Wirtschaft

Anzeige

VW-Dieselaffäre

Anwälte gehen von tausend Mitwissern aus

Volkswagen behauptet, nur einige Mitarbeiter wussten von Manipulationen an Dieselmodellen, die Konzernspitze sogar erst sehr spät. Anwälte gehen dagegen von mehr als tausend Insidern aus - und suchen nach Whistleblowern.

Von

DPA

Verdreckter Golf vor dem VW-Werk in Wolfsburg

Montag, 10.07.2017   16:52 Uhr

Anzeige

Noch hält das von Volkswagen errichtete Bollwerk gegen Ansprüche aus der Dieselaffäre. Die heutige Führungsspitze will genauso wie Ex-Chef Martin Winterkorn von den Manipulationen erst spät nach deren Aufdeckung erfahren haben. Nun will ein Verbund von Anwälten aufdecken, ob das wirklich so war. Eine Plattform soll Whistleblower aus dem Wolfsburger Autokonzern ermuntern, ihr Wissen preiszugeben.

"Wir haben erfahren, dass mehr als tausend Menschen im VW-Konzern über die Machenschaften Bescheid wussten - und nicht nur einige wenige, wie es VW glauben machen will", sagt Julius Reiter, Gründungspartner der Kanzlei Baum Reiter. Die Information stammt von einem VW-Internen, der sich an die niederländische Stiftung Stichting Volkswagen Car Claim gewandt hatte.

Anzeige

Reiters Kanzlei vertritt mehr als 2000 vom VW-Skandal um manipulierte Dieselmodelle Betroffene sowie die niederländische Stiftung, die im Namen von 180.000 betroffenen VW-Kunden gegen VW, den Zulieferer Bosch und niederländische VW-Händler in den Niederlanden klagt. Darunter sind laut Reiter auch 20.000 Deutsche.

"Phalanx des Schweigens"

Um mehr Beweismaterial zu sichern, hat die Kanzlei zusammen mit den Anwälten von Gansel Rechtsanwälten auf einer Webseite eine Whistleblower-Anlaufstelle für anonyme, vertrauliche Informationen eingerichtet. Die "Phalanx des Schweigens" solle gebrochen werden. Interne Dokumente, Verträge oder Datenbankauszüge könnten darüber vertrauensvoll weitergeleitet werden, sagt Reiter. Der ehemalige Bundesminister Gerhard Baum stehe zudem als persönlicher Ansprechpartner parat.

Anzeige

Die Whistleblower-Plattform soll helfen, neue Beweise zu sammeln, um den Verdacht des Betrugs zu erhärten. Es gehe dabei auch darum, die drohenden Verjährungen zu unterbrechen, sagt Reiter. Ansprüche gegen VW-Händler verjähren Ende dieses Jahres und gegen den VW Konzern Ende 2018.

Zuletzt hatte ein Medienbericht neue Zweifel an der Argumentationslinie des VW-Konzerns gestreut, erst nach dem Aufdecken der Dieselaffäre im September 2015 von den manipulierten Stickoxidwerten Bescheid gewusst zu haben. Nach einem Bericht der "Bild am Sonntag" soll etwa der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn mindestens zwei Monate vor Bekanntwerden des Dieselskandals von den Manipulationen erfahren haben. Dies zeigten Zeugenbefragungen, FBI-Berichte und interne E-Mails sowie Präsentationen.

Stichting Volkswagen Car Claim fordert von VW rund vier Milliarden Euro als Wiedergutmachung für Geschädigte. Nach niederländischem Recht können die Ansprüche durch eine Sammelklage erhoben werden - zu der auch ausländische VW-Käufer Zugang haben.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung