Untreue-Ermittlungen bei VW Ausgang unklar, Schaden gewiss

Verdient VW-Betriebsrat Osterloh wirklich zu viel? Die Anzeige eines Ex-Mitarbeiters löste Ermittlungen wegen Untreue aus. Um welche Summen es geht und was der Fall für Volkswagen bedeutet - der Überblick.

Betriebsratschef Osterloh
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Fast können sie einem leidtun, die Leute von Volkswagen. Da begannen sich langsam die Wogen zu glätten - die Anzahl der Nachrichten, die eher Fortschritt dokumentieren, als Kabale, stieg messbar. Doch seit Freitag ist schon wieder Alarm: Ermittlungsverfahren, Untreue, Bestechung durch obszöne Gehälter - schon diese Stichworte lösen bei vielen Pawlow'sche Reflexe aus: Der Volkswagen-Konzern, so der Eindruck, ist verseucht durch Seilschaften, Korruption und Selbstbedienungsmentalität.

Diesmal geht es um den Fall Bernd Osterloh, in dem die Staatsanwaltschaft Braunschweig seit einigen Monaten ermittelt. Genau genommen richtet sich das Verfahren nicht gegen den Betriebsratschef selbst, sondern gegen vier Topmanager des Konzerns, darunter Personalvorstand Karlheinz Blessing und seinen Vorgänger Horst Neumann. Der Fall Osterloh wird daraus, weil dessen Gehalt in Rede steht.

"Unangemessen hoch", befand ein VW-Ingenieur, der seit einiger Zeit im Ruhestand ist, und wütend ist auf die Konzernspitze, weil sie für alles und jedes das Geld nur so raushaue. Er erstattete Anzeige, weshalb die Ermittler aus Braunschweig nun in Aktion treten. Eine Anzeige ziehe ein Ermittlungsverfahren nach sich, wenn sie nicht von vorneherein völlig abstrus erscheint, erklärte sinngemäß eine Sprecherin der Behörde.

Was dabei rauskommt, lässt sich derzeit nur ungefähr abschätzen. Die Bewertung wird entscheidend davon abhängen, welches Gehalt man für den Betriebsratschef eines Großkonzerns für angemessen hält. Das Betriebsverfassungsgesetz überlässt den Unternehmen dafür einen großen Ermessensspielraum. Das ist die Crux in solchen Fällen.

"Die Gesetzeslage ist sehr schwammig und eröffnet durchaus Missbrauchsmöglichkeiten", sagt Arbeitsrechtler Wilfried Mosebach. Allerdings ließe es sich nun mal nicht konkreter fassen, wenn man der Lebenswirklichkeit Rechnung tragen wolle. Im Kern soll das Gehalt eines freigestellten Betriebsrats so hoch sein, wie das Gehalt, das der Betreffende bekommen hätte, wenn er seine Karriere im Betrieb ganz normal fortgesetzt hätte. Doch was üblich ist und was nicht, lässt sich meist leicht nach Gusto argumentieren.

Grundvergütung von rund 200.000 Euro

Gemessen an seinen Karrierechancen fällt Osterlohs Salär eher bescheiden aus - schließlich hätte er vor eineinhalb Jahren sogar Personalvorstand des Konzerns werden können. Ein Posten, der mit rund fünf Millionen Euro pro Jahr dotiert ist. Der 60-Jährige lehnte ab, weil er, wie er selbst sagt, seine Leute in der Diesel-Krise nicht im Regen stehen lassen wollte. Oder weil er, wie andere vermuten, die Signale aus den Kreisen der Eigentümer so deutete, dass diese für die Besetzung der Stelle einen Außenstehenden wünschten.

Im Vergleich mit seinen ehemaligen Kollegen aus der Konzernverwaltung verdient Osterloh jedoch eine ganze Menge. Die rund 200.000 Euro Grundgehalt addieren sich mit Boni und Prämien in guten Jahren leicht schon mal zum Doppelten, oder mehr. Damit liegt Osterloh in der Liga der Bereichsleiter, die eine Ebene unter dem Vorstand rangieren. Arbeitspensum, Leistungsdruck und Verantwortung eines Betriebsratsvorsitzenden sind allerdings auch mit denen eines Topmanagers vergleichbar, das sieht man nicht nur bei Volkswagen so. In anderen Konzern würden die Betriebsratschefs häufig ähnlich eingestuft und bezahlt wie Osterloh, heißt es bei der IG Metall.

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Untreueverdacht: Neue Ermittlungen bei Volkswagen

Eine andere Frage ist natürlich, ob ein Nicht-Akademiker wie Osterloh überhaupt den Rang eines Bereichsleiters hätte erreichen können, ohne die (geliehene) Macht, die ihm als Betriebsrat zugewachsen ist. Niemand könne sagen, ob alles ordnungsgemäß gelaufen sei oder nicht, sagt dazu Arbeitsrechtler Mosebach. Einige Karrierewege beim Konzern belegen jedoch, dass solche Aufstiegschancen existieren. So arbeitete sich Bruno Adelt, einst Finanzvorstand beim VW-Konzern, nach der Ausbildung zum Industriekaufmann zu seinem Top-Posten hoch.

Dämpfer für die Motivation

Doch ganz gleich, ob die Ermittler schließlich Anklage erheben, oder nicht - der Schaden ist schon eingetreten. Die Folgen wird zunächst Osterloh zu spüren bekommen, das sagen selbst seine Mitstreiter im Konzern. "Seine Kritiker sehen sich nun bestärkt und werden die Diskussion dafür nutzen, gegen ihn zu schießen", sagt ein IG-Metaller. Das Thema sei noch lange nicht ausgestanden.

Dabei ist ein starker Betriebsratschef wichtiger denn je für Volkswagen. Schließlich geht es darum, im Zuge des sogenannten "Zukunftspakts" auch unangenehme Maßnahmen durchzusetzen - von Gehaltskürzungen und Mehrarbeit bis hin zu Entlassungen.

Ob Osterlohs Macht durch die Ermittlungen wirklich nachhaltig erodiert, muss sich noch zeigen. Undenkbar ist der "Worst Case" nicht, das zeigt ein Beispiel bei Siemens. Dort geriet vor vier Jahren der damalige Betriebsratschef Lothar Adler in Bedrängnis, weil kurz vor der Vertragsverlängerung bekannt wurde, dass der Konzern ihm beim Wechsel auf den Posten des Betriebsratsvorsitzenden das Salär mehr als verdoppelt hatte. Nach großer Entrüstung darüber hatte Adler letztlich den Wunsch nach einer Vertragsverlängerung zurückgezogen und die Diskussion so begraben.

Die Diskussion wird für Volkswagen womöglich noch andere Folgen haben, auch wenn die schwer messbar sind: So dürfte die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich für das gemeinsame Ziel einzusetzen, erneut Schaden nehmen.

"Es gibt gute Gründe, warum bei VW Gehälter nicht offen auf dem Marktplatz ausgehandelt werden", erklärt ein Insider. Denn es gebe immer jemanden, der daran Anstoß nehme. Im besten Fall rutsche der Betreffende dann für eine Weile in ein Motivationsloch. "Was aber, wenn nun diejenigen, die Selbstbedienung wittern, ihrerseits versuchen, sich schadlos zu halten für die vermeintliche Ungerechtigkeit?"


Zusammengefasst: Laut Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen die VW-Vorstände noch nichts zu bedeuten. Nach aktuellem Stand der Erkenntnisse spricht mehr dagegen, Anklage zu erheben, als dafür. Trotzdem ist für VW bereits jetzt ein beträchtlicher Schaden entstanden.



insgesamt 6 Beiträge
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Manaslu2015 15.05.2017
1. Der VW Konzern wird an die Wand gefahren...
... wenn nicht schleunigst ein neues Management die Riege der alten Männer von vorgestern ablöst. Und der selbstgerechte Herr Osterloh gehört dazu. Ich befürchte allerdings, dass es erst noch viel schlechter kommen muss, bis es zu einem Neuanfang reicht. Was für ein Wahnsinn: Da werden über 20 Mrd. wg. des Dieselskandals versenkt und aus Winterkorn sind noch alle Topmanager an Bord. Das ist ja wirklich kaum zu glauben. Und der gute Herr Osterloh stützte diese Riege. Vieleicht dauert es nochmal 2 Jahre und weiter Milliarden, die verloren werden. Aber der Tag wird kommen, dass ein neues Management einen Kulturwandel einläuten muss. Und wer muss es am Ende ausbaden: die einfachen Mitarbeiter.
prophet46 15.05.2017
2. Leistungsvergleich
Man muss für Osterloh doch mal eine Lanze brechen, sonst gewinnt die Neidhammelfraktion der Wagenknechte noch die Oberhand. Osterloh hat als Betriebsratsvorsitzender von VW mit Sicherheit einen anstrengenden 60 bis 80 Std.-Job /Wo. Er muss theoretisch rund 600.000 Arbeitsplätze vor dem Zugriff der Rationalisierungsexperten und Controller verteidigen. In industriellen Kategorien gedacht hat er mindestens den Job eines Bereichsleiters. Und die werden nun mal in der Industrie mit mind. 200.000 bis 300.000 € pro Jahr vergütet, zusätzlich Erfolgsboni. Dass es hier nicht wieder zu einem Aufschrei kommt: diese Jobs entsprechend i.d.R. wenige als 0,5 % der Unternehmenspositionen. Warum soll Osterloh als nicht ein ähnliches Gehalt bekommen? Weil er ein Gewerkschaftler ist? Geschenkt! Weil er als Arbeitnehmervertreter perse nicht so viel verdienen darf? Hirnrissig. Weil er dadruch möglicherweise bestochen wird? Hahaha, da kennen Sie die Gewerkschaftler nicht. Nein, die Neidkultur in diesem unserem Lande geht inzwischen entschieden zu weit. Ist freiwilliger Verzicht eine neue Form der Sozen-Gerechtigkeit? Die Staatsanwälte haben m.E. in der Entlohnung der Industrie nichts zu suchen. Die Bürger schicken ja auch keine Untersuchungsrichter los, um die zuweilen leitungsmäßig ungerechtfertigten späteren hohen Pensionen der Beamten zu untersuchen. Last ihn das Geld einsacken, er hat es sauer genug verdient und versteuern muss er es ja auch noch mit 49 %..
Nordstadtbewohner 15.05.2017
3. Das (Un)Wesen der Betriebsräte
wird im Fall VW immer deutlicher. Wie überholt die Funktion eines Betriebsrates ist, zeigt sich in der Gestalt des Herrn Osterloh. Er mischt sich in Bereiche des Unternehmens ein, die ihn gar nichts angehen. Es wird Zeit, das Gesetz des Betriebsverfassungsgesetzes zu überarbeiten, damit schwer bezahlte Fälle wie Herr Osterloh erst gar nicht mehr passieren können und ein Arbeitgeber sich nur noch selbst beim Arbeitgeber vertritt und das Prinzip von Angebot und Nachfrage in seiner ursprünglichen Form wieder greift. Die VW-Eigentümer (= Aktionäre) und Führungskräfte müssen endlich handeln und den Konzern von Ballast befreien, sonst wird die von Osterloh, Gewerkschaften und Co verursachte betriebswirtschaftliche Schieflage den Konzern die Zukunft kosten.
spontanistin 15.05.2017
4. Seltsame Verquickungen!
Das ganze Konstrukt inkl. der Bezahlung des Betriebsrats für seine Tätigkeit zur Vertretung der Arbeitnehmerinteressen durch den Arbeitgeber ist doch krank und für Missbrauch prädestiniert. Da kann man auch gleich den Personalvorstand zum obersten Betriebsrat ernennen. Wenn der BR Arbeitnehmerinteressen vertritt, müßte er schon von diesen dafür bezahlt werden.
Freidenker10 16.05.2017
5.
Und der soll bei diesem Gehalt unabhängig sein, bzw. die Arbeitnehmerseite vertreten? Es sind doch diese Interessenvermischungen und Begünstigungen die die Gerwerkschaften derart schwach machen. Bei Verdi würde man lieber gleich am großen Rad der Politik mitdrehen, wie jüngst zu bewundern als Verdi mit der SDP und den Grünen für einen gemeinsamen EU Haushalt und Eurobonds geworben hat. Die Gewerkschaften hat die selbe Krankheit befallen wie Toppolitiker, man klüngelt halt lieber mit dem großen Kapital als mit der unspäktakuläre Arbeitnehmerseite wo es nur um laaaangweilige Gehälter und Arbeitsplatzgarantien geht... Man muss nur mal die französischen Gewerkschaften mit unseren vergleichen, dann weiss man wo jeder steht!
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