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Abgas-Skandal Dobrindt lässt VW-Dieselautos in Deutschland überprüfen

Haben VW und andere Hersteller auch in Deutschland bei den Abgaswerten getrickst? Der ADAC hält das für möglich und fordert Klarheit. Verkehrsminister Dobrindt lässt nun alle Dieselautos von VW überprüfen.
Abgastest bei einem VW Golf 2.0 TDI: ADAC hält deutsche Gesetze für zu lasch

Abgastest bei einem VW Golf 2.0 TDI: ADAC hält deutsche Gesetze für zu lasch

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Die Bundesregierung hat mit Empörung reagiert und fordert von Volkswagen wegen der Manipulation von Abgaswerten in den USA Aufklärung: "Wir stehen vor einem Fall von eklatanter Verbrauchertäuschung und Umweltschädigung", sagte Staatssekretär Jochen Flasbarth. "Ich erwarte, dass VW lückenlos aufklärt." Alle deutschen Autobauer müssten nun prüfen, ob auch Abgaswerte anderer Pkw-Modelle manipuliert worden seien.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach von einem "schlimmen Vorfall". Man müsse sich um den exzellenten Ruf von VW und den Autoherstellern sorgen. Er erwarte aber keinen dauerhaften Schaden für die Industrie, so der SPD-Vorsitzende. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach Regierungskreisen zufolge am Montag mit VW-Chef Martin Winterkorn über die Affäre.

Der Verkehrsminister veranlasste zudem, VW-Dieselfahrzeuge auch in Deutschland zu überprüfen. Dobrindt sagte der "Bild"-Zeitung: "Unabhängige Kontrollen finden immer wieder statt. Allerdings habe ich das Kraftfahrtbundesamt angewiesen, bei den VW-Dieselmodellen jetzt umgehend strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen."

Die US-Umweltschutzbehörde EPA verdächtigt VW, bei zahlreichen Dieselfahrzeugen die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen zu haben. Es geht um fast eine halbe Million Autos. Volkswagen hat Fehlverhalten eingeräumt. Dem Dax-Konzern droht nach Angaben der Behörde damit eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar.

ADAC kritisiert lasche Gesetze in Deutschland

Dem Automobilclub ADAC fallen nach eigenen Angaben schon seit Jahren Abweichungen bei Abgastests auch in Deutschland auf. Seit 2003 überprüfe man jährlich 150 Autos auf Kohlendioxid sowie die Schadstoffe, die sie abgeben. "Das sagen wir seit Jahren, dass die Herstellerwerte nicht stimmen", sagte ein Sprecher.

Gerade bei Dieselfahrzeugen kämen immer wieder Abweichungen von den aktuellen Euro-Grenzwerten vor. Es werde nicht betrogen, "der legale Rahmen in Deutschland ist einfach zu lasch".

Niedersachsens Ministerpräsident: "Manipulation inakzeptabel"

Die Tests zum Schadstoffausstoß der Fahrzeuge in den USA unterscheiden sich von denen in Deutschland und Europa, aber die Prüfmethoden stehen seit Längerem auch hier in der Kritik - Testbedingungen und Angaben gelten als unrealistisch. Für 2017 wird daher in der EU ein neues Prüfverfahren angepeilt.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, nannte eine Manipulation von Emissionstests völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen. "Es muss selbstverständlicher Anspruch des VW-Konzerns sein, die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten", sagte Weil.

Aufsichtsratspräsidium könnte am Mittwoch tagen

Der Fall ist für VW-Chef Winterkorn brisant, da der Aufsichtsrat am Freitag über eine Verlängerung seines Vertrags reden wollte. Das mächtige Aufsichtsratspräsidium wird der Nachrichtenagentur dpa zufolge schon am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammenkommen. Demnach wird der Führungszirkel über die Folgen der manipulierten Abgastests in den USA beraten. Zu dem Gremium gehören unter anderem der amtierende VW-Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh warnte vor Vorverurteilungen: "Wir gucken uns in den nächsten Tagen an, was passiert ist, wer die Verantwortung trägt", sagte Osterloh auf der IAA in Frankfurt am Main. Dass es dabei nicht um einen Sachbearbeiter gehe, sei klar. Aber jetzt schon den Abschied von Volkswagen-Chef Martin Winterkorn zu fordern, sei ein Unding. "Ich stehe zu Herrn Dr. Winterkorn", sagte Osterloh. Winterkorn stehe an der Spitze und müsse das Thema aufklären. Wenn herauskommen sollte, dass Winterkorn an dem Skandal beteiligt ist, werde er von alleine zurücktreten.

Großanleger erwägen Klagen auf Schadensersatz

Als Reaktion auf den Skandal und den folgenden Börsenabsturz erwägen Großanleger offenbar juristische Schritte. Anfragen zur Prüfung von Schadenersatzansprüchen seien bereits eingegangen, berichten die "Stuttgarter Nachrichten" unter Berufung auf eine Anwaltskanzlei. VW-Aktionären stehe nach Ansicht der auf Kapitalrecht spezialisierten Anwälte Schadensersatz in Milliardenhöhe zu.

Kurs der VW-Aktie von Donnerstag bis Montagmittag

Kurs der VW-Aktie von Donnerstag bis Montagmittag

Foto: SPIEGEL ONLINE

Als Höhe des Schadens pro Aktie sei die Differenz zwischen dem höchsten Aktienkurs am Freitag und den niedrigsten Kurs am Montag angemessen. Zu Börsenschluss lag die Volkswagen  -Aktie mehr als 17 Prozent im Minus bei 133,70 Euro.

nck/dpa/Reuters/AFP