SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Dezember 2010, 10:08 Uhr

Währungsunion

"Der Euro ist so gefährdet wie nie"

Wie schlimm steht es um die europäische Währungsunion? Sehr schlimm, sagt der Ökonom Henrik Enderlein. Im Interview warnt er vor dem Euro-Crash und erklärt, warum nur eine Insolvenz maroder Banken den überfälligen Befreiungsschlag bringen kann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Enderlein, die Finanzmärkte sind extrem nervös. Der Euro hat binnen weniger Tage massiv an Wert verloren. Portugal könnte schon bald unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen. Und Anleger verkaufen Staatsanleihen selbst von Ländern wie Belgien, die bisher als sicher galten. Steht es wirklich so schlecht um unsere Währung?

Henrik Enderlein: Der Euro ist so gefährdet wie nie. Die aktuelle Krise ist viel schlimmer als die Probleme im Frühjahr. Bei Griechenland wussten wir noch, was zu tun ist: einen Staat mit zu hohen, aber überschaubaren, Schulden vor dem Bankrott retten. Und mit einem Rettungsschirm über 750 Milliarden Euro dafür sorgen, dass nicht ein Dominostein nach dem anderen fällt.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Enderlein: Wir müssen feststellen, dass der Rettungsschirm die Märkte nicht überzeugt hat. Außerdem ist die Situation in Portugal, Irland und Spanien viel schlechter als gedacht. Im Sommer hatte ein viel zu lascher Stresstest bei den Banken noch suggeriert, es gäbe im Finanzsektor keine Probleme. Heute wissen wir mehr. Und nun könnte tatsächlich ein Dominostein nach dem nächsten umkippen. Entsprechend herrscht in Europas Hauptstädten Alarmzustand. Jeder vernünftige Politiker weiß, dass es um das Überleben der Euro-Zone geht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie lässt sich die Euro-Zone stabilisieren?

Enderlein: Die erste Option wäre, dass wir gemeinschaftlich die Schulden von uns allen garantieren. Das wird die Märkte aber nicht überzeugen. Die Erklärung ist zu pauschal und in sich nicht stimmig. Denkbar wäre auch, dass Deutschland die Verbindlichkeiten aller anderen Staaten sichert.

SPIEGEL ONLINE: Das würde die Bundesrepublik überfordern.

Enderlein: Ökonomisch und politisch. Es ist keine sehr glaubwürdige Position.

SPIEGEL ONLINE: Und was schlagen Sie vor?

Enderlein: Europa leidet unter einem massiven Bankenproblem. Das müssen wir lösen.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Enderlein: Irland ist von der Zahlungsunfähigkeit bedroht, weil der Staat aufgeblähte Bankbilanzen garantieren muss. Wenn Irland seine Geldhäuser nicht retten müsste, dann wäre das Schuldenproblem überschaubar. Das Land ist eigentlich kein Bankrottkandidat. Aber der Bankensektor ist seit der Euro-Einführung um das siebenfache gewachsen. Auch Spanien leidet vor allem unter seinen Banken. Wäre der Finanzsektor nicht völlig überdimensioniert, würde auch hier kein Staatsbankrott drohen. Die Schuldenquote Spaniens ist deutlich geringer als die der Bundesrepublik.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt...

Enderlein: …es bringt nichts, ein marodes Bankensystem am Leben zu erhalten. Die EU muss marode Institute in die geordnete Insolvenz führen, also pleitegehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Das Gegenargument lautet: Wenn wir wirklich konsequent sind und Insolvenzen bei Banken in Kauf nehmen, bricht an den Märkten erst recht Panik aus.

Enderlein: Wir müssen unterscheiden zwischen einer Umschuldung bei einem Staat und bei einer Bank. Wer Irland oder Spanien Geld geliehen hat, soll es zurückbekommen. Wer irischen oder portugiesischen Banken einen Kredit gegeben hat, der verliert einen Teil davon.

SPIEGEL ONLINE: Wieso diese Unterscheidung?

Enderlein: Ein Land der Euro-Zone, das seine Schulden nicht komplett bedient, wird über Jahre keinen Zugang zu den Kapitalmärkten haben. Das wäre eine Katastrophe für den Staat. Er könnte keine Renten mehr zahlen, nicht mehr investieren, er wäre handlungsunfähig. Die Folge wäre eine Depression ungekannten Ausmaßes.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich katastrophal könnten die Folgen für deutsche Banken sein, wenn Institute in anderen Ländern pleitegehen. Dann muss am Ende der deutsche Steuerzahler für die Probleme irischer Institute einspringen.

Enderlein: Diese Kettenreaktion ist möglich. Natürlich würde die Pleite von irischen Banken auch deutsche Institute treffen. Aber wir haben im Moment nur noch saure Äpfel vor uns. In einen müssen wir beißen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte Ihr Plan einer Umschuldung der Banken dieses Mal den Euro stabilisieren? Egal, ob die Rettung von Griechenland, die Verabschiedung eines Euro-Rettungsschirms, die Einigung auf einen dauerhaften Krisenmechanismus - alles ist nach kurzer Zeit verpufft.

Enderlein: Ich glaube, die Umschuldung der Banken ist überfällig, weil wir in Europa endlich einen Befreiungsschlag brauchen. Wenn wir weiter wurschteln, stellt sich spätestens im Frühjahr die Existenzfrage der Währungsunion.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Grundproblem bleibt doch: Es scheint, als würden die Märkte derzeit völlig losgelöst von Fakten agieren. Kann man mit rationalen Mitteln irrationale Märkte bändigen?

Enderlein: Die Irrationalität an den Märkten ist auch deshalb entstanden, weil die EU weder klar noch einheitlich agiert hat. Je mehr Sicherheit wir den Märkten vermitteln, desto rationaler werden sie handeln. Wenn wir als wankelmütige Europäer hilflos vor dem globalen Billionenkonstrukt Finanzmarkt stehen, dann haben wir keine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Der Spuk könnte ja auch von selbst verschwinden. Irgendwann werden sich die Finanzmärkte vielleicht die USA vorknöpfen.

Enderlein: Europa ist nicht das einzige Sorgenkind der Welt. Aber die Entscheidungsstrukturen in der Währungsunion machen uns angreifbar.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Enderlein: Bei uns macht eine Zentralbank Geldpolitik für 16 sehr unterschiedliche Länder. Man könnte auch sagen: Sie macht die richtige Geldpolitik, aber für ein Land, das nicht existiert. Die US-Notenbank kann dagegen die Wirtschaftspolitik unterstützen, etwa den Markt mit Geld überschütten und den Dollar dadurch abwerten. Erst wenn sich die Währungsunion auch zu einer politischen Union entwickelt hat, ist Europa wirtschaftspolitisch handlungsfähig.

Das Gespräch führte Sven Böll

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung