Investieren in Zertifikate Her mit den Boni!

Jetzt vergessen Sie einfach mal das Lehman-Desaster: Bonuszertifikate passen gut in die aktuelle Kapitalmarktlage und das Anforderungsprofil vieler Investoren - sofern die bereit sind, ihre Vorurteile abzulegen.

Versteigerung von Lehman-Inventar: Eine Pleite auch für Zertifikatekunden
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Versteigerung von Lehman-Inventar: Eine Pleite auch für Zertifikatekunden

Von Christian Kirchner


Von Arbeitnehmern erwartet man immer mehr Flexibilität, Erwerbsbiografien haben Brüche (Ehen natürlich auch), und die Einkommen schwanken entsprechend. Die meisten Anlageprodukte passen nicht zu dieser veränderten Lebenswirklichkeit: 15 Jahre Geduld sollte man für ein Aktienengagement mindestens mitbringen, um Verluste mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Lebens- und Rentenversicherungen, Riester-Verträge und betriebliche Altersvorsorgen werden meist auf noch längere Zeiträume abgeschlossen.

In der Praxis denken die meisten Anleger aber bestenfalls zwei oder drei Jahre in die Zukunft. Sie wollen vielleicht ein bisschen mehr Rendite als das Sparbuch. Das Geld soll aber bitte jederzeit verfügbar sein.

Klingt wie die Quadratur des Kreises. Ist es aber nicht. Fündig werden Sparer bei einer Anlagegattung, die in der öffentlichen Debatte in Deutschland seit der Lehman-Pleite keine Sonne mehr sieht: Zertifikate, genauer gesagt: Bonuszertifikate. Mit überschaubaren Risiken sind hier derzeit für pragmatische und begrenzt risikobereite Anleger vier bis acht Prozent pro Jahr zu verdienen.

Wie Bonuszertifikate funktionieren

Im Kern funktionieren Bonuszertifikate wie folgt: Ein Anleger erwirbt ein von einer Bank emittiertes, auf eine Aktie bezogenes Wertpapier. Dieses Wertpapier hat eine fixe Laufzeit, idealerweise von einem bis drei Jahren, und zum Ende dieser Laufzeit erhalten Anleger stets mindestens den Kurs der Aktie zurück gezahlt - sie fahren also zunächst nie schlechter als mit der Aktie selbst. Bleibt die Aktie während der Laufzeit oberhalb einer fest vereinbarten Kursbarriere, erhalten Anleger zudem eine Bonuszahlung. Das heißt: Sie erzielen auch dann eine Rendite, wenn die Kurse stagnieren oder in gewissem Rahmen fallen. Finanziert wird das durch den Verzicht auf Dividenden während der Laufzeit des Zertifikats.

Dank eines Angebots von über hunderttausend Bonuszertifikaten in Deutschland können Anleger selbst definieren, wie groß der potentielle Kursrückgang sein soll, den ihre Anlage aushält, ohne die angestrebte Rendite zu gefährden. Das können 30, 40 oder gar 50 Prozent sein.

Ein Beispiel: Die Siemens-Aktie Chart zeigen notiert derzeit bei rund 80 Euro. Mit einem Bonuszertifikat auf Siemens mit zwei Jahren Laufzeit ist für einen Anleger eine Rendite von gut acht Prozent pro Jahr drin. Er wird sie erzielen, falls die Siemens-Aktie nicht unter 55 Euro fällt. Denn dann erhält er vom Anbieter des Bonuszertifikats - hier konkurrieren meist mehrere Anbieter mit meist vergleichbaren Konditionen - eine Bonuszahlung von 110 Euro.

Unbegrenzte Kurschancen- und -Risiken

Nach oben, also bei einem Kursanstieg über dieses Niveau hinaus, sind die Kurschancen unbegrenzt. Die Risiken nach unten unterhalb der Barriere von 55 Euro indes auch: Fällt die Aktie einmal darunter, erhalten Anleger nicht die Bonuszahlung, sondern eins zu eins den Kurs der Aktie zum Laufzeitende und haben überdies auf die Dividende verzichtet.

Weghexen lässt sich das Aktienmarktrisiko also nicht. In diesem Beispiel beträgt der Puffer für Anleger aber gut 30 Prozent - die Siemens-Aktie kann um diesen Prozentsatz fallen, und der Anleger kassiert trotzdem eine attraktive Rendite. Bei Bonuszertifikaten auf den europäischen Standardwerteindex Euro Stoxx 50 Chart zeigen sind fünf Prozent Rendite pro Jahr drin, solange sich der Index nur nicht halbiert. Bleibt der Deutschen-Bank-Aktie Chart zeigen eine weitere Halbierung erspart, sind es mit Bonuszertifikaten auf die Deutsche Bank sieben Prozent pro Jahr.

Wenn ein Anleger ein Bonuszertifikat kauft, schließt er einen klaren Deal. Der Emittent sagt: Gib mir die Dividenden - und ich gebe dir dafür Schutz vor Verlusten bis zu einer bestimmten Höhe. Zudem sollte der Anleger natürlich daran glauben, dass der Emittent auch solvent genug ist, das Zertifikat am Laufzeitende zurückzuzahlen. Genau das war bei den Zertifikaten der Pleite-Bank Lehman das Problem.

Wieso Bonuszertifikaten nicht öfters angeboten werden

Allein: Rendite ohne Risiko gibt es nirgendwo mehr. Weder am Anleihenmarkt, noch bei den Spareinlagen, wo spätestens seit der Zypern-Pleite jedem klar sein sollte, dass künftig auch Sparer an Staats- und Bankenbankrotten beteiligt werden können.

Wenn aber das Chance-Risiko-Profil von Bonuszertifikaten für viele Anleger interessant sein könnte - wieso werden sie dann nicht öfter von Finanzberatern empfohlen? Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind sie erklärungsintensiv und bergen somit automatisch Haftungsrisiken für den Berater. Zweitens ist der Wettbewerb bei Bonuszertifikaten besonders groß, die Margen für Banken wie Berater entsprechend klein.



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
sascha456 17.06.2013
1.
Da kann man doch auch gleich die Dividende mitnehmen und auf dieses Konzept verzichten...
teekaysevenfive 17.06.2013
2. Und warum...
...nicht dann direkt die Anlage in Aktien, um sich zumindest die Dividende zu sichern? Der Emittent eines Zertifiikates hat sich doch vorher zumidnest die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet, dass er den Bonus eben nicht zahlen muss. Alleine die Ausgabe von Bonuszertifikaten macht ein Emittent doch nur, um damit Geld zu verdienen, indem für ihn die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass er den Bonus nicht zahlen muss. Also Finger weg von Bonus Zertifikaten.
derbpunkt 17.06.2013
3. Immer wieder gerne
... Germanisten die auf Wirtschaft schwenken und gerne mal "öfterS mit s" schreiben und dann in Nebensätzen anmerken, dass neben dem möglichen Kursgewinn auch ein Kursverlust samt Auszahlung des Anlagebetrages (bzw. dem Rest davon), bei Sinken UNTER den Schwellenwert/Korridor, in Form von Aktien erfolgen kann. Alle Inhaber von bspw. (Capped) Bonus Zertifikat von Commerzbank oder Dresdner Bank von grob 2007 (Auslaufend zu 2009 uä) haben sich für solche Statements bedankt. Sprach der Bankkaufmann, der nicht nur BSVs an den Mann bringen durfte ;-)
räbbi 17.06.2013
4.
Kann mich noch an meinen ehemaligen ;) Bankberater erinnern. Konnte es garnicht fassen, als ein ach so sicheres Zertifikat damals 2009 im Sturzflug durch alle Sicherheitsnetze rauschte. Naja, halb so schlimm für ihn, die Bank gewinnt immer. Inzwischen verbrenne ich meine Kohlen aber selbstständig. Kleiner Grundsatz - wenn die Massenmedien irgendwas empfehlen, heißt es "Lauf Forrest, lauf" ;)
MS_FFM 17.06.2013
5. Da fehlt was
Damit sie vergleichbar und transparent sind, sollte jedes Anlageprodukt drei Informationen ausweisen: Historische Rendite; historische Absenkung (also: wieviel Prozent hätte man in der Vergangenheit maximal verloren, wenn man sie besessen hätte); und der Vergleichswert in Bezug auf einen ähnlichen Index oder eines ähnlichen Wertpapiers. Also, wenn Eurostoxx50 2000-2013 = 6% pro Jahr bei 58% Absenkung (das sind von mit erfundene Fantasiezahlen, nur zur Erläuterung), dann wie wäre man mit einem entsprechenden Bonuszertifikat gefahren? Wenn diese Informationen nicht geliefert werden (können), dann taugt ein Anlageprodukt wenig, so finde ich.
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