Milliardenschwere Start-ups Die Einhörner werden immer fetter

SpaceX oder Stripe - junge Firmen sammeln heute lieber viel Geld bei reichen Investoren ein, als an die Börse zu gehen. Verlierer sind die Kleinanleger.

Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX wird auf 18,5 Milliarden Dollar Wert geschätzt
Tribune News Service/ Getty Images

Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX wird auf 18,5 Milliarden Dollar Wert geschätzt

Von , Washington


Es gab eine Zeit, da war ihr Anblick eine Sensation: "Ihr Fell gleicht jenem der Büffel, und Füße haben sie wie Elefanten. Mitten aus der Stirn wächst ihnen ein Horn, das schwarz ist und sehr dick", schrieb Marco Polo über das Einhorn. Auf Sumatra hatte der Weltreisende angeblich das Fabelwesen gesichtet, von dem die Menschen seit der Antike schwärmten.

In der Finanzwelt von 2019 ist das mystische Pferd längst nicht mehr so rar: Als "Einhorn" wird im Branchenslang ein Start-up bezeichnet, das mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet ist, ohne an der Börse notiert zu sein. Als Aileen Lee vom Wagniskapitalgeber Cowboy Ventures 2013 den Begriff der "Unicorns" erfand, existierten je nach genauer Definition weltweit 18 bis 39 Exemplare der seltenen Art. Auf Lees Liste standen Namen wie Facebook, Twitter und LinkedIn.

Heute fallen zehn Mal so viele Gründerfirmen in diese Kategorie. Knapp 400 Einhörner zählt die Beratungsfirma CB Insights derzeit. Binnen eines Monats sind mehr als ein Dutzend dazugekommen.

Teils noch keinen Cent erwirtschaftet

Essenstüten vom Lieferanten DoorDash (Archivbild): Geschätzter Wert bei fast 13 Milliarden Dollar
ZUMA Press/ imago images

Essenstüten vom Lieferanten DoorDash (Archivbild): Geschätzter Wert bei fast 13 Milliarden Dollar

Die Einhörner vermehren sich nicht nur rasant, sie werden auch immer fetter. Das Vermietungsportal Airbnb, das 2020 an die Börse will, wird von den Investoren auf mehr als 30 Milliarden Dollar taxiert. Derart atemberaubende Summen für Jungunternehmen, die - anders als Airbnb - teils noch keinen Cent Gewinn erwirtschaftet haben, sind keine Ausnahme.

Die Einhörner werden zunehmend von der Verwandtschaft der "Zehnhörner" verdrängt, die mit mindestens zehn Milliarden Dollar bewertet werden. Zum Beispiel kommt

  • Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX auf 18,5 Milliarden Dollar,
  • der Essenslieferant DoorDash auf 12,6 Milliarden Dollar,
  • der E-Zigarettenhersteller Juul Labs auf 50 Milliarden Dollar (zumindest vor den jüngsten Negativnachrichten),
  • der Computerspiele-Entwickler Epic Games (Fortnite) auf 15 Milliarden Dollar,
  • der Büroraumanbieter WeWork auf 47 Milliarden Dollar (unter Vorbehalt angesichts der neuesten Entwicklungen),
  • der Onlinebezahldienst Stripe auf 22,5 Milliarden Dollar.
  • An der Spitze der Liste allerdings stehen derzeit zwei chinesische Start-ups, das Internetunternehmen Bytedance mit 75 Milliarden Dollar und
  • der Fahrdienstvermittler Didi Chuxing mit 56 Milliarden Dollar.

Zum Vergleich: Als Amazon 1997 an die Börse ging, war Jeff Bezos' Garagenfirma mit unter 400 Millionen Dollar bewertet.

Schon diskutieren Insider, wie man denn die mit Sicherheit demnächst durch die Private-Equity-Landschaft galoppierenden 100-Milliarden-Dollar-Pferde kategorisieren wird: Als Centacorn (Hunderthorn)? Oder Hectocorn?

Dass allerdings die Zahlen mit den vielen Nullen nicht immer das Papier wert sind, auf dem sie stehen, hat der Fall von WeWork gezeigt. Als der Börsengang anstand, guckten die Investoren zum ersten Mal genauer hin - und viertelten die Summe. Auch bei Juul könnte die Luft angesichts der Debatte über die Gesundheitsrisiken bald entweichen oder schon entwichen sein.

WeWork-Büro in New York: Summe geviertelt
Drew Angerer/ AFP

WeWork-Büro in New York: Summe geviertelt

Aus manchen Einhörnern werden Pferde

Für die Einhörner, die keine mehr sind, gibt es ebenfalls schon ein Wort: "Undercorns". Alex Wilhelm, der Chefredakteur der Branchenpostille "Crunchbase News", urteilt noch nüchterner: Wenn ein Einhorn ein Pferd mit einem Horn sei, dann sei es ohne Horn halt einfach nur noch ein Pferd.

Für die Investorenlieblinge Uber und Lyft kam das böse Erwachen allerdings erst am Morgen nach dem Börsengang: Sie floppten. Auch Snapchat, Dropbox und Spotify enttäuschten die Anleger. Die Geldgeber der ersten Stunde allerdings verdienen sich beim "Exit" aus den Unicorns oft trotzdem eine goldene Nase an ihren Investments.

Und genau das regt viele Beobachter auf. Sie stört, dass sich Start-ups immer öfter häuslich in der Welt des Risikokapitals einrichten, statt an die Börse zu drängen. Der Beratungsgesellschaft McKinsey zufolge hat sich die Zahl der mit Beteiligungskapital finanzierten Firmen in den USA innerhalb eines Jahrzehnts auf 8000 verdoppelt - während die Zahl der börsennotierten Firmen gleichzeitig um 16 Prozent auf 4300 schrumpfte. Vergangenes Jahr wagten nicht mal mehr 200 Unternehmen die Erstnotiz.

Zu viel Geld im Markt

An diesem Trend dürfte sich absehbar wenig ändern. Es ist einfach zu viel Geld unterwegs. Die Niedrigzinspolitik hat dafür gesorgt, dass immer mehr Investorengruppen auf der Jagd nach Renditen und Wachstumspotenzial in den Wagniskapitalmarkt investieren. 2018 verbuchte die Branche mit 130 Milliarden Dollar einen Rekord. Unternehmen wie Uber werden durch die Geldüberflutung zu ständiger Expansion in neue Regionen und Geschäftsfelder quasi gezwungen. Die Mittel dazu bekommen sie frei Haus.

Den Start-ups erspart das, sich an der Börse mit nörgelnden Analysten, Shortsellern, und wechselnden Launen des Publikums herumärgern zu müssen. Vielen der Firmen graust zudem vor den hohen bürokratischen Anforderungen und dem Zwang zur Transparenz. Und der Gesetzgeber hat zur Abkehr von der traditionellen Finanzierung beigetragen. So strich er 2012 eine Vorgabe, die Start-ups mit mehr als 500 Anteilseignern zum Börsengang zwang. Die Möglichkeit, außerhalb der regulierten Börse zu wachsen, sollte eigentlich die Ausnahme sein, sagt die Rechtsprofessorin Elisabeth de Fontenay von der Duke University. Aber: "Man kann sagen, dass die Ausnahme inzwischen die Regel geschluckt hat."

Die US-Börsenaufsicht sorgt sich um Kleinanleger

In einer Anhörung im Kongress beriet die Politik jüngst, was zu tun sei. Weil der Wertzuwachs der Unternehmen zunehmend in der Sphäre des Risikokapitals stattfinde, seien "die Arbeiter vom Wert ihrer Arbeit abgeschnitten", klagte der republikanische Abgeordnete Patrick McHenry. Denn Kleinanleger dürfen nicht direkt in Start-ups investieren. Die Gesellschaft habe entschieden, dass "wenn Du nicht ein vermögender Privatanleger bist, Du dumm bist", kritisiert McHenry die Bestimmung, die dem Verbraucherschutz dienen sollte. Die Börsenaufsicht SEC hat angekündigt, die Vorgabe "noch einmal neu" zu prüfen. Der Mangel an Börsengängen und der fehlende Zugang von Kleinanlegern zum privaten Markt sei "eine wachsende Sorge", so SEC-Chef Jay Clayton.

De Fontenay allerdings hält es für eine Legende, dass Kleinanleger die Investitionschancen "verpassen" würden. Im Schnitt würden diese an den Börsen besser fahren, sagt sie - schon weil diese anders als Großinvestoren nicht die Macht hätten, die Start-ups vorbörslich zu Auskünften über ihre Finanzlage zu zwingen. Die Professorin warnt davor, die Amerikaner und ihre Spargroschen "den Wölfen im außerbörslichen Markt vorzuwerfen".

Vielleicht hat zumindest sie ja Marco Polo gelesen. Das Einhorn habe einen Kopf wie ein wilder Eber und neige ihn unverwandt bodenwärts, schreibt der Venezianer in seinem Buch "Die Wunder der Welt". Am liebsten halte sich das Tier im Morast und im Schlamm auf. "Zum Ansehen ist es ausgesprochen hässlich."

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nurEinGast 28.09.2019
1. eine seltsame Welt
in der Firmen, die noch nichts geleistet haben und/oder nichts substantielles liefern, höher bewertet werden als klassische Handwerksbetriebe und Firmen. Da ist doch schon die nächste "Blase" vorprogrammiert. Nachtigall, ick hör dir trapsen...
whitewisent 28.09.2019
2.
Es ist einer der Grundsätze des Rechts, dass es börsennotierte Aktiengesellschaften gibt, und welche, die eben nicht börsennotiert sind. Das ist weder ein Problem noch eine Spezialität der Unicorns. Nur war der Unterschied in der Vergangenheit nicht so wirkungsvoll. Wenn man die Namen der Unicorns liest, so handelt es sich bei vielen eher um regenbogenfarbene Seifenblasen der New Economy, keine Substanz, sie funktionieren nur durch die gegenseitigen Beziehungen, das immer gleiche Geld im Schwung zu halten. Nicht nur Kleinanleger sind da die Verlieren, sondern auch Kunden, Gewerbetreibende und selbst die Konkurenz, welche noch auf ehrliche Old Economy setzt. Unerfahrene Kleinanleger sind aber nicht wirklich dort Verlierer, weil sie eben zu unerfahren sind, und das Risiko von Verlusten wesentlich größer als die zeitnahe Chance für Gewinne, wenn man die Entwicklung über all die Jahre anschaut. Es ist nicht jeder ein Schaf, aber eben auch nicht Wolf oder Bulle, sondern meist Frettchen, Fuchs und Dachs...
gluonball 28.09.2019
3. Kein Problem
Die Investoren verdienen sich eine goldene Nase weil sie das Risiko eingehen. Aber über die Fehlinvestitionen redet mal wieder keiner. Da ist mal schnell 100% des Einsatzes weg. So wie an der Börse auch. Der Anteil an Startups die es schaffen ist glaube ich gerade mal 20%. Der Rest geht pleite. Und die Investition ist weg.
gibraldo 28.09.2019
4. fortnite
in fortnite kann der kleinanleger sehr wohl investieren. das spiel wird von der chinesischen firma tencent entwivkelt. und sie halten so ca 30 prozent anteile am spiel, soviel ich weiss.
Flying Rain 28.09.2019
5. Börse
Börse...das bedeutet halt schlicht die Befehlsgewalt im Falle eines knarzigen Großaktionärs zu verlieren. Aber hey es muss doch wenigstens noch Leute mit viel Geld geben die einfach dumme Träume haben und nicht die xte Millionenyacht bauen lassen. Da werden duzende Unternehmen und Mitarbeiter in Lohn und Arbeit gehalten um die Träume des Ankündigungslords zu erfüllen. Und Musk kann halt sehr gut Leute von seinen Ideen überzeugen und somit auch gut Geld einnehmen.
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