Kartellvorwurf Aktienkurse deutscher Autobauer sacken ab

Die Aktienkurse von BMW, Daimler und VW stehen wegen des vom SPIEGEL aufgedeckten Autokartells unter Druck, die Angst vor Milliardenstrafen drückt sie tief ins Minus. VW beruft eine Krisensitzung ein.

Frankfurter Börsenhandel
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Aus Furcht vor möglichen Kartellstrafen verkaufen Anleger viele Automobilaktien. Die Wertpapiere von BMW Chart zeigen, Daimler Chart zeigen und Volkswagen Chart zeigen verloren zu Handelsbeginn jeweils rund drei Prozent - und waren damit die größten Verlierer im Dax. Damit verzeichnen die Konzerne bereits den zweiten schwarzen Börsentag in Folge: Am Freitag hatte der Kurs von Volkswagen zwischenzeitlich teils um knapp fünf Prozent nachgegeben, BMW und Daimler waren um fast drei Prozent eingesackt.

Der SPIEGEL hatte zuvor in seiner aktuellen Titelgeschichte enthüllt, wie sich die Konzerne Volkswagen, Audi Chart zeigen, Porsche Chart zeigen, BMW und Daimler in geheimen Arbeitskreisen umfassend abgesprochen haben - über Technik, Kosten, Zulieferer, sogar über die umstrittene Abgasreinigung ihrer Dieselfahrzeuge. Die Unternehmen setzten mit diesen Absprachen den Wettbewerb gezielt außer Kraft, so der Vorwurf. Die EU-Kommission geht den Hinweisen nach.

Die Fakten im Überblick

  • Wie agieren die Konzerne?

Die meisten Betroffenen reagierten angesichts der SPIEGEL-Enthüllungen wortkarg. VW und Daimler teilten mit, sie wollten sich nicht "an Spekulationen beteiligen". Am Mittwoch will der VW-Aufsichtsrat aber kurzfristig zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenkommen, wie ein Sprecher von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sagte. Mit Blick auf die Ausgestaltung von Tanks für AdBlue - ein Harnstoffgemisch, mit denen Dieselabgase gereinigt werden können - erklärte BMW angesichts der Vorwürfe: Die Diskussionen hätten "auf den notwendigen Aufbau einer Betankungsinfrastruktur in Europa" abgezielt.

Während BMW die Treffen offenbar als unproblematisch erachtet, wurden die geheimen Gesprächsrunden bei anderen Autobauern dagegen wohl bereits früh als rechtlich brisant erkannt. Wie Volkswagen erstattete auch Daimler eine Art Selbstanzeige bei den Kartellbehörden. Daimler soll sich zudem in den vergangenen Jahren zumindest teilweise aus den Treffen zurückgezogen haben, wie die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf zwei Insider berichtete.

Anlass sei das 2011 aufgeflogene Lkw-Kartell gewesen. Danach führte der Konzern auch spezielle Kartellrechts-Lehrgänge ein. In diesen sollen Juristen der Belegschaft beigebracht haben, was erlaubt ist und was nicht. Der Konzern wurde wegen der Preisabsprachen für Lkw schließlich zu einem Rekordbußgeld von knapp 1,1 Milliarden Euro verdonnert.

  • Was droht den Konzernen?

Volkswagen und Daimler hoffen, durch ihre Art Selbstanzeige Bußgelder zu verhindern oder zumindest abzumildern. Ob dies dagegen hilft, ist offen. Derweil rechnet Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller bereits mit einer Klagewelle. Müller geht laut "SZ" von Zehntausenden Verfahren aus, in denen Autokäufer Schadensersatz für überteuerte Fahrzeuge verlangen werden.

Wegen der Absprachen der Hersteller hätten viele Kunden einen "möglicherweise viel zu hohen Preis" für ihre Autos gezahlt, sagte der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Er forderte eine Musterklage, damit mutmaßlich betrogene Kunden nicht einzeln vor Gericht ziehen müssen. Betroffen sind aber auch Lieferanten der Hersteller, denn wenn die fünf deutschen Autohersteller sich darauf verständigen, nur bei einem Unternehmen einzukaufen, haben andere Zulieferbetriebe keine Chancen auf Aufträge. Auch der Imageschaden für die deutsche Wirtschaft dürfte groß sein.

  • Wie reagieren Politik und Verbände?

Nach Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hat nun auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder die deutsche Autoindustrie aufgerufen, "reinen Tisch zu machen". "Recht und Gesetz gelten auch für die Autoindustrie", sagte er in der ARD. Grüne und Linke forderten eine rasche Sondersitzung des Verkehrsausschusses. "Der Verkehrsminister muss erklären, was er im Zusammenhang mit den ungeheuerlichen Vorwürfen gegen die führenden deutschen Automobilhersteller zu tun gedenkt", sagte Herbert Behrens, Verkehrsexperte und Ex-Chef des Untersuchungsausschusses zum VW-Abgas-Skandal. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann rief die Branche ebenfalls zu Transparenz auf: "Wir verlangen eine vollumfängliche Aufklärung der Vorgänge", sagte er der "Welt". Verstöße gegen das Kartellrecht seien "völlig inakzeptabel", sagte der Gewerkschaftsboss, der auch dem Aufsichtsrat von Volkswagen angehört.

apr/Reuters/dpa

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joG 24.07.2017
1. Es ist nicht an den Politikern die ....
.....Autoindustrie aufzufordern "reinen Tisch" zu machen und schon gar nicht die Politiker, die in Städten, Ländern oder Bund an Regierungen beteiligt sind. Es ist an die Exekutive die Täter vor Gericht zu bringen und zu bestrafen. Dazu gehören auch jene Politiker und Staatsanwälte, die ob der Machenschaften wussten oder hätten wissen müssen. Es gilt auch jetzt hart durchzugreifen und die Bürger vor den Giftgasen zu schützen. Allenfalls wäre noch zu debatieren, wer die Kosten der Konsequenzen bezahlt. Denn eines ist klar. Die Personen, Unternehmen und politischen Organisationen, die involviert waren müssen gemeinschftlich die Betrogenen entschädigen. Nur wer, wie viel gibt, ob der Ministerpräsident, der die Industrie in seinem Bundesland schützte oder der Bürgermeister, der die Giftgaskonzentrationen erlaubte mehr Vermögen und Pensionen verlieren usw, da sind viele Fragen noch offen.
knocker2 24.07.2017
2. Angst drückt Kurse
wieder ein Beispiel, dass Börse nix mit realer Produktion zu tun hat. es ist kein Werk weniger. es wird kein Auto weniger produziert. Alle realen Werte da und immer noch gleich. schafft die Börse ab! es sind nur Spekulationen auf Gefühle.
Useless_User 24.07.2017
3. Die deutsche Automobilindustrie...
...ist durch und durch betrügerisch und korrupt und muß schnellstmöglich komplett zerschlagen werden. Es gibt günstige und gute Fahrzeuge japanischer und koreanischer Hersteller. Also, boykottieren Sie deutsche Kraftfahrzeuge!
l.augenstein 24.07.2017
4.
Zitat von Useless_User...ist durch und durch betrügerisch und korrupt und muß schnellstmöglich komplett zerschlagen werden. Es gibt günstige und gute Fahrzeuge japanischer und koreanischer Hersteller. Also, boykottieren Sie deutsche Kraftfahrzeuge!
Und wer soll dann die ganzen Arbeitslosen bezahlen? Die ganzen Umschulungen? Sie sollten mal kurz überschlagen, was da auf den Steuerzahler zukäme!
Hans_Kammerer 24.07.2017
5. Nein, nein und nochmal nein !!
Die Aktienkurse von BMW, Daimler und VW stehen nicht wegen des vom SPIEGEL "aufgedeckten" Autokartells unter Druck, sondern wegen des vom Spiegel "behaupteten" Autokartells. Ist ein Kartell bereits bewiesen ? Ist einer Kartellschaden bereits bewiesen ? Nein, folglich ist auch nichts aufgedeckt.
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