Boom an den Finanzmärkten Warum Gold ausgerechnet jetzt so teuer ist wie noch nie

Rekordpreise für Gold und die Aktienmärkte nahe ihren Höchstständen. Dass beide Anlageklassen gleichzeitig steigen, ist selten - und ein Zeichen dafür, dass derzeit vieles nicht normal ist.
Goldbarren (Symbolbild): "Die Telefone der Händler klingeln ununterbrochen"

Goldbarren (Symbolbild): "Die Telefone der Händler klingeln ununterbrochen"

Foto: Arne Dedert / dpa

Dass sich die globale Weltwirtschaft noch immer in einer schweren Krise befindet, ließ sich in der Nacht zu Montag an der Rohstoffbörse in London beobachten: Da kletterte der Preis für eine Feinunze Gold überraschend auf einen neuen Rekordstand. Der Preis notierte zwischenzeitlich bei 1.945 Dollar und übertraf damit das bisherige Hoch vom September 2011 um mehr als 20 Dollar. Auch Silber sprang auf den höchsten Stand seit sieben Jahren. "Solch eine Dynamik haben wir noch selten erlebt, die Telefone bei unseren Händlern klingeln ununterbrochen", sagt Hans-Günter Ritter vom Edelmetallhändler Heraeus. 

Zumindest auf den ersten Blick läuft damit an den Finanzmärkten alles so, wie es in den Lehrbüchern beschrieben wird: Denn weil Gold nicht beliebig vermehrt werden kann, gilt es als klassische Krisenwährung, deren Wert steigt, wenn die wirtschaftlichen Aussichten düster sind. Und da zuletzt eine hohe Zahl von Corona-Neuinfektionen in den USA und Europa die Sorge vor einem konjunkturellen Rückschlag angeheizt hat, ist ein Anstieg des Goldpreises nachvollziehbar. Gold-Investments sind im Grunde genommen nicht anderes als eine Wette darauf, dass sich die Lage an der Weltwirtschaft verdüstern wird. Denn für den Fall einer wirklich schweren Systemkrise gilt Gold einigen Anlegern als wertstabile Absicherung.

Doch zeitgleich steigen seit Wochen auch die Aktienkurse in einem rasanten Tempo. Seit seinem Tiefpunkt am 18. März hat zum Beispiel der deutsche Leitindex Dax mehr als 40 Prozent gewonnen, ist damit nur noch knapp drei Prozent von seinem Vorkrisenstand zu Beginn des Jahres entfernt. Und das passt dann eigentlich nicht mehr mit den gängigen Lehrbuchweisheiten zusammen.

Denn laut denen müssten sich Gold und Aktien in Krisenzeiten entgegengesetzt zueinander entwickeln: Demnach steigt der Goldpreis, wenn Aktienkurse fallen - und umgekehrt. Denn während Gold als Anlage für Krisenzeiten taugt, sollen steigende Aktienkurse ja eigentlich eine positive Wirtschaftsentwicklung widerspiegeln.

Für den parallelen Anstieg der beiden Vermögensklassen gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl das spektakuläre Eingreifen der Zentralbanken und Staaten. Sie stützen die Weltwirtschaft und pumpen Billionen ins System. Weil angesichts niedriger Zinsen weiterhin die Alternativen fehlen, geben Investoren das viele billige Zentralbankgeld aus, um Aktien zu kaufen. Das treibt die Kurse in schwindelerregende Höhen. Zugleich fürchten einige Investoren, dass durch das viele billige Geld die Inflation steigt. Deshalb kaufen sie auch Gold. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, warnt gar vor einer Stagflation, ein seltenes ökonomisches Phänomen, das durch gleichzeitig steigende Preise und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist.

Im ersten Halbjahr 2020 haben wegen dieses düsteren Szenarios zum Beispiel sogenannte Gold-Indexfonds (ETFs) nach Angaben des World Gold Councils 734 Tonnen Gold gekauft, mehr als im gesamten Krisenjahr 2009. "Zweifellos ist die globale Nachfrage der ETF-Investoren derzeit die große Kraft, die die Preise nach oben treibt", sagt Edelmetallhändler Ritter. Besonders in den USA sind die Bestände stark gestiegen, was auch mit dem derzeit fallenden Dollarkurs zusammenhängt. Die Ausbreitung des Coronavirus ist in den USA längst nicht unter Kontrolle, das birgt die Gefahr eines starken Konjunktureinbruchs und einer weiterhin hohen Geldschwemme.

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Und in solch einer Gemengelage gibt es wohl derzeit für viele Anleger zu Aktien und Gold kaum eine Alternative. Denn im Fall einer schweren Inflation sind Unternehmensbeteiligungen, Immobilien, aber auch Goldbestände die bessere Wahl als Anleihen, die wegen der Niedrigzinspolitik längst keine Renditen mehr abwerfen. Und so könnte der Boom zweier grundverschiedener Anlageklassen weitergehen.