Walmart gegen Amazon Kampf der Giganten

Die Supermarktkette Walmart will sich im Überlebenskampf mit Amazon nicht kampflos geschlagen geben. Und tatsächlich macht der US-Traditionskonzern Boden gut. Wie das?
Kombo/ Walmart/ Amazon

Kombo/ Walmart/ Amazon

Foto: Francis Dean/ Dean Pictures/ imago; Kyodo News/ imago

Den Begriff "Konsumlust" hat niemand erfunden, der bei Walmart shoppen war.

Das Einkaufen in den Supermärkten des größten Einzelhandelskonzerns der Welt ist kein Vergnügen. Links und rechts der nicht enden wollenden Gänge stapeln sich lieblos aufgetürmte Waren. Gleich nach den Beauty-Produkten kommt das Autoöl, und hinter der Kasse am Ausgang überprüft eine Angestellte nochmals, ob der Kunde wirklich alles bezahlt hat, was im Wagen liegt.

Aber Walmart hat etwas, was Amerikas Mittelschicht trotzdem in die Filialen lockt: Die Preise sind niedrig - jedenfalls, wenn man es mit dem Konkurrenten vergleicht, den sich Amazon vor zwei Jahren einverleibt hat: Whole Foods. "Whole Paycheck" nennen Spötter die Öko-Kette, weil man dort bei jedem Einkauf einen Wochenlohn lässt.

Der schnörkellose Billigheimer auf der einen, die Bio-Boutique auf der anderen Seite - die Rollen schienen klar verteilt. Doch nun greift Whole Foods den Konkurrenten in dessen Kerndisziplin an. Zum dritten Mal seit der Übernahme wurden die Preise gesenkt. Zwar ergibt der Vorher-Nachher-Vergleich, dass es mit den vermeintlichen Schnäppchen nicht so weit her ist, wie behauptet (die Schale Öko-Erdbeeren kostet gar 50 Cent mehr). Den Mitgliedern von Amazon Prime allerdings gewährt Whole Foods bei vielen Waren Sonderkonditionen. Die Erdbeeren zum Beispiel bekommen sie für 2,99 statt 4,99 Dollar. Dahinter steht ein klares Kalkül: Amazon will seine bislang schwache Position im Lebensmittelsektor ausbauen und dazu seine Dominanz im Digitalgeschäft nutzen.

Selbsternanntes Technologieunternehmen

Doch auch der Gegner schläft nicht. Walmart hat damit begonnen, sein Geschäftsmodell radikal umzubauen. Aus der etablierten Supermarktkette soll ein selbsternanntes "Technologieunternehmen" werden, das den Strukturwandel der Branche vorantreibt, statt den Veränderungen hinterherzulaufen. Dafür hat sich der Konzern

  • von außen einen Chef für die E-Commerce-Sparte geholt,
  • seinen Online-Auftritt modernisiert
  • und Milliarden investiert.

Die wichtigste Veränderung allerdings finde in den Köpfen statt, hat Konzernchef Doug McMillon bekannt: "Bei Walmart ist ein Kulturwandel im Gange. Und wir genießen das."

Anders gesagt: Der Dinosaurier will zur Gazelle mutieren.

Damit ist der Kampf um die Vorherrschaft im Lebensmittel-Einzelhandel voll entbrannt. Lange waren Walmart und Amazon ganz gut aneinander vorbeibekommen. Denn beide sind Giganten und Zwerge zugleich.

Mit mehr als 500 Milliarden Dollar ist Walmart das umsatzstärkste Unternehmen der Welt, und mit 2,2 Millionen Beschäftigten der größte private Arbeitgeber. Amazon kommt mit seinen knapp 650.000 Beschäftigten nicht einmal auf die Hälfte des Umsatzes.

Im Onlinehandel aber kehren sich die Verhältnisse um. Walmart hält im E-Commerce-Sektor der USA nur vier Prozent Marktanteil, während Amazon in seiner kurzen Geschichte 45 Prozent erobert hat. Und noch eine Kennzahl lässt das 1962 von Sam Walton gegründete amerikanische Traditionsunternehmen ziemlich alt aussehen: Amazons Marktkapitalisierung ist gut drei Mal so hoch wie die von Walmart - ein eindeutiges Votum der Investoren, die auf die Zukunft spekulieren. Denn der stationäre Einzelhandel der USA ist zum Friedhof klangvoller Namen geworden. Sears und Toys'R'US gingen pleite, andere wie Macy's, J.C. Penney, Victoria's Secret oder Gap schließen Filialen, um zu überleben.

Onlineumsätze um 40 Prozent gestiegen

Endlose Regale und Kassen in einem Walmart in New Jersey

Endlose Regale und Kassen in einem Walmart in New Jersey

Foto: © Lucas Jackson / Reuters/ REUTERS

Doch wer auch Walmart ein schnelles Ende voraussagte, hat sich geirrt. Im Gegenteil macht der Konzern Boden gut. Im Geschäftsjahr 2018/2019 sind die Onlineumsätze in den USA um 40 Prozent gestiegen. Damit ist Walmart in der Rangliste an die dritte Stelle vor Apple gerückt.

Die Supermarktkette hat eine Reihe kleiner Internetanbieter übernommen und Partnerschaften geschlossen, um ihr Sortiment zu erweitern. Aber "es ist nicht unser Plan, uns den Weg zum Erfolg zu erkaufen", versichert Firmenchef McMillon. Stattdessen wird experimentiert und riskiert. Zum Beispiel mit "Jetblack", einem persönlichen Einkaufsservice, mit dem vielbeschäftigte New Yorker für 600 Dollar im Jahr per SMS Espressokapseln, eine Yogamatte oder auch Vorschläge für den sechsten Geburtstag des Sprösslings anfordern können.

Der einfache Küchenzuruf soll funktionieren

Walmart macht mit dem personalintensiven Geschäft Verluste, sammelt aber Daten und Erfahrungen, um ein automatisiertes System mit künstlicher Intelligenz aufzubauen. In Arizona testet der Konzern selbstfahrende Lieferfahrzeuge. Und demnächst können die Kunden Brot und Butter über Googles Sprachassistenten ordern. Nach ein paar derartigen Bestellungen soll der einfache Küchenzuruf "Milch" reichen, damit der Kunden die 3,8-Liter-Flasche fettarme Ein-Prozent-Bio-Milch seiner präferierten Marke vor der Haustür findet. "Ich will, dass Sie Walmart neu denken", forderte der Firmenchef die Investoren auf.

Entscheiden könnte die Schlacht aber letztlich etwas anders: Walmart will aus seiner vermeintlichen Schwäche der flächendeckenden Präsenz eine Stärke machen. 90 Prozent der Amerikaner leben höchstens zehn Meilen von der nächsten Filiale entfernt. Mit "Click & Collect" können sie nun an vielen Standorten online bestellen und wenig später die Waren auf dem Parkplatz in den SUV laden. Der Kundschaft scheint das zu gefallen. Der Finanzdienstleister Cowen & Co. schätzt das Marktvolumen auf 35 Milliarden Dollar in 2020.

Gerüchte um Amazon

Amazon aber wird das Feld dem Konkurrenten nicht kampflos überlassen. Auch Whole Foods offeriert in vielen Städten inzwischen Click & Collect sowie die kostenlose Lieferung für Prime-Mitglieder. Und in der Branche verdichten sich Spekulationen, dass Amazon nach dem 14-Milliarden-Dollar-Zukauf nun eine weitere konventionelle Lebensmittelkette in den USA aufbauen will. In Seattle können die Kunden von Amazon Fresh schon in zwei Geschäften Obst und Gemüse selbst abholen. Das könnte die Blaupause sein.

Zumindest in dieser Hinsicht fühlt sich Walmart dank seines riesigen Warenlagers und der angestammten Führungsrolle im Lebensmittelbereich mit einem Marktanteil von 23 Prozent überlegen. Die Anpassung an die Zukunft allerdings hat Tücken.

Als Walmart kürzlich die Lieferung von Frischeprodukten aus dem Supercenter in North Bergen im Bundesstaat New Jersey startete, kam das bei den Kunden etwas zu gut an. Den Bestellknopf klickten vor allem Käufer im gegenüber liegenden Manhattan. Was Walmart nicht bedacht hatte: bei jeder Fahrt durch den Tunnel unter dem Hudson River werden 15 Dollar Mautgebühr fällig. Nach ein paar Tagen stoppte die Supermarktkette die Lieferungen nach New York.

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