Männerdomäne Vorstand Frauen gelangen in Deutschland schwer in Führung

Trotz aller Bekundungen haben Börsenfirmen in Deutschland kaum weibliche Top-Kräfte, das zeigt eine Studie. Es gibt demnach mehr Vorstandsmitglieder, die Thomas oder Michael heißen, als Frauen in den Leitungsgremien.
Seltene Erscheinung: Frauen im Vorstand

Seltene Erscheinung: Frauen im Vorstand

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Seit Jahren belegen Experten, wie wichtig ein höherer Frauenanteil in der Konzernführung ist, und schreiben sich Unternehmen Frauenförderung werbewirksam auf die Fahnen. Doch wenn es drauf ankommt, ducken sich die Firmenlenker weg. Börsennotierte Unternehmen in Deutschland kommen mit der ausgeglichenen Besetzung ihrer Vorstände kaum voran, zeigt eine Studie. Unter den insgesamt 676 Vorstandsmitgliedern der 160 Unternehmen in den Indizes der Frankfurter Börse, Dax, MDax, SDax sowie TecDax sind nur 46 Frauen.

Das zeigt eine neue Analyse der gemeinnützigen Allbright-Stiftung, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die Stiftung, die 2011 in Stockholm von einem Unternehmer gegründet wurde, setzt sich für mehr Frauen und Diversität in Führungspositionen der Wirtschaft ein.

Ein Umdenken lasse sich bislang noch nicht feststellen, stellen die Studienautoren nun für Deutschland fest. "Geht es so weiter, haben wir erst in 45 Jahren ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in deutschen Vorständen." Laut dem Papier gibt es mehr Vorstandsmitglieder, die Thomas oder Michael heißen, als Frauen in Leitungsgremien.

Chefetage: fast 90 Prozent Männer bei Neuanstellungen

"Die Unternehmen rekrutieren, als sei nur ein männlicher, 53-jähriger, westdeutscher Betriebswirt in der Lage, im Vorstand eines Unternehmens mitzuwirken", sagte die Geschäftsführerin der Allbright-Stiftung, Wiebke Ankersen. Seit März vergangenen Jahres waren laut Studie fast 90 Prozent der Neuanstellungen in Chefetagen männlich. Bei zwei Dritteln handelte es sich um Deutsche, und 64 Prozent der seit diesem Zeitpunkt eingestellten Vorstände sind in Westdeutschland ausgebildet worden.

"Je höher es in der Hierarchie geht, umso seltener sind konkrete Ausschreibungen oder Bewerbungsverfahren die Regel", sagte Ankersen zu möglichen Ursachen. Sachliche Kriterien fielen deshalb weg. Stattdessen würden die Vorstände "nach Bauchgefühl" rekrutiert. Die Unternehmen gingen auf Nummer sicher und orientierten sich an dem, was schon in der Vergangenheit funktioniert habe.

Eine Pflicht für Firmen, ihre Vorstände ausgeglichen zu besetzen, gibt es nicht. Eine gesetzliche Frauenquote gilt nur für Aufsichtsräte. Und dort sind die deutschen Unternehmen laut der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) auf einem guten Weg. "Alle Quoten-pflichtigen Unternehmen, die 2016 den Aufsichtsrat gewählt haben, haben die Quote erfüllt", sagte ein Sprecher.

Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigen das. Demnach lag der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 106 Unternehmen, die seit Anfang vergangenen Jahres zur Quote verpflichtetet sind, bei rund 27 Prozent. Anders sieht es bei den Vorständen aus. Bei denselben 106 Unternehmen lag der Anteil der weiblichen Führungskräfte 2016 nur bei 6,5 Prozent, so das DIW.

Häufiges Ziel für den Frauenanteil im Vorstand: null

Aufgrund des Rückstands in deutschen Führungsetagen fordert Familienministerin Manuela Schwesig nun eine harte Frauenquote. Denn es gibt zwar seit 2015 die Vorgabe, dass sich Unternehmen Ziele für einen höheren Anteil von Frauen in der Führung verordnen. Doch Strafen gibt es nicht, falls diese verfehlt werden. Noch schlimmer: Etliche Unternehmen haben sich bereits als Ziel für den Frauenanteil im Vorstand "null" verordnet.

"Ein gutes Team ist möglichst vielfältig aufgestellt, um Selbstkritik, Innovationsfähigkeit und Profitabilität zu gewährleisten", sagte Allbright-Geschäftsführerin Ankersen. Beispiele wie VW oder die Deutsche Bank zeigten, wohin das immer gleiche und homogene Rekrutierungsprinzip führten. "In Zukunft wird das nicht mehr funktionieren. Die Wirtschaft braucht flexible und breit aufgestellte Führungsstrukturen."

"Immerhin werden die Frauen sichtbarer, da einige nun an der Spitze von Unternehmen stehen", stellt die Studie fest. Aktuell gebe es mit der RTL Group, der Hamburger Hafen und Logistik AG und dem Biotech-Unternehmen Medigene drei Konzerne, deren Vorstandschefs weiblich sind.

kig/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.