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06. Oktober 2015, 15:20 Uhr

Auftritt auf Betriebsversammlung

Neuer VW-Chef stichelt gegen Winterkorn

Von Margret Hucko

Seitenhiebe auf den Vorgänger, unbequeme Wahrheiten für die Belegschaft: In Wolfsburg hat sich der neue VW-Chef Matthias Müller vorgestellt. Er stimmte die Mannschaft auf harte Zeiten ein.

Mehr als 20.000 Menschen haben sich am Dienstagmorgen in Halle elf des Autobauers Volkswagen in Wolfsburg versammelt. Einige hielten Transparente in die Luft. "Zusammenhalt serienmäßig", stand darauf zu lesen. Und: "Wir schaffen das." So berichten es Teilnehmer. Die VW-Mitarbeiter erwarteten den ersten Auftritt des neuen Konzernchefs Matthias Müller vor der Belegschaft. Er soll es richten. Er muss es richten.

Ex-Porsche Chef Müller ist die wichtigste Personalie im Abgasskandal. Er beerbte Konzernchef Martin Winterkorn überraschend an der Spitze von Europas größtem Autobauer. Dieser musste gehen, als vor gut zwei Wochen bekannt wurde, dass VW weltweit bei elf Millionen Autos eine betrügerische Software installiert hat, um bei Abgastests zu bestehen.

Müllers Aufgabe ist riesig: Nach außen muss er Märkte, Politiker, Aktionäre und Medien beruhigen, nach innen das Vertrauen der weltweit rund 600.000 Mitarbeiter in die Führung sichern. Denn Müller kann seine Mission nur mit der Belegschaft schaffen.

Es ist etwa 10.30 Uhr, als Müller ans Rednerpult tritt. Die Beschäftigten applaudieren kräftig. Der Betriebsrat hat T-Shirts mit der Aufschrift "Ein Team, eine Familie" verteilt. Selbst der VW-Personalvorstand trägt eins. Zuvor hatte Betriebsratschef Bernd Osterloh zentrale Botschaften an die Mitarbeiter gesendet: "Derzeit, das ist die gute Nachricht, gibt es noch keine Konsequenzen für Arbeitsplätze." Noch nicht. Gleichzeitig schwor er die Beschäftigten auf Einschnitte bei den Bonuszahlungen ein.

Mit Müller beginnt bei VW eine neue Zeitrechnung. Er will ein Kunststück vollbringen. Der Wert der Marke VW, der in den letzten Wochen stark gelitten hat, soll wiederhergestellt werden. Mit Sätzen wie "Volkswagen ist meine Heimat" betont Müller die Tradition. "Das verbindet mich auch mit Herrn Dr. Winterkorn, dem ich von dieser Stelle aus für alles danke, was er in den vergangenen drei Jahrzehnten für Volkswagen und für unseren Konzern geleistet hat."

Müller ist für klare Ansagen bekannt

Doch nach dem artigen Dank an seinen einstigen Förderer Winterkorn distanziert sich Müller von dessen Führungsstil.

"Konstruktive Kritik ist bei mir auf allen Ebenen erlaubt. Alleingänge sind nicht meine Sache", sagt er. Ein Seitenhieb auf Winterkorn, der als Alleinherrscher galt. Der ein Arbeitsklima schuf, das der SPIEGEL mal als "Nordkorea minus Arbeitslager" beschrieb. Diese Angst trug womöglich erst dazu bei, dass gestandene Entwickler manipulierten. Aus Sorge, Kostenvorgaben nicht zu erfüllen. Das soll unter Müller anders werden: "Schließlich bin ich als Teamplayer bekannt."

Im VW-Konzern gilt Müller als Mann der klaren Ansagen. Auf der Betriebsversammlung hatte er jetzt für die Belegschaft unbequeme Wahrheiten mitgebracht: Die geschäftlichen und finanziellen Folgen des Abgasskandals, sagte er, seien "heute noch nicht absehbar". Die 6,5 Milliarden Euro, die VW im dritten Quartal zurückgestellt hat, würden jedenfalls nicht reichen, so der VW-Chef. "Wir müssen mit erheblichen Strafzahlungen rechnen."

Mit Versprechungen hielt sich Müller zurück. Alle geplanten Investitionen müssen noch einmal auf den Prüfstand, kündigte er an. VW hatte Ende 2014 veröffentlicht, in den kommenden fünf Jahren 85,6 Milliarden Euro in neue Modelle und Umwelttechnologien zu investieren; die chinesischen Gemeinschaftsunternehmen sollten bis dahin 22 Milliarden Euro in neue Werke und Produkte stecken.

Das bereits unter Winterkorn angekündigte Effizienzprogramm, ab 2017 fünf Milliarden Euro jährlich einzusparen, müsse noch einmal nachjustiert werden. "Ich bin ganz offen zu Ihnen: Das alles wird nicht ohne Schmerzen gehen."

Betriebsratschef Osterloh im Video: "Derzeit keine Konsequenzen für Arbeitsplätze"

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