätzung von Beobachtern als wahrscheinlich. Und es gibt durchaus gute Gründe, die dafür sprechen. Denn Winterkorn gilt im Konzern nach wie vor als die Autorität, die in der Lage ist, die Beteiligten zum Reden und somit die volle Wahrheit ans Licht zu bringen. Er selbst hat wahrscheinlich ein großes Interesse daran, schließlich muss es für ihn darum gehen, sein Lebenswerk zu retten.

Etwas anderes wäre es, wenn Winterkorn persönlich in die Sache involviert wäre - etwa wenn er von den Manipulationen oder auch nur von der Korrespondenz mit der US-Umweltbehörde EPA gewusst hätte. Oder im Extremfall die Installation der Software auf Vorstandsebene angeordnet worden wäre. Doch bislang haben es selbst die schärfsten Kritiker des Konzernchefs nicht gewagt, einen solchen Verdacht auch nur in den Raum zu stellen.

Während der Aufklärung hätten der Aufsichtsrat und Winterkorn gleichzeitig die Zeit, die Nachfolge zu regeln und bereits den Rahmen für die neue Konzernstruktur zu entwickeln. Denn ein konsequenter Neuanfang böte die besten Chancen, um das Vertrauen der Öffentlichkeit weltweit wieder herzustellen. Toyota ist dies gelungen, nachdem mehrere Menschen durch Unfälle nach unkontrollierter Beschleunigung ihr Leben verloren hatten. Der Leverkusener Pharmakonzern Bayer installierte nach dem Skandal um tödliche Nebenwirkungen des Blutfettsenkers Lipobay völlig neue Entscheidungs- und Kontrollinstanzen - und kam wieder ins Geschäft. Zentrale Frage im VW-Aufsichtsrat dürfte also sein, wie diese Runderneuerung gelingen kann. Und Winterkorns Interesse ist es, konstruktiv daran mitzuwirken.

Möglichkeit 3 - Winterkorn bekommt einen neuen Vertrag

Hauptargument für diese höchst unwahrscheinliche Variante könnte sein, dass die Reform des riesigen Auto-Konglomerats einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Die Argumente dagegen: Die Außenwirkung einer solchen Entscheidung wäre verheerend. Außerdem besitzt Winterkorn nach dem Machtkampf mit Piëch im Frühling und der aktuellen Abgas-Affäre gar nicht mehr die Autorität, um einschneidende Strukturveränderungen durchzusetzen.

Zumal er selbst einen großen Teil der Verantwortung für die Verkrustungen in der Unternehmensführung trägt. Viele Entscheidungen müssen das Nadelöhr in Wolfsburg passieren, obwohl sie an anderer Stelle genauso gut gefällt werden könnten. Die Angst vor einer Rüge aus der Zentrale sitzt selbst bei gestandenen Automanagern im Konzern tief. Kritikern wird schnell das Etikett des Bedenkenträgers angeheftet.

Eine neue Unternehmenskultur ist dringend nötig - zentraler Baustein dafür aber wäre ein neues Management. Dafür fehlte es nicht einmal an geeigneten Kandidaten: Andreas Renschler zum Beispiel, der gerade den Neustart für die Lkw-Sparte des VW-Konzerns einleitet. Oder Herbert Diess, der seit Kurzem die Geschicke der Kernmarke Volkswagen bestimmt. Beide kommen von außen und haben bei Daimler beziehungsweise BMW einen völlig anderen Führungsstil kennengelernt. Und beiden wird das Talent und die Durchsetzungskraft nachgesagt, einen großen Konzern zu führen - selbst wenn er so unregierbar erscheint wie VW.

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Das Volkswagen-Präsidium: Die Macht von Wolfsburg

Im Video: Winterkorn will bleiben und entschuldigt sich

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Arne Siemeit
Michael Kröger ist Korrespondent im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Michael_Kroeger@spiegel.de

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Seite 1
hubertrudnick1 23.09.2015
1. Piäch
Wenn nun Herr Winterkorn zurücktretenh sollte, dann hat sich der lange Weg von Herrn Piäch doch noch ausgezahlt.
privado 23.09.2015
2. Bye bye...Wiko
Es ist Zeit zu gehen - je früher, desto besser. Nur ein Neuanfang mit einer neuen Führung könnte den Vertrauensverlust wieder ausgleichen.
ackergold 23.09.2015
3.
Es glaubt doch wohl niemand, dass es mit jemandem weitergehen kann, der 30 Milliarden in den Sand gesetzt hat und einem langjährigen Gerichtsverfahren entgegensieht?
jjcamera 23.09.2015
4. Unsinn:
Ein Rücktritt wäre definitiv keine Lösung des Problems, sondern würde das Problem eher noch vergrößern. Ich finde, gerade die Leute, die den Mist verbockt haben, sollten ihn jetzt auch ausbaden. Das wäre nicht nur die größte Strafe, sondern auch die einzig sinnvolle. In Deutschland kann man sich mit einem Rücktritt aus jeglicher Verantwortung stehlen und in den verdienten Ruhestand begeben. Wieso soll man das gut finden?
nomadas 23.09.2015
5. Ende mit Schrecken
Und wieder einer, der die AutoNr.1 der Welt nicht wurde, es doch aber unbedingt sein wollte. Nun sind es schon drei Cleverle, aus dem Ländle. Schrempp mit Daimler-Crysler Welt AG und Reuter mit dem Car-Aero-Space-Konzern. Tja, der liebe, gute deutsche Autohimmel und seine Götter! Pardon, Goldenen Kälber!
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