400 Millionen Verlust in 45 Minuten Finanzfirma Knight kämpft ums Überleben

Eine Dreiviertelstunde reichte, um Knight Capital in Existenznot zu bringen. Ein Software-Update bei dem US-Finanzdienstleister sorgte für Chaos an der Wall Street, jetzt soll Knight auf dringender Suche nach einem Geldgeber oder Käufer sein.
Knight-Logo an der Wall Street: "Nur das Telefon in die Hand nehmen"

Knight-Logo an der Wall Street: "Nur das Telefon in die Hand nehmen"

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

New York - Dass die Installation von Software Probleme verursachen kann, weiß wohl fast jeder Computernutzer. Doch im Fall des US-Finanzdienstleisters Knight Capital waren die Folgen besonders dramatisch: Eine Dreiviertelstunde lang überflutete ein neues Programm am Mittwoch die Wall Street mit fehlerhaften Handelsaufträgen. Am Ende blieb die Firma auf vielen zu teuer gekauften Aktien sitzen. Die Verluste addierten sich auf 440 Millionen Dollar und gefährden nun offenbar die Existenz des Unternehmens: Laut US-Medienberichten sucht Knight unter Hochdruck nach Investoren oder Kaufinteressenten.

Ein Deal müsse binnen weniger Tage stehen, berichtete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg, sonst drohe das Kapital auszugehen. Knight habe bereits mehreren potentiellen Käufern Einblick in seine Bilanzen gewährt. Es gehe um einen Einstieg oder eine Übernahme. Unter den Interessenten seien Finanzinvestoren und mindestens ein Konkurrent aus der Branche.

Zumindest kurzfristig ist das Überleben der Firma offenbar gesichert: Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" teilte Knight Capital Börsenhändlern mit, man habe eine Kreditlinie erhalten, die den Betrieb am Freitag sichere. Wer der angebliche Kreditgeber ist, blieb jedoch offen.

Hilfe von Goldman Sachs

Bei der Investorensuche helfe Knight unter anderem die Investmentbank Goldman Sachs  , hieß es. Angesichts möglichen Ärgers mit den Aufsichtsbehörden sei aber unsicher, ob eine große Bank ein ernsthaftes Gebot wage, berichtete der Sender CNBC. Inzwischen sei auch das Handelsvolumen von Knight Capital drastisch gefallen, weil sich viele Partner verabschiedet hätten.

Vor allem die Emittenten börsengehandelter Fonds, sogenannter ETFs, drohen offenbar abzuspringen. Bislang ist Knight für sie laut der Nachrichtenagentur Reuters der wichtigste Vermakter. ETF-Emittenten hätten bereits bei Knight-Konkurrenten angefragt, ob diese im Notfall die Geschäfte übernehmen könnten.

Knight-Chef Thomas Joyce hatte sich laut "Wall Street Journal" am Dienstag am Knie operieren lassen. Seit Mittwoch versuche er, Kunden zu beruhigen und schlafe auf der Couch in seinem Büro. Joyce versuchte, die Märkte zu beruhigen. Dem Sender Bloomberg Television sagte er, die Firma habe "im Moment überschüssiges Kapital". Das Ziel sei, Knight am Laufen zu halten.

Die Anleger sind skeptisch. Knight-Aktien verlor innerhalb von zwei Tagen 75 Prozent, der Börsenwert schrumpfte auf gut 250 Millionen Dollar. Zu den Betroffenen zählt auch Kenneth Pasternak, der Knight 1995 mitgründete und mittlerweile im Ruhestand ist. Anfang April besaß Pasternak mehr als 1,2 Millionen Knight-Aktien im Wert von fast 16 Millionen Dollar. Der Wert dieser Papiere ist nach dem Computerfehler auf knapp drei Millionen Dollar gesunken.

Pasternak äußerte sich optimistisch zu einem möglichen Verkauf. "Wann immer ein Unternehmen innerhalb von fünf Minuten rund die Hälfte seines materiellen Buchwerts verliert, ist alles drin", sagte er. Der gut vernetzte Firmenchef Joyce müsse "nur das Telefon in die Hand nehmen".

Vorsichtiger zeigte sich der Börsenhändler Ken Polcari von ICAP Equities: "Falls Tommy Joyce nicht ernsthafte Schadensbegrenzung betreiben kann, die Märkte beruhigt und alle überzeugt, dass sie in Ordnung sind und nicht pleitegehen, haben sie schwere Zeiten vor sich."

dab/dpa/Reuters