Studie zur Autoindustrie Warum Deutschland auch ohne VW, Daimler und BMW klarkommt

Ohne die großen Autohersteller wäre unsere Wirtschaft am Ende. Mit dieser Gewissheit im Hinterkopf verfolgen viele die Krise der Branche mit großer Sorge. Eine neue Studie zeigt: Wir würden auch das schlimmste Szenario überstehen.
Landstraße

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Foto: Gao Qimin/ dpa

Es gibt viele Menschen, die können sich die deutsche Wirtschaft ohne Volkswagen, Daimler und BMW gar nicht vorstellen. Tatsächlich sind die drei Premiumhersteller die Aushängeschilder der Industrienation Deutschland in der ganzen Welt, gelten als Garanten für technischen Fortschritt, Arbeitsplätze und Wohlstand. Nicht auszudenken also, was passierte, wenn sie das Schicksal von General Motors oder Chrysler ereilte, die in der Folge der Finanzkrise 2008 sogar Insolvenz anmelden mussten.

Beim Schweizer Beratungs- und Prognose-Institut Prognos haben sie es trotzdem gewagt, das Schlimmste zu denken. Der aktuelle Deutschland-Report beschäftigt sich mit den zentralen Störfaktoren, die alle langfristigen Voraussagen für die Entwicklung der Wirtschaft in Deutschland und weltweit womöglich zunichte machen könnten. Dazu gehören die Verwerfungen im globalen Handel ebenso wie die Folgen der Erderwärmung - und eben der Niedergang der Autoindustrie in Deutschland.

Um Panikattacken und Schnappatmung vorzubeugen, betont Studienleiter Oliver Ehrentraut gleich zu Beginn, dass es sich nur um Gedankenspiele handelt: "Das Szenario analysiert die Konsequenzen, die entstehen, wenn Verantwortliche in der Autoindustrie die absehbaren Strukturveränderungen verpassen und dadurch im Wettbewerb ins Hintertreffen geraten", erklärt er. Im Prinzip ist die Studie also vergleichbar mit einem Stresstest, in dem Banken und Versicherungen immer mal wieder durchrechnen, wie gut sie für den schlimmsten Fall gerüstet sind.

Nun würden einige der Deutschen Bank im Falle ihres Untergangs keine Träne nachweinen - viele Autofahrer den Bayerischen Motorenwerken aber schon. Und trotzdem hätte ein Kollaps der Deutschen Bank wesentlich gravierendere Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft als der von einem Industriekonzern wie BMW. Denn Werksschließungen, Entlassungen und Umsatzeinbußen wirken sich - zumindest auf die gesamte Volkswirtschaft - weit weniger schlimm aus als die Störungen im Finanzsystem, die mit dem Zusammenbruch einer Bank einhergehen. Die Schockwellen, die die Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008 nach sich zogen, sind dafür ein eindrücklicher Beweis.

Zwar sind seit der Finanzkrise etliche Sicherungen ins System eingezogen worden, damit sich so ein Ereignis nicht wiederholt, doch das Prinzip bleibt: Ein Beben in der Finanzwelt würde mehr zerrütten als der Ausfall eines großen Produzenten in der Industrie.

Das Szenario der Prognos-Ökonomen für die Autoindustrie kann man als Beleg dafür heranziehen. Demnach würden die Autobauer bis 2045 rund 40 Prozent ihrer Umsätze verlieren. Ungefähr 260.000 Arbeitsplätze gingen verloren.

In der Folge würden auch die anderen Industriezweige leiden - aber bei Weitem nicht so stark, wie man es zunächst erwartet hätte. Die Wertschöpfung außerhalb der Autobranche würde demnach um 15 Milliarden Euro sinken, das sind gerade einmal 2,2 Prozent im Vergleich zum normalen Szenario ohne Autopleiten. Die Zahl der Arbeitsplätze würde sich in diesen Bereichen um 70.000 verringern (-1,3 Prozent).

Selbst den Autoherstellern eng verbundene Bereiche wie Autohandel und Werkstätten wären nur ähnlich stark betroffen wie der Rest der Industrie (weil natürlich Konkurrenten aus dem Ausland an die Stelle der bisherigen Marktführer treten würden). In der Summe, so rechnen die Forscher vor, würde die Volkswirtschaft rund 4,6 Prozent ihrer Wertschöpfung und rund 740.000 Arbeitsplätze verlieren.

Ehrentraut geht jedoch nicht davon aus, dass es so weit kommt. "Wir gehen in der Realität natürlich davon aus, dass die Wirtschaft reagieren würde, wenn die deutschen Autohersteller im Wettbewerb zurückfielen", erklärt er. In der Folge solcher Anpassungsprozesse entstünden dann natürlich auch neue Arbeitsplätze.

So beruhigend das Szenario auch klingt - beim Blick aufs Ganze lassen die Autoren die Auswirkungen auf die unmittelbar betroffenen Regionen außer Acht. Dabei könnten die gravierend sein, wie die Erfahrung aus anderen Industriezweigen lehrt. Trotz umfangreicher staatlicher Unterstützung und intensiver Bemühungen zur Ansiedlung neuer Unternehmen haben sich etwa das Saarland, das Ruhrgebiet oder die Lausitz bis heute nicht vom Niedergang der Stahl- und Bergbau-Konzerne erholt.

Die Batterienfertigung wurde schon preisgegeben

So weit muss es im Falle der Autoindustrie nach Überzeugung der Prognos-Experten gar nicht erst kommen. Denn das angenommenen Szenario ließe sich verhindern, wenn die Verantwortlichen die veränderten Rahmenbedingungen rechtzeitig in ihre strategischen Planungen einbeziehen würden.

Dazu gehört natürlich in vorderster Linie die Umstellung auf alternative Antriebstechnologien und das Ringen mit neuen Konkurrenten wie Tesla aus den USA oder Nio und Byton aus China. Denen fehlt zwar derzeit noch das Know-how, wenn es darum geht, Autos in großen Stückzahlen bei gleichbleibender Qualität zu fertigen. Dafür sind sie frei von der Bürde, eine auslaufende Technologie im eigenen Hause möglichst störungsfrei abwickeln zu müssen.

Rechnung tragen müssen die Autokonzerne auch den veränderten Ansprüchen der Gesellschaft, in der das Auto seine einst zentrale Rolle für die Mobilität allmählich verliert. Mit Autos, darüber sind sich viele Experten einig, verdient man in Zukunft immer weniger Geld, dafür umso mehr mit Dienstleistungen rund um den Weg von A nach B. Auch auf diesem Gebiet stehen bereits schlagkräftige Konkurrenten wie Google, Apple oder Baidu bereit, die um Marktanteile ringen.

Hinzu kommt, dass die Digitalisierung der Autos nach Erkenntnissen der Prognos-Experten auch die Rolle der Zulieferer stärken wird. Was im Prinzip einleuchtet, denn all die Talente, über die das Auto der Zukunft verfügen muss, können die Autohersteller allein gar nicht entwickeln.

Ein Feld haben die Autokonzerne praktisch schon jetzt preisgeben: Die Fertigung eigener Zellen für die Batterien von Elektroautos. BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich sieht darin jedoch kein Problem, solange der Konzern mit den Lieferanten auf Augenhöhe zusammenarbeiten könne. Der Münchner Konzern gibt deshalb 200 Millionen Euro für ein Entwicklungszentrum aus, um die Chemie in der Batteriezelle genau zu verstehen. Ähnliche Pläne gibt es auch bei Volkswagen und Daimler.

Daimler   hat sich überdies schon die Batterie-Versorgung bis 2030 gesichert. Den langfristigen Vertrag lassen sie sich rund 20 Milliarden Euro kosten. Die Verträge seien so formuliert, dass man über die jeweils neueste Zellen-Technologie verfügen könne, hieß es. Wenn das stimmt, wird das Szenario der Prognos-Forscher wohl doch nicht so bald eintreten.

Zusammengefasst:
Experten des Beratungsunternehmens Prognos haben ausgerechnet, was passieren würde, wenn die BMW, Daimler und Volkswagen den Anschluss verlieren würden. Ergebnis: Die Folgen für die Gesamtwirtschaft fielen weit weniger schlimm aus, als man zunächst befürchten würde. Die einzelnen Regionen bekämen die Auswirkungen allerdings wesentlich deutlicher zu spüren.

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