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Brief an Uiguren-Weltkongress VW-Chef Blume hält an umstrittenem Werk in Xinjiang fest

Trotz Diskriminierung und Folter von Uiguren in der chinesischen Region Xinjiang will VW dort weiter Autos bauen. Das teilt Konzernboss Blume in einem Brief an Vertreter der muslimischen Minderheit mit. Die sind entsetzt.
aus DER SPIEGEL 43/2022
VW-Werk im westchinesischen Ürümqi: Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen gibt es angeblich nicht

VW-Werk im westchinesischen Ürümqi: Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen gibt es angeblich nicht

Foto: Stephan Scheuer / picture alliance / dpa

Der VW-Konzern sieht auch unter seinem neuen Chef Oliver Blume keinen Grund, sich aus dem umstrittenen Werk in der chinesischen Unruheregion Xinjiang zurückzuziehen.

Er sei überzeugt, dass sich die dortige Präsenz von Volkswagen und seinem chinesischen Partner SAIC »positiv für die Menschen« auswirke, schreibt Blume in einem Brief an den World Uyghur Congress (WUC), eine Vereinigung der muslimischen Minderheit der Uiguren. Diese wird in Xinjiang von der chinesischen Regierung systematisch unterdrückt.

Im Mai hatte der SPIEGEL mit Medienpartnern die Xinjiang Police Files (XPF) veröffentlicht: Tausende Fotos zeigen Uiguren, die in Lagern und Gefängnissen eingesperrt wurden. Die Bilder sorgten weltweit für Bestürzung, auch im VW-Konzern. Jörg Hofmann, IG-Metall-Chef und Vizeaufsichtsratsvorsitzender bei VW, stellte daraufhin das Engagement des Autoherstellers in Xinjiang offen infrage. Man müsse prüfen, »ob nicht eine Beendigung der Aktivität dort richtig wäre«.

Blume sieht das offenbar anders: Werke könnten nicht von heute auf morgen eröffnet oder geschlossen werden, schreibt er. Man adressiere jedoch »kritische Themen, die unser Geschäft betreffen, im Austausch mit unseren Partnern und Behörden – das gilt auch in China«. Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen im Werk gebe es nicht.

»An Zynismus nicht mehr zu übertreffen«

Auf die Situation außerhalb der Werkstore ging Blume nicht näher ein. Er erklärte nur: »Die geschilderte Situation vor Ort und die von verschiedenen Seiten vorgenommene Bewertung als Menschenrechtsverletzungen an den Uigur:innen und anderen Turkvölkern nehmen wir mit Sorge zur Kenntnis.« Volkswagen trete weltweit »entschieden gegen Zwangsarbeit in Zusammenhang mit seinen geschäftlichen Aktivitäten« ein.

Der Uiguren-Weltkongress reagiert auf Blumes Schreiben mit harscher Kritik. Dass VW sein Werk in Xinjiang damit rechtfertige, einen positiven Beitrag zur Entwicklung der Region beizutragen, sei »an Zynismus gegenüber den Opfern des Genozids nicht mehr zu übertreffen«, sagt WUC-Präsident Dolkun Isa. Trotz Berichts der Vereinten Nationen und eines Genozid-Urteils des Uyghur-Tribunals sehe sich der VW-Konzern nicht zum Handeln genötigt. »Wann wird VW endlich aus seiner Geschichte lernen?«, fragt Isa.

Die Parlamente Kanadas, Frankreichs und der Niederlande sowie die US-Regierung sprechen in Bezug auf den chinesischen Umgang mit den Uiguren von einem Genozid. Der Bericht der Uno-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet prangerte Anfang September schwere Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang an. Die Vorwürfe bezüglich Folter und Misshandlung von Uiguren seien glaubhaft.

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