VW-Vertriebschef "Elektroautos bleiben noch lange Nischenprodukte"

Der Volkswagen-Konzern hat wie kein anderer von der Abwrackprämie profitiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Vertriebsvorstand Detlef Wittig, wie die Wolfsburger auf den absehbaren Nachfrageeinbruch danach reagieren wollen - und welche Rolle Elektrofahrzeuge dabei spielen.

VW-Vertriebschef Wittig: Hoffen auf den Flottenverkauf
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VW-Vertriebschef Wittig: Hoffen auf den Flottenverkauf


SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich auf den Absatzeinbruch nach dem Auslaufen der Abwrackprämie vor?

Detlef Wittig: Ein wenig Zeit bleibt uns noch, denn wir haben in den vergangenen Monaten viele Bestellungen angesammelt. Bis die abgearbeitet sind, wird es bis weit ins nächste Jahr hinein dauern. Volkswagen wird auch deshalb insgesamt nicht so hart betroffen sein, weil wir nicht nur Kleinwagen im Sortiment haben, die besonders von der Abwrackprämie profitiert haben. Die Nachfrage nach Fahrzeugen der oberen Segmente zieht inzwischen wieder an.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Einbußen rechnen Sie denn?

Wittig: Insgesamt wird der Pkw-Markt von bis zu 3,8 Millionen Einheiten in diesem Jahr auf rund drei Millionen im kommenden Jahr schrumpfen.

SPIEGEL ONLINE: Experten gehen sogar von einer sehr viel niedrigeren Zahl aus.

Wittig: Das haben wir eine Zeitlang auch befürchtet. Inzwischen mehren sich aber die Anzeichen, dass insbesondere der Flottenverkauf wieder stärker anzieht als zunächst gedacht. Der ist in diesem Jahr stark zurückgegangen. Die entstandene Lücke wird in den kommenden Monaten zumindest zu einem gewissen Teil geschlossen werden. Insbesondere die Leasingkunden, die 2009 ihre Verträge um ein Jahr verlängert hatten, werden 2010 wohl über neue Verträge nachdenken - vielleicht nicht zu 100 Prozent, aber zu einem großen Teil.

SPIEGEL ONLINE: Wird es Volkswagen trotz der Krise gelingen, Toyota als weltweit größten Autohersteller abzulösen?

Wittig: Wir werden die Aufholjagd in den Märkten starten, in denen wir derzeit einen noch zu geringen Marktanteil haben. Dazu gehören insbesondere die USA, wo wir ein eigenes Werk errichten und auch eigene Modelle speziell für diesen Markt bauen wollen. Wir wollen dort bis 2018 nach Möglichkeit 800.000 Autos der Marke Volkswagen verkaufen. Aber auch in vielen Märkten in Asien sehe ich noch große Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie denn im Moment die größten Chancen?

Wittig: In China besitzen wir als Marktführer eine gute Ausgangsposition, um vom Wachstum dort zu profitieren. Auch in Europa wollen wir den Vorsprung gegenüber Toyota mindestens halten und möglichst noch ausbauen.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Menschen ist das Auto längst kein Statussymbol mehr - sie wollen lediglich möglichst günstig, sicher und umweltschonend von A nach B kommen. Wie wollen Sie unter diesem Umständen die gewinnträchtigen Top-Modelle an den Mann bringen?

Wittig: Sicherlich denken Kunden, die etwa im Zuge der Finanzkrise viel Geld verloren haben, jetzt zum Teil über den Kauf eines günstigeren Autos nach. Aber trotzdem bleibt der Markt vielfältig und bietet Chancen. So entscheiden sich die umweltbewussten Kunden möglicherweise für kleinere Motoren, aber mit der leistungsstarken und spritsparenden Technologie unserer Blue Motion-Reihen. Daneben verzeichnen wir aber auch rege Nachfrage nach den Modellen, die Sie als Statussymbole bezeichnen. Es gibt also unterschiedliche Trends im Markt. Das Auto wird immer ein emotionales, begehrenswertes Produkt bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Auf der diesjährigen IAA stehen Elektro- und Hybridfahrzeuge im Mittelpunkt. Lassen sich damit denn schon Geschäfte machen?

Wittig: Die ausgestellten Elektrofahrzeuge zeigen die Bemühungen der Industrie, auf die Fragen nach dem Antrieb der Zukunft eine Antwort zu finden. Die ersten Serien-Elektromobile werden in vier, fünf Jahren auf den Markt kommen. Ich bezweifele allerdings, dass wir große Stückzahlen davon verkaufen werden. Elektroautos werden auch in 15 Jahren noch Nischencharakter haben. Solange werden Verbrennungsmotoren mindestens dominieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie es denn schaffen, einem Kunden den Kauf eines teuren Elektromobils schmackhaft zu machen, das allenfalls eine Reichweite von 150 bis 200 Kilometern hat?

Wittig: Solche Autos eigenen sich nur für spezielle Bedürfnisse. Eine Familie, die den Wagen für vielfältige Einsatzmöglichkeiten bis hin zur Italienreise braucht, wird damit erst einmal nicht viel anfangen können. Ein alleinstehender Pendler, der damit zur Arbeit fährt, am Wochenende sein Fahrrad benutzt und für seine Urlaubsreise das Flugzeug nimmt, schon eher.

SPIEGEL ONLINE: Verspricht denn der Hybrid-Antrieb mehr Gewinne?

Wittig: Den Hybrid werden wir natürlich anbieten. Aber auch dieses Konzept hat seine Grenzen. Der Polo mit dem neuen Turbo-Benziner ist heute bereits effizienter als eine denkbare Hybridvariante - und er kostet viel weniger in der Herstellung. Wir werden deshalb in naher und mittlerer Zukunft mehrere Wege beschreiten. Jede Antriebsart findet ihre Anwendung dort, wo sie die meisten Vorteile bietet. Benziner und Diesel werden dabei ganz vorne mitspielen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre denn ein Verkaufsmodell denkbar, in dem Sie den Käufern eines Elektromobils für bestimmte Fahrten ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor zur Verfügung stellen?

Wittig: Wir haben in dieser Richtung bereits mehrere Initiativen gestartet. Das Echo war bislang sehr gering. Beim Auto spielen Aspekte wie Besitzerstolz eben doch noch immer eine erhebliche Rolle. Ich gehe auch nicht davon aus, dass sich das so bald ändern wird. Und wir werden dem Kunden bestimmt keine Vorschriften machen, wie er seine automobile Fortbewegung zu organisieren hat, sondern ihm Auswahlmöglichkeiten bieten.

Das Interview führte Michael Kröger



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