VW-Dieselskandal Der Kronzeuge erwartet sein Urteil

James Liang hat den VW-Dieselbetrug mit entworfen. 2016 packte er aus und belastete den Autokonzern schwer, nun spricht ein US-Gericht sein Urteil. Wer ist der Mann, der vom Komplizen zum Kronzeugen wurde?

James Robert Liang
AP/Detroit News

James Robert Liang

Von


Das Mastermind des VW-Dieselbetrugs ist James Robert Liang sicher nicht. Er ist nach Einschätzung der US-Staatsanwaltschaft eher ein Pragmatiker, der lange einfach den Mund hielt, als seine Abteilung in Newbury Park im US-Bundesstaat Kalifornien begann, Abgastests des VW-Dieselmotors EA 189 mit Hilfe einer Schummel-Software zu schönen.

Derselbe Pragmatismus könnte ihn im September 2016, als der größte und teuerste Skandal der VW-Konzerngeschichte längst aufgeflogen war, dazu bewegt haben, plötzlich umfänglich gegen den Autokonzern auszusagen. Plötzlich belastete Liang einige seiner engsten Kollegen schwer und beschrieb die Firma, der er seit 1983 loyal gedient hatte, als Konzern, der "im Streben nach Marktanteilen und Profit seine ethische Verankerung verloren hat".

Diesen Freitagnachmittag nun, um 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit, verkündet ein US-Gericht in Detroit sein Urteil über den sanftmütigen, leise auftretenden Mann, der vom Komplizen zum Kronzeugen geworden ist. Das Strafmaß gilt als Zeichen dafür, wie hart die US-Justiz gegen beschuldigte Mitarbeiter durchgreifen will.

Die Forderungen gehen weit auseinander. Liangs Anwalt fordert eine Bewährungsstrafe mit einem Jahr Hausarrest, 1500 gemeinnützigen Arbeitsstunden und ein geringes Bußgeld. Die Anklage dagegen will ein Exempel statuieren: Sie fordert drei Jahre Haft und eine Geldstrafe von 20.000 Dollar - trotz Liangs Kooperation mit den Ermittlern. Aus Sicht der Staatsanwälte wäre schon dieses Strafmaß großzügig: Möglich gewesen wären bis zu sieben Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von bis zu 400.000 Dollar.

EA189-Dieselmotor
Volkswagen

EA189-Dieselmotor

Liang hat minutiös ausgepackt. Er hat genau beschrieben, wie er und seine Kollegen ab 2006 versuchten, einen Dieselmotor zu entwickeln, der die neuen strengen Abgasauflagen der US-Regierung erfüllen sollte. Wie sie merkten, dass dies unter den vorgegebenen Bedingungen nicht möglich war. Wie sie eine Software entwickelten, die immer dann, wenn die Fahrzeuge auf dem Prüfstand waren, die Emissionen im Wagen minderte. Wie er und seine Kollegen mehrfach Vertretern der US-Umweltbehörde EPA ins Gesicht logen.

In ihrer Anklageschrift zitieren die US-Ermittler aus zahlreichen E-Mails, die auch an Liang gingen und in denen unter anderem davon die Rede ist, wie das Schummelschema mit der Software "wasserdicht" gemacht werden solle und in denen "Kreativität" gefordert wurde, um kalifornischen Aufsichtsbehörden zu erklären, warum die Emissionen des EA-189-Motors teils auffällig hoch ausfielen.

Alles in allem habe Liang der US-Regierung "Einsichten aus erster Hand in die rechtswidrigen Grundsätze und Motivationen von VW und seinen Mitarbeitern gewährt", teilte die US-Staatsanwaltschaft mit. Dennoch sei seine Rolle, verglichen mit den Vorwürfen gegen andere Angeklagte im Dieselskandal, recht überschaubar.

Ob die US-Fahnder jedoch je größere Namen zu einer Strafe verurteilen können, ist unklar. Auf ihrer Liste steht unter anderem noch Ex-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer. Doch dem droht aus Deutschland vorerst keine Auslieferung.

Derzeit erwartet neben Liang nur einen weiteren Beschuldigten ein Urteil in den USA: Liangs früheren Chef Oliver Schmidt. Der war im Januar in Miami vom FBI festgenommen worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Der 48-Jährige war bis 2015 in den USA für VW tätig. Ihm drohen bis zu sieben Jahre Haft und Geldstrafen von bis zu 500.000 Dollar.

Laut "Handelsblatt" hatte Liang den US-Behörden angeboten, vor Gericht gegen Schmidt auszusagen. Doch das war letztlich gar nicht nötig. Schmidt bekannte sich selbst schuldig und kooperiert nun seinerseits mit den Behörden.

Mit Material von dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.