Wirtschaftswachstum zum Jahresbeginn Zu Hause erholt

Der Export schwächelt, dafür bauen und kaufen die Deutschen mehr. Dieser Trend ließ die Wirtschaft wieder wachsen. Doch der Aufschwung könnte von kurzer Dauer sein. Die Entwicklung in drei Grafiken.

Die Kauflaune in Deutschland hat wieder zugenommen
Henning Kaiser / DPA

Die Kauflaune in Deutschland hat wieder zugenommen

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es ist ein Lebenszeichen der deutschen Konjunktur: Zwischen Januar und März wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut ersten Zahlen um 0,4 Prozent. Das sei "Balsam für die Seele der deutschen Wirtschaft", jubelte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Bank.

Der Grund für die Erleichterung: Ende vergangenen Jahres war Deutschland noch knapp am Abschwung vorbeigeschrammt. Nach einem Rückgang um 0,2 Prozent im dritten Quartal hatte die Wirtschaft zum Jahresende stagniert. Hätte damals erneut ein Minus vor den Wachstumszahlen gestanden, so wäre Deutschland offiziell in der Rezession gelandet. Die neuen Zahlen zeigen nun, dass sich der Abwärtstrend vorerst nicht fortgesetzt hat.

Woran lag das? Ausführliche Zahlen zur Entwicklung einzelner Wirtschaftsbereiche veröffentlicht das Statistische Bundesamt erst in einer Woche. Doch laut ersten Angaben setzt sich ein längerfristiger Trend fort: Die Exportwirtschaft, lange Deutschlands wichtigster Wachstumsmotor, schwächelt. Stattdessen kommen den Statistikern zufolge positive Impulse "nach vorläufigen Berechnungen vor allem aus dem Inland".

So wurde im Bausektor "deutlich mehr" investiert als noch zum Jahresende. Die Branche wächst kontinuierlich, angetrieben durch die niedrige Zinsen und auch das staatliche Baukindergeld. Seit Ende 2015 hat der Bausektor in jedem Quartal zugelegt.

Der Boom stößt allerdings an Grenzen: Mangels Kapazitäten müssen Firmen schon jetzt Aufträge ablehnen, obwohl die Wohnungsnot eigentlich dringend mehr Neubauten erforderlich macht. Die rege Bautätigkeit zwischen Januar und März sei zudem durch die ungewöhnlich milde Witterung begünstigt worden, warnte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Im zweiten Quartal dürfte die deutsche Wirtschaft deshalb kaum wachsen, vielleicht sogar leicht schrumpfen."

Angetrieben wird die Binnenkonjunktur aber nicht allein durch Häuslebauer. "Auch die privaten Konsumausgaben legten gegenüber dem Vorquartal kräftig zu", so das Statistische Bundesamt. Damit setzt sich ebenfalls ein längerfristiger Trend fort.

Galten die Deutschen im internationalen Vergleich früher als Konsummuffel, so ist ihre Bereitschaft zum Geldausgeben in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. So legten die Einzelhandelsumsätze im ersten Quartal laut dem Monatsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums um 1,7 Prozent zu. Auch die privaten Autozulassungen hätten sich von einer Flaute im zweiten Halbjahr 2018 erholt, die durch die Umstellung auf den Abgasprüfstandard WLTP verursacht worden sei.

Als wichtiger Grund für den Konsum gilt die stabile Lage auf dem Arbeitsmarkt. "Wenn ich weiß, dass mein Arbeitsplatz einigermaßen gesichert ist, bin ich auch bereit, größere Ausgaben vorzunehmen oder mich eventuell sogar zu verschulden", so Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die Schaffung neuer Arbeitsplätze dürfte sich einer neuen Studie zufolge aber verlangsamen.

Die Schwächephase ist noch nicht vorbei

"Ihre Schwächephase hat die deutsche Wirtschaft mit dem guten Einstieg in das Jahr aber noch nicht überwunden", heißt es aus dem Haus von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Das werde erst gelingen, "wenn sich das außenwirtschaftliche Umfeld wieder etwas aufhellt und die Verunsicherung, verursacht insbesondere durch die Handelskonflikte, abnimmt."

Die Erwartungen der deutschen Exportwirtschaft sind schon länger rückläufig. Weil nach wie vor große Teile der Wirtschaft an dem Sektor hängen, wird sich eine Krise auf Dauer auch nicht allein durch eine bessere Nachfrage im Inland auffangen lassen.

Neben Donald Trumps Dauerdrohung mit Strafzöllen macht den Exporteuren die generelle Abkühlung der Weltwirtschaft und die damit verminderte Nachfrage nach deutschen Waren zu schaffen. So fällt der Stimmungsindikator IHS Markit PMI, der die globale Industrieproduktion abbildet, bereits seit einem Jahr. Commerzbank-Ökonom Krämer erwartet eine nachhaltige Erholung denn auch erst, wenn sich die chinesische Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte stabilisiert.

Zwar steigen die Ausfuhren weiterhin, im März erreichten sie sogar einen neuen Rekordwert. Damit sie auch zum Wachstum beitragen, müssen die Exporte jedoch stärker wachsen als die Importe. Das war zuletzt nicht der Fall: Der sogenannte Außenbeitrag (Exporte abzüglich Importe) war im vergangenen Jahr negativ und verringerte so das BIP-Wachstum.

Wenn kommende Woche ausführlichere Wachstumszahlen veröffentlicht werden, könnten sie eine Fortsetzung dieses Trends zeigen. Das Statistische Bundesamt schreibt jedenfalls von "gemischten Signalen" aus der Außenwirtschaft, "da sowohl die Exporte als auch die Importe im Vergleich zum Vorquartal zulegten".

Zusammengefasst: Nach einer Stagnation zum Jahresende ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal 2019 wieder gewachsen. Das lag vor allem an der Binnenkonjunktur, die durch den Bauboom und die Verbraucher angetrieben wurde. Der Aufschwung könnte aber von kurzer Dauer sein - auch weil die wichtige Exportbranche mit Problemen kämpft.

Mit Material von dpa

insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
t.schulte 15.05.2019
1. Warum diese Dauer-Schwarzmalerei?
Liebe Spiegel Redaktion, hat euch noch keiner gesagt das Wirtschaftskrisen aus Vertrauensverlusten entstehen? Wenn ihr weiter jeden Tag den Pessimismus raushaut, könnt ihr euch die nächste Krise selbst auf die Fahnen schreiben. Fakt ist das Lieferzeiten fast überall explodieren. Natürlich trüben sich die Geschäftsaussichten ein wenn die Auslastung so hoch ist das man keine Teile mehr ran bekommt.....
biesi61 15.05.2019
2. Sehr positive Entwicklung!
Statt schon wieder prophylaktisch loszujammern, sollten wir den positiven Inhalt der Zahlen hervorheben. Deutschlands Wirtschaft entdeckt den seit Jahren grob vernachlässigten Binnenmarkt. Angesichts der immer schlimmer werdenden Wohnungsnot in unseren Metropolen und unserer verrottenden Infrastruktur kann die Bauwirtschaft noch einige Schaufeln drauf legen. Da ist für sehr viele Jahre noch erheblich Luft nach oben! Und nachdem ein Jahrzehnt lang in der gesamten Industrie viel zu wenig investiert wurde und infolge dessen die internationale Wettbewerbsfähigkeit nachlässt, stehen hier erhebliche Nachholaktivitäten an. Gut, dass endlich die absurd einseitige Orientierung der Industrie auf die Exportmärkte nachlässt! Da ist tatsächlich ein Maximum erreicht.
oli h 15.05.2019
3. So muss es sein!
„Doch der Aufschwung könnte von kurzer Dauer sein“ - Das Glas ist immer halb leer. German Angst for life.
peter22 15.05.2019
4. Kleine Anmerkung
Sie schreiben im Artikel: "[...] Zwar steigen die Ausfuhren weiterhin, im März erreichten sie sogar einen neuen Rekordwert. Damit sie auch zum Wachstum beitragen, müssen die Exporte jedoch stärker wachsen als die Importe. Das war zuletzt nicht der Fall: Der sogenannte Außenbeitrag (Exporte abzüglich Importe) war im vergangenen Jahr negativ und verringerte so das BIP-Wachstum." Das ist nicht ganz richtig formuliert. Der Außenbeitrag ist nicht negativ sondern beträgt tatsächlich satte 233,7 Milliarden Euro. Allerdings ist dieser im Vergleich zum Vorjahr gesunken, was sich im Ergebnis negativ auf das BIP-Wachstum auswirkt. Richtig müsste es daher heißen: Der Wachstumsbeitrag des Außenbeitrags zum BIP war negativ. Klingt natürlich etwas sperrig (:
Knacker54 15.05.2019
5. Das Hohe Lied auf das Ewige Wachstum
Wann endlich begreifen auch SPON und SPIEGEL, dass wir eine Agenda, eine Plan brauchen, wie Wirtschaft auch ohne Wachstum funktioniert: Nur damit sind die Menschheit und Flora und Fauna zu retten! Ewiges Wachstum vergrößert auch alle Probleme! Mehr Müll, mehr CO2, mehr Peztizide, mehr Artensterben - mehr von jedem Mist!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.