Tests an Affen und Menschen Was hinter den Versuchen der Autokonzerne steckt

Deutsche Autounternehmen ließen Schadstoffe testen - an Tieren und Menschen. Sie gründeten sogar eine eigene Forschungsinitiative. Was bezweckten VW, Daimler und BMW damit? Der Überblick.
Auspuff eines Dieselautos

Auspuff eines Dieselautos

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / dpa

Die Autoindustrie soll Versuche in Auftrag gegeben haben, um zu belegen, wie unschädlich die angeblich sauberen Dieselmotoren sind. Vergangene Woche hatte die "New York Times" unter Berufung auf Gerichtsunterlagen und Regierungsdokumente erstmals von Tests an Affen mit Stickstoffdioxid (NO2) berichtet . Mehrere Autokonzerne bezahlten zudem auch für ein Experiment, bei dem Menschen dem Reizgas ausgesetzt wurden.

Was untersuchen die Studien?

Für den Versuch mit Menschen haben an einem Institut des Universitätsklinikums Aachen 19 Männer und sechs Frauen mehrere Stunden lang Stickstoffdioxid eingeatmet, in unterschiedlichen Konzentrationen. Es wurden Blut, Lungenfunktion und Auswurf der Probanden untersucht. Ergebnis: Die Körperfunktionen der gesunden Testpersonen seien nicht signifikant beeinträchtigt worden , heißt es.

Im Fall des Affenversuchs hatte die Industrie laut "New York Times" das Lovelace Respiratory Research Institute beauftragt, um zu beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat - Volkswagen sei dabei federführend gewesen. Dafür seien 2014 zehn Tiere in Albuquerque vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines VW Beetle eingesperrt gewesen.

Wer steckt hinter den Studien?

Finanziert wurden beide Versuche von der "Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT). Auch die sieben am Test mit Menschen beteiligten Forscher geben das in ihrem Papier an.

Die EUGT setzte sich vor allem aus gut vernetzten Autofunktionären zusammen. Der Verein war eine von Volkswagen, Daimler und BMW finanzierte Lobbyinitiative - sie hatten jeweils eigene Vorstandsposten und arbeiteten dort zusammen. Auch ein Vertreter vom Flughafendienstleister Fraport saß in dem Gremium.

Vorstandsvorsitzender war Gunter Zimmermeyer, der zuvor bereits für den Automobilverband VDA als technischer Geschäftsführer und später für Bosch arbeitete. Geschäftsführer Michael Spallek war Umweltarzt für den VW-Konzern. Ein Forschungsbeirat aus sieben Wissenschaftlern unterstützte die EUGT, die großspurig mit dem Albert-Einstein-Zitat für sich warb: "Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom."

Nach eigener Darstellung wollte der Mitte 2017 aufgelöste Verein den "aktuellen Wissenstand zu umweltmedizinisch relevanten Auswirkungen des Verkehrs" dokumentieren - und wissenschaftliche Publikationen in dem Bereich unterstützen. Außer zu Abgasen förderte die EUGT auch wissenschaftliche Beiträge zur Wirksamkeit von Umweltzonen in Städten.

Sollten mit den Studien Abgasmanipulationen vertuscht werden?

Die Affen sollen laut "Times" den Emissionen eines mit manipulierter Abgastechnik ausgestatteten Beetle ausgesetzt worden sein. Als Vergleichsmodell soll ein alter Ford-Diesel-Truck aus dem Modelljahr 1999 gedient haben. All das legt den Verdacht nahe, dass der VW-Konzern mit den Tests seine Tricksereien an Dieselmotoren unterfüttern wollte. BMW und Daimler wollen nichts von diesem Test gewusst haben. Dabei hatte die EUGT in ihrer Broschüre bereits ausführlich über den Test mit Affen "in einer umwelttypischen Situation mit direkten Dieselabgasen aus den Fahrzeugmotoren" geschrieben. Schwerpunkt der Untersuchung auf dem Rollenprüfstand sollten laut dem Lobbyverein die Kurzzeitwirkungen auf Lunge und Herzkreislaufsystem sein.

Beim Test mit Menschen streitet der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen eine Verbindung zum Abgasskandal ab. Die Studie von 2013 habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst . Weil der Grenzwert herabgesetzt worden sei und es keine Studien zu Menschen gegeben habe, habe man die Studie unternommen. Die Ethikkommission habe die 2016 veröffentlichte Studie als vertretbar bewertet. Die Forscher seien "in keinster Weise" beeinflusst worden, sagte Kraus.

Was bedeuten die Vorwürfe für die Autoindustrie?

Falls sich die Autoindustrie tatsächlich die Abgaswerte anhand solcher Tests schönrechnen lassen wollte, sei das "jenseits von Gut und Böse", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisberg-Essen. Die Branche stecke bereits seit Jahren in einer Vertrauenskrise, dabei sei sie für die Zukunft von Elektromobilität und autonomen Fahren auf das Vertrauen der Menschen angewiesen. In Richtung des Chefs des Verbands der Automobilindustrie sagte Dudenhöffer: "Jetzt ist Matthias Wissmann gefordert, offenzulegen, was bei seinem Verband und seinen großen Mitgliedern vorgeht." Wissmann sagte in einer ersten Stellungnahme: "Technik und Wissenschaft müssen sich grundsätzlich im Rahmen des gesellschaftlich und ethisch Verantwortbaren bewegen."

Wie reagieren die Konzerne?

Volkswagen räumt angesichts der öffentlichen Empörung ein, es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten. "Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner", heißt es.

Daimler erklärte, man habe eine Untersuchung eingeleitet, um die Hintergründe der umstrittenen Studie aufzuklären. "Wir halten die Tierversuche in der Studie für überflüssig und abstoßend."

BMW äußerte sich in einem Statement ähnlich - der Konzern führe keine Tierversuche durch und habe an der Studie nicht mitgewirkt. "Details wie Ablauf oder Umfang können wir entsprechend nicht kommentieren."

Was sagt die Politik?

Die Bundesregierung verurteilt die Diesel-Schadstofftests. "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich." Den Aufsichtsräten der Auftraggeber der Tests komme nun eine besondere Verantwortung zu, kritische Fragen auch zur Zielsetzung der Tests zu beantworten. Die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten - und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen.

Der geschäftsführende CSU-Bundesverkehrsminister Christian Schmidt forderte Konsequenzen. "Es zeigt sich, dass damit weiter das Vertrauen in die Unternehmen und in die Automobilindustrie gestört worden ist", sagte Schmidt. Die Untersuchungskommission seines Ministeriums zum Abgasskandal solle die Vorwürfe in einer Sondersitzung prüfen.

Dabei waren Abgastests an Tieren dem Untersuchungsausschuss zum VW-Abgasskandal wiederum womöglich schon lange bekannt. Der Münchner Toxikologe Helmut Greim - früher Forschungsbeiratsvorsitzender der EUGT - berichtete bereits vor eineinhalb Jahren davon. Keiner der dort anwesenden Politiker habe daran jedoch Anstoß genommen, schreibt das "Handelsblatt" unter Berufung auf das stenografische Protokoll der Sitzung.

Dem Büro des Grünen-Abgeordneten Oliver Krischer zufolge gingen die Untersuchungsausschussmitglieder davon aus, dass Greim von bereits bekannten Studien berichtet habe. "Dass der Beiratsvorsitzende des Lobbyvereins, Prof. Greim, der die Tier- und Menschenversuche verantwortet, der Sachverständige der Großen Koalition im Abgasuntersuchungsausschuss war und auch dort die Gefahr von Stickoxiden kleinredete, spricht für sich", sagte Krischer. Dessen Einschätzungen seien auch in den Abschlussbericht der Großen Koalition zum Abgasskandal eingegangen.

Mit Material der Agenturen
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