Ermittlungen gegen VW Fertig ist das FBI noch lange nicht

Trotz einer Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar: Volkswagens Top-Manager sind im Abgasskandal bisher glimpflich davongekommen. Nun wurde der erste in den USA festgenommen. Was jetzt noch droht - der Überblick.

VW-Diesel in der Werkstatt
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VW-Diesel in der Werkstatt

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Das enorme Risiko für Volkswagen im Abgasskandal schätzte Oliver S. erstaunlich früh gut ein. Bis zu 22,5 Milliarden Dollar Strafe drohe dem Autokonzern, würde die Motorenmanipulation in den USA auffliegen, warnte der damalige VW-Manager im Mai 2014 in einer internen E-Mail. So ähnlich kam es.

Sein eigenes Risiko hingegen sah Oliver S. offenbar nicht: Er sitzt inzwischen im Gefängnis. Er hatte sich wohl zu sicher gefühlt, war zum Urlaub in die USA gereist und wurde am Sonntag in Florida festgenommen.

Der Manager, bis März 2015 zuständig für die Kommunikation mit den US-Umweltbehörden, ist eine Schlüsselfigur im Dieselskandal. Eine Strafanzeige der US-Bundespolizei FBI gegen ihn deckt - gestützt auf drei Kronzeugen - Details auf, wie früh Top-Manager des Konzerns von der Abgasmanipulation wussten. Oliver S. ist allerdings nicht der Einzige, dem etwas zur Last gelegt wird: Fünf weiteren Konzernmitarbeitern wird Betrug vorgeworfen. Für eine Festnahme reichte es allerdings noch nicht.

Die Informationen des FBI bringen die Führungsspitze unter Druck - vor allem den ehemaligen Konzernchef Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess.

Was kommt jetzt und wie teuer wird der Skandal für den Konzern? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was wird Volkswagens Management vorgeworfen?

Wenige Monate bevor der Abgasschwindel in den USA aufflog, soll die Konzernspitze von VW die weitere Vertuschung der Manipulationen abgesegnet haben. Volkswagen hatte erst im September 2015 auf Druck der US-Behörden zugegeben, weltweit in elf Millionen Dieselautos verschiedener Marken eine illegale Software eingebaut zu haben.

Durch die Manipulationen wurden bei Tests auf dem Prüfstand deutlich niedrigere Werte an gesundheitsschädlichen Stickoxiden angezeigt. Tatsächlich lag der Ausstoß aber bis zu 40-mal so hoch wie erlaubt.

Allein in Europa sind rund 8,5 Millionen Autos betroffen. VW stellte sich stets auf den Standpunkt, dass die umgewandelte Software nach europäischem Recht keine unzulässige Abschalteinrichtung sei und daher nicht illegal. In den USA gestand der Konzern allerdings für eine Einigung mit dem Justizministerium seine Schuld ein, mit den Manipulationen gegen US-Gesetze verstoßen zu haben.

Welche Beweise gibt es?

Die neuen Vorwürfe drehen sich vor allem um einen Tag. In der vom zuständigen US-Gericht in Detroit veröffentlichten Strafanzeige gegen den VW-Manager Oliver S. zitiert ein FBI-Ermittler mehrere Kronzeugen. Sie legen dar, dass VWs früherer Konzernchef Winterkorn und der heutige VW-Markenchef Diess bereits bei einem Treffen am 27. Juli 2015 in Wolfsburg über den Einsatz der Software zur Manipulation des Schadstoffausstoßes der VW-Diesel informiert worden sind.

Dies habe Oliver S. den Managern beim sogenannten Schadenstisch des Konzerns dargelegt, bei dem technische Themen besprochen werden. Er habe versichert, US-Behörden hätten keine Information über die Abgastricks durch eine Software. Das VW-Top-Management habe daraufhin angeordnet, das Thema weiterhin zu verheimlichen. Diess hatte seinen Job bei VW erst Anfang desselben Monats übernommen.

Zu diesem Treffen im Juli hatte sich der VW-Konzern schon einmal vor dem Landgericht Braunschweig geäußert. Der konkrete Inhalt der Gespräche am 27. Juli 2015 sei nicht mehr rekonstruierbar. Auch die Frage, wer anwesend war, sei nicht restlos zu klären. Gegen die Führungsspitze, unter anderem Winterkorn und Diess, ermittelt in Deutschland auch die Staatsanwaltschaft in Braunschweig wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Am 19. Januar soll Winterkorn im Untersuchungssauschuss des Bundestags aussagen.

Einer der Kronzeugen soll letztlich für sich selbst entschieden haben, die Manipulationen zuzugeben. Er habe die US-Behörde darüber am 19. August 2015 informiert.

Wie teuer wird der Skandal für VW?

Schon jetzt summieren sich die Strafzahlungen von VW aufgrund der Dieselmanipulationen in den USA auf fast 22 Milliarden Dollar. Hinzu kommen die Ausgaben für Rückrufe, zusätzliche Verkaufsförderungen, Anwaltskosten und mehr. Experten rechnen damit, dass der Abgasskandal VW insgesamt derzeit Kosten von rund 25 Milliarden Dollar aufbürdet.

Was bisher an Strafen aufgelaufen ist - und was noch drohen könnte:

  • Im Vergleich für rund 475.000 manipulierte Zwei-Liter-Dieselautos in den USA muss VW insgesamt 16,5 Milliarden Dollar zahlen. Davon fließen 14,7 Milliarden Dollar an die betroffenen Fahrzeugbesitzer und an US-Umweltbehörden. Weitere 1,8 Milliarden Dollar steckt der Konzern in die Entschädigung von Händlern und Bundesstaaten wegen der Manipulationen.
  • In einem weiteren Zivilverfahren hatte VW einen Vergleich mit den Besitzern von rund 80.000 Dieselautos mit Drei-Liter-Motoren im Umfang von einer Milliarde Dollar ausgehandelt. Die Einigung muss noch von einem Richter gebilligt werden.

  • Der VW-Konzern hat seinen Streit mit dem US-Justizministerium beigelegt. Ein Vergleichsentwurf sieht Strafzahlungen und Bußgelder in Höhe von rund 4,3 Milliarden Dollar vor, wie das Justizministerium am Mittwoch bestätigte. Der Entwurf enthielt laut VW auch ein Schuldeingeständnis des Konzerns.

  • VW-Investoren und Kleinaktionäre in Deutschland und den USA fühlen sich vom Konzern zu spät über die Manipulationen informiert. VW hatte erst Tage, nachdem die US-Umweltbehörde EPA ihre Betrugsvorwürfe am 18. September öffentlich gemacht hatte, reagiert. Der Börsenwert des Unternehmens war daraufhin um etwa 25 Milliarden Euro abgestürzt. Volkswagen weist die Vorwürfe einer zu späten Information zurück.
    Im November 2015 haben fast 300 Aktionäre Volkswagen auf Schadensersatz in Höhe von rund drei Milliarden Dollar verklagt. Mehrere Pensions- und Staatsfonds reichten dieses Jahr eine weitere Anlegerklage ein mit der Forderung nach rund 700 Millionen Euro. In einem US-Verfahren in Kalifornien sind auch die Konzerntochter Audi sowie amtierende und ehemalige Manager wie VW-Markenchef Herbert Diess und Ex-USA-Chef Michael Horn angeklagt. Bei den Klägern handelt es sich vor allem um US-Pensionsfonds.

  • In Deutschland hat der Rechtsdienstleister MyRight zudem eine Musterklage gegen den VW-Konzern in Braunschweig eingereicht. MyRight sieht genügend Beweise dafür, dass Volkswagen die manipulierten Dieselautos nie hätte verkaufen dürfen - und daher zu ihrer Rücknahme verpflichtet ist.
Meinungskompass

Kann der Konzern die Kosten tragen?

Volkswagen hat jüngst bereits gewarnt, dass die anstehende Einigung mit dem US-Justizministerium die bisherigen Rückstellungen übersteigen dürfte. Das würde die Ergebnisse belasten. VW hat bislang 18,2 Milliarden Euro (19,2 Milliarden Dollar) für die Folgen des Abgasskandals zurückgelegt. Der größte Teil würde allerdings bereits für Entschädigungszahlungen für US-Kunden und Strafen in zivilrechtlichen Auseinandersetzungen aufgezehrt.

Schon die jetzt zu zahlenden Gelder schmerzen VW. "Das ist eine erhebliche Belastung für den Konzern", sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Aufgrund der hohen finanziellen Leistungskraft des Konzerns könne er diese Summe stemmen. Sollten weitere erhebliche Kosten etwa hinzukommen, weil Aktionäre ihre Klagen gegen VW gewinnen, "ist irgendwann die Belastungsgrenze jedoch erreicht und die Überlebensfähigkeit des Konzerns steht infrage".

Was droht VW außerhalb der USA und Deutschland?

Besonders stark geht derzeit Südkorea gegen VW vor. Ein Volkswagen-Manager wurde dort wegen der Fälschung von Zulassungsdokumenten für Importfahrzeuge zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Das Bezirksgericht von Seoul sah es als erwiesen an, dass er Angaben zu Schadstoffemissionen und Lautstärke fälschte und damit gegen Umweltrecht verstieß. Südkorea hat nun zudem sieben aktuelle und frühere Spitzenmanager und Mitarbeiter der dortigen Volkswagen-Tochter im Zusammenhang mit dem Abgasskandal angeklagt.

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spon-1169332508199 11.01.2017
1. Verantwortung
Es ist schön zu sehen, dass man sich nicht mit Milliarden aus dem Konzernvermögen,die von den Kunden kommen und für die der Arbeiter büßen werden muss am Ende freikaufen kann, sondern sich die Leute ihrer persönlichen Verantwortung stellen müssen. Und dass dies auch für Manager gilt.
rathat 11.01.2017
2. Immer weiter lügen und betrügen.
Was nun an's Licht kommt zeigt doch nur, dass auch unter einem Vorstandsvorsitzenden Müller VW mit dem weitermacht, was es vorher schon gemacht hat: leugnen, lügen, betrügen. Staatliche Stellen werden systematisch hinters Licht geführt. Kunden getäuscht. Bevölkerungen vergiftet. Es ist schön zu sehen, dass sich die USA das im Gegensatz zu Deutschland und Europa nicht bieten lassen. Sollte irgendwann die finanzielle Schmerzgrenze des Volkswagen Konzerns erreicht sein, sei's drum. Es gibt auch andere Hersteller. Solche Firmen jedoch, welche sich mit unlauteren Methoden, Umwelt- und Atemluftverschmutzung weltweit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, haben es nicht verdient in dieser Welt zu existieren.
skater73 11.01.2017
3. Lächerlich
Diese Verhaftung ist lächerlich. Wann endlich tritt unsere Politik für VW ein? Zehntausende Jobs, wenn nicht in die Hunderttausende sind gefährdet, wenn die USA und diese US-Lobbyanwälte so weitermachen dürfen. Während ich grundsätzlich nichts dagegen haben, wenn betrügerische Manager es auch persönlich zu spüren bekommen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat, so sehr ist diese US-Politik abzulehnen. Einfach deshalb, weil sie völlig überzogen ist. Bei Zündschlossdebakel mit 148 Toten gab es nur einen Bruchteil an Geldstrafe, Manager blieben ungestraft. Aber hier besteht für die USA die Möglichkeit, ein weltweites Schwergewicht im Autowettbewerb zu zerstören. Und nur darum geht es für die Amerikaner, da dürfen wir uns nichts vormachen. Es geht mir keineswegs um US-Bashing, doch geht es mir um knallharte Wirtschaftspolitik. Da sollte Merkels Regierung endlich aufwachen!
vulcan 11.01.2017
4.
""Das enorme Risiko für Volkswagen im Abgasskandal schätzte Oliver S. erstaunlich früh gut ein. Bis zu 22,5 Milliarden Dollar Strafe drohe dem Autokonzern, würde die Motorenmanipulation in den USA auffliegen, warnte der damalige VW-Manager im Mai 2014 in einer internen E-Mail. So ähnlich kam es."" Das dürfte wohl all diejenigen zum Schweigen bringen, die bei diesem Thema ständig vom 'Wirtschaftskrieg gegen VW' lamentieren. Wobei eigentlich klar ist, WER hier mit unlauteren Mitteln den 'Wirtschaftskrieg' geführt hat... Selbstverständlich hat man bei VW gewußt, was einem bei solchen Betrügereien in den USA blühen kann und sie haben es trotzdem gemacht. Selbst schuld und sonst gar nichts. Dass der Konzern 'mal eben' 18 Mrd für Strafen etc. zurücklegen kann, ist für mich auch ein Indiz für sehr hohe Gewinnspannen = überteuerte Autos. Wahrscheinlich hauptsächlich in D, denn ich glaube nicht, dass man anderswo so blind und in Lemmingmanier einer Marke hinterherläuft wie hierzulande....und bereitwillig und gehorsam die Preise zahlt.
mbodef2014 11.01.2017
5. Piech hatte sich bereits Anfang April 2015
"für alle überraschend" plötzlich von Winterkorn "distanziert"... - warum wohl? Am Ende wird Winterkorn im Fokus der Ermittlungen der US- Behörden stehen, und Verantwortung übernehmen müssen.. Dann sind aber vermutlich bereits > 30 Billion € weg, und viele Arbeitsplätze in D.
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