Neue Tesla-Fabrik in Brandenburg Warum ausgerechnet Grünheide?

Der brandenburgische Ort Grünheide freut sich auf eine Tesla-Fabrik. Auch Berlin ist glücklich über den Coup, den Elektroautopionier in die Region gelotst zu haben. Wie kam der Deal zustande?

Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/DPA

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Die kleine Gemeinde Grünheide hat eine Menge zu bieten für gestresste Berliner, die der Hektik der Stadt für ein paar Stunden entkommen wollen. Die Umgebung ist durchzogen von Seen, Richtung Osten erstreckt sich das große Naturschutzgebiet Löcknitztal. Im Ort selbst, der sich um den Werlsee gruppiert, findet man eine Klinik, einen Bootsverleih und die Pension Schildkröte.

Seit Dienstagabend steht Grünheide allerdings unter ganz anderen Vorzeichen im Lichte der Öffentlichkeit - und zwar weltweit. Denn im nahegelegenen Gewerbegebiet soll Europas erste Gigafactory entstehen. So nennt Tesla-Gründer Elon Musk die Fabriken, in denen er die Batterien und die Karossen seiner Elektroautos montieren lässt.

Warum aber, die Frage drängt sich auf, soll ausgerechnet hier in Grünheide eine Fabrik entstehen, die dereinst bis zu 7000 Leute beschäftigen soll?

Ganz einfach: Es gibt genug Platz (der Standort stand dereinst bereits für eine BMW-Fertigung in der engeren Auswahl), die A10 ist direkt um die Ecke und eine direkte S-Bahn-Linie nach Berlin startet im Nachbarort Erkner. Grünheide ist also nicht ganz so abgeschieden, wie es auf den ersten Blick scheint.

Und es gibt noch eine Reihe weiterer sachlicher Gründe, die für den Standort sprechen. Die umweltgerechte Energieversorgung zum Beispiel, die gut zu einer E-Mobil-Fabrik passt. Bundesweit produziert kein Land mehr Ökostrom pro Einwohner als Brandenburg. Das sei im Gespräch mit Tesla-Chef Musk ein entscheidender Vorzug gewesen, betonte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Mittwoch in Potsdam.

Seine neue erst jüngst geschmiedete Brandenburger Kenia-Koalition feiert mit Musks Entscheidung einen glänzenden Einstand. Dem schillernden Unternehmer ließ er zwar den Vortritt, als es darum ging, die Öffentlichkeit mit der guten Nachricht zu überraschen - doch das ist nur ein kleines Zugeständnis im Vergleich zu den Segnungen, die die Standortentscheidung für die neue Elektroautofabrik für Brandenburg bedeutet. Und eben damit auch für den Landesvater.

Schöner wäre es aus Sicht Woidkes natürlich gewesen, man hätte den Coup schon vor der Wahl in Brandenburg unter Dach und Fach gebracht. Hätte bestimmt Stimmen gebracht, aber was nicht ist, ist eben nicht. Stattdessen kann sich der SPD-Politiker jetzt imagewirksam darüber freuen, dass während all der Monate der intensiven Verhandlungen nichts nach außen gedrungen ist, was nach Auskunft seines Sprechers Florian Engels ein mitentscheidender Grund dafür war, dass Musk schließlich Grünheide den Zuschlag gab.

"Wir sind zu 95 Prozent durch"

Aber es gab noch eine ganze Reihe weiterer. So verweist etwa der Automobilexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch-Gladbach auf die große Zahl qualifizierter Arbeitskräfte, die in der Region zur Verfügung stehen. Ohnehin ist die Gegend längst nicht mehr das ökonomische Outback, als das sie nach der Wende jahrelang galt. Die Riva-Stahl-Gruppe betreibt zwei Elektrostahlwerke im nahegelegenen Hennigsdorf und Brandenburg an der Havel, Mercedes-Benz produziert Lkw in Ludwigsfelde und Rolls Royce Deutschland Flugzeugtriebwerke in Dahlewitz. In Hennigsdorf sitzt übrigens auch Zughersteller Bombardier, die Liste ließe sich noch um einiges erweitern.

Dass der Deal noch platzt, glaubt Woidke nicht. "Ich habe Musk während der fünf bis sechs Monate dauernden Verhandlungen als sehr verlässlichen Menschen kennengelernt", sagte der Regierungschef. "Wir sind zu 95 Prozent durch, aber es werden auch noch weitere Fragen geklärt werden müssen." Trotzdem ist Woidke sicher, dass die Bauarbeiten bereits in wenigen Monaten losgehen. Die Investitionen sollen mehrere Milliarden betragen.

Subventionen im Rahmen des EU-Rechts

Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie groß die finanzielle Schützenhilfe für den chronisch defizitären Autobauer wohl ausfällt. Tesla seien Zusagen für übliche Subventionen im Rahmen des EU-Beihilferechts gemacht worden, sagt Woidke dazu nur knapp. Regierungssprecher Engels verwies auf die strengen Vorgaben aus Brüssel, die den Wettbewerb der Standorte in Europa regelten.

Zu den rivalisierenden Standorten im Ringen um die Tesla-Fabrik gehörte auch Berlin. Bereits vor mehr als einem Jahr hatte die grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Pop beim kalifornischen Elektro-Milliardär antichambriert. "Berlin ist der deutsche Hotspot für internationale Unternehmen, um ihre digitalen Business-Units zu etablieren", schrieb die Senatorin an Musk. Sie wies darauf hin, dass sich vor allem Start-ups im Bereich der Elektromobilität in der Hauptstadt wohlfühlten und die Denkfabriken mehrerer Autohersteller. Tesla würde "perfekt in dieses Biotop passen", schrieb Pop.

Pop machte sogar konkrete Standortangebote, etwa den Cleantech-Businesspark in Berlin-Marzahn, verbunden mit dem Hinweis, der Lausitzring eigne sich ideal als Teststrecke. Berlin könnte zudem helfen, so bot die Senatorin ihm in ihrem Schreiben an, "bei der Identifizierung und Umsetzung der richtigen Finanzierungs- und Unterstützungsangebote".

Lieber Grünheide als Marzahn

Doch nach Marzahn wollte Musk nicht, angeblich war die Fläche zu klein und vor allem nicht erweiterungsfähig. Für den Businesspark im Osten Berlins wäre die Ansiedlung wie ein Sechser im Lotto gewesen. Denn bisher liegt die Fläche noch weitgehend brach.

Trotzdem kann sich die Hauptstadt nun begründete Hoffnungen auf das Design- und Entwicklungszentrum machen, das Musk ganz in der Nähe seiner Fabrik ansiedeln will - das bedeutet immerhin bis zu 3000 neue Arbeitsplätze.

Aus Sicht von Stefan Bratzel bietet sich Berlin als Standort geradezu an, denn im Silicon Valley kenne man die Anziehungskraft der Stadt auf kreative Köpfe. Und anders als andere europäische Metropolen, sei der finanzielle Einsatz überschaubar. Senatorin Pop will jetzt noch einmal Marzahn ins Gespräch bringen - aber es gibt auch noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten.



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