VW-Betriebsratschefin attackiert Konzernboss Diess »Ein Armutszeugnis für einen Weltkonzern«

Die Mitarbeiterversammlung im Wolfsburger Stammwerk gerät zur offenen Abrechnung mit VW-Chef Diess. Der bekomme den Chipmangel nicht in den Griff – und zeige sich lieber mit Elon Musk als mit den eigenen Mitarbeitern.
Betriebsratschefin Cavallo (Archivbild): »Wolfsburg will den Wandel!«

Betriebsratschefin Cavallo (Archivbild): »Wolfsburg will den Wandel!«

Foto: Susanne Huebner / IMAGO

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Die Kulisse eignet sich perfekt für den großen Showdown. Halle 11 des Wolfsburger Stammwerks erinnert mit ihrer hohen Decke und den Betonsäulen an eine Kathedrale. In normalen Zeiten finden hier rund 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Platz, an diesem Donnerstag sind es coronabedingt nur ein paar Tausend. Insgesamt 50.000 Menschen verfolgen das Spektakel per Livestream.

Sie könnten sich wie im Kino entspannt zurücklehnen und die Fortsetzung des unterhaltsamen Schlagabtauschs auf Netflix-Niveau verfolgen, den VW-Boss Herbert Diess und Betriebsratschefin Daniela Cavallo ihnen bereits seit Wochen bieten. Wenn nur die Lage nicht so ernst wäre.

Coronapandemie und Computerchipmangel haben die Autoproduktion auf den niedrigsten Stand seit Ende der Fünfzigerjahre abstürzen lassen. Mehr als 50 Schließtage und Dutzende abgesagte Schichten beklagt Arbeitnehmerführerin Cavallo. Statt der ursprünglich angepeilten eine Million Fahrzeuge wird Volkswagen in seiner weltgrößten Fabrik in diesem Jahr wohl höchstens 400.000 Autos herstellen. Schon spottet die Konkurrenz, Wolfsburg laufe leer.

Ein Rauswurf von Diess ist nicht mehr ausgeschlossen

Zunächst ergreift Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) das Wort. Das Land, das 20 Prozent am VW-Konzern hält, stehe fest an der Seite der Beschäftigten. Am Standort Wolfsburg werde nicht gerüttelt, sagt der Landesvater sinngemäß laut Teilnehmern. Weils klare Botschaft ist auch eine Klatsche für Konzernboss Diess. Der hatte vor einigen Wochen intern durchblicken lassen, bei VW stünden bis zu 30.000 Stellen auf der Kippe.

Seit Wochen schwelt deshalb ein Konflikt zwischen Konzernführung, Land und Arbeitnehmern. Mittlerweile ist ein Vermittlungsausschuss des Aufsichtsrats eingeschaltet, um einen Kompromiss zu finden. Ein Rausschmiss des Konzernchefs, der bereits mehrfach zur Debatte stand, erscheint unwahrscheinlich. Er ist aber nicht mehr ausgeschlossen.

Wie angespannt die Stimmung ist, zeigt die Reaktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Betriebsratschefin Cavallo ans Mikrofon tritt. Viele von ihnen springen auf und klatschen dem Vernehmen nach etwa eine Minute Beifall, bevor sie überhaupt das erste Wort sagt. Ihre anschließende Rede gerät dann zur Generalabrechnung mit VW-Boss Diess. »Wie Sie in den letzten Monaten öffentlich aufgetreten sind, da frage ich mich wirklich, ob Ihnen selbst diese Lage hier an unserem Standort eigentlich bewusst ist und wie das in der Belegschaft ankommt«, sagt Cavallo laut vorab verschicktem Redemanuskript. Ihre Kolleginnen und Kollegen, sagt Cavallo, hätten »Angst um ihre Arbeit, um ihre Familien, um ihre Existenz«. Diess hingegen streue »immer wieder Salz in die Wunde, und das ohne Not«.

Für die Betriebsratschefin steht viel auf dem Spiel. Es ist ihre erste offene Kraftprobe mit der Konzernführung, seit sie den Posten im April von ihrem mächtigen Vorgänger Bernd Osterloh übernommen hat. Für Cavallo geht es um die Zukunft des Wolfsburger Stammwerks, aber auch um den eigenen Posten: Im nächsten Jahr stehen Betriebsratswahlen an. Ein Einknicken gegenüber dem umtriebigen Konzernboss kann sie sich nicht leisten.

»Die Wahrheit ist also: Nicht das Werk oder die Beschäftigten sind ineffizient, uns fehlen schlicht die Teile, mit denen wir die Autos bauen können.«

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo

Aber auch Diess steht unter hohem Druck. Zwar wurde sein Vertrag im Juli vorzeitig bis Herbst 2025 verlängert. Für seine Elektro-Offensive erntet er branchenweit Anerkennung. Doch die akute Knappheit an Computerchips, die jetzt die Produktion hemmt, hat sei Team kalt erwischt. Rivalen wie BMW oder Tesla kommen deutlich besser durch die Krise.

Der Engpass an Halbleitern, sagt Cavallo, sei »ein Armutszeugnis für einen Weltkonzern, und es ist die Verantwortung von Ihnen, sehr geehrte Konzernvorstände«. Ohne den akuten Teilemangel, so die Betriebsratschefin, könnte VW eigentlich »monatelang durchproduzieren«, genügend Aufträge seien vorhanden. »Die Wahrheit ist also: Nicht das Werk oder die Beschäftigten sind ineffizient«, sagt Cavallo, »uns fehlen schlicht die Teile, mit denen wir die Autos bauen können«. Diess' Zahlenspiele über einen möglichen Personalabbau seien »völlig absurd«. Nicht ein Mensch sei in Wolfsburg zu viel an Bord, »nicht eine Stelle können Sie zusätzlich mit uns verhandeln«.

Neben operativen Problemen wirft sie Diess außerdem Mängel im Umgang mit der Belegschaft vor. Er lasse keine Gelegenheit aus, sich mit einem der größten VW-Konkurrenzen zu zeigen – Tesla-Chef Elon Musk. »Die Faszination, die Sie offenbar gegenüber Herrn Musk empfinden, und den Elan, den Sie in die Kontaktpflege mit ihm stecken, das würden wir Beschäftigten uns auch für unsere aktuell großen Herausforderungen im Konzern sichtbar wünschen.«

Diess verspricht »Vision 2030« für Wolfsburg

Mit Spannung erwarteten die Zuhörer die Reaktion des VW-Chefs. Die fällt nach all den Konflikten der vergangenen Wochen erstaunlich zahm aus. »Frau Cavallo und ich sind uns einig«, sagt Diess gleich zu Beginn laut Redetext, »wir müssen miteinander reden.« Er freue sich auf den persönlichen Austausch, »nur gemeinsam machen wir Volkswagen zukunftssicher«. Es sind ungewöhnliche Worte für den sonst so provokanten Konzernlenker. Entsprechend zurückhaltend sind auch die Reaktionen der Zuhörer, außer vereinzelten Buhrufen gibt es laut Teilnehmern kaum Protest. Als Diess erklärt, er habe seine ursprünglich geplante USA-Reise abgesagt, um an der Mitarbeiterversammlung teilzunehmen, erhält er sogar Applaus.

Der VW-Boss weist aber auch auf Probleme im Konzern hin. »Auch nächstes Jahr wird uns der Chipmangel begleiten«, sagt er, »die Versorgung wird besser, aber wir werden nicht jedes Auto bauen können.« Am Dienstag habe der Konzernvorstand beschlossen, eine bestmögliche Auslastung der Werke erreichen zu wollen.

Zugleich rechtfertigt er sich für seinen ständigen Blick auf Tesla. Der kalifornische Rivale werde in seiner neuen Großfabrik in Grünheide künftig nur noch zehn Stunden pro Auto benötigen, Volkswagens E-Auto-Standort Zwickau brauche derzeit noch 30 Stunden für die Produktion. »Nur wer die Konkurrenz versteht und im Blick hat, kann gewinnen«, so Diess. »Tesla ist heute Benchmark, aus China drängen zudem weitere starke Start-ups in den Markt.« Volkswagen dürfe seinen Standort, seine Konzernzentrale, »nicht von Tesla in Grünheide kaputtmachen lassen«.

Diess verspricht, bis zur nächsten VW-Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember ein neues Zielbild für Wolfsburg im Jahr 2030 zu entwickeln, »mit der modernsten Fabrik der Welt«. Bis dahin muss auch der Streit zwischen ihm, den Arbeitnehmervertretern und dem Land geschlichtet sein. Hat er den drohenden Rausschmiss noch einmal abgewendet?

Aus dem Lager der Diess-Kritiker heißt es, es gebe kein Misstrauensvotum und keinen Abberufungsantrag gegen den Konzernboss– anders als Medien es am Mittwoch berichtet hatten. Allerdings bewege sich die Stimmung zwischen »zerstörtem Vertrauen und irreparabel zerstörtem Vertrauen«. Der Vermittlungsausschuss unter Führung von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hat also noch einiges zu tun.

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