"Washington Post" unter Amazon-Chef Keine Angst vor Jeff Bezos

Der erste Schock ist überwunden. Nach dem Verkauf an den Amazon-Chef Jeff Bezos fragt sich nicht nur die "Washington Post": Was wird aus der Zeitung? Die Antwort: Womöglich ist der Internetmilliardär das Beste, was dem Blatt passieren konnte.
Bürogebäude der "Washington Post": Den Oldtimer flottmachen

Bürogebäude der "Washington Post": Den Oldtimer flottmachen

Foto: SAUL LOEB/ AFP

Zumindest eines wissen wir: Jeff Bezos liest keine gedruckten Zeitungen. "Schon lange nicht mehr", sagte der Internetmilliardär im November vorigen Jahres. "Ich persönlich habe den Übergang schon abgeschlossen und lese Zeitungen nur noch digital."

Das Zitat stammt aus einem Interview mit der "Berliner Zeitung" und macht gerade wieder die Runde seit bekannt ist, dass der Amazon-Gründer die "Washington Post" gekauft hat. Bezos hält das traditionelle Print-Geschäft für todgeweiht: "In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben."

Doch nach dem ersten Schock dämmert eine andere, weniger düstere Erkenntnis: Bezos ist womöglich das Beste, was der "Washington Post" passieren konnte.

Der 49-Jährige bietet dem kränkelnden Blatt die Chance auf einen digitalen Reboot, auf eine Zukunft, die längst Gegenwart ist. So wie Bezos die Buchbranche revolutionierte - mit mächtigen Kollateralschäden, sicher -, so kann er nun die Zeitungsbranche umkrempeln.

Medienberater Alan Mutter, der selbst in den neunziger Jahren aus dem Zeitungsgeschäft ins Silicon Valley wechselte, zeigt sich optimistisch: Der Verkauf an Bezos befördere erstmals "einen wahrhaft digitalen Insider an die Spitze eines Zeitungsverlags", schreibt er in seinem Blog . Wie kein anderer bringe Bezos "beispiellose Innovation und frische Energie" in eine Industrie, deren Manager ihre Geschäfte so betrieben "wie die Kubaner ihre Plymouth-Oldtimer von 1953": "Sie basteln nur so weit daran, dass sie gerade noch laufen."

Doch wie genau wird Bezos den Oldtimer "Post" flottmachen? Sein Antrittsbrief an die Belegschaft beantwortete die Frage kaum. "Natürlich wird es über die nächsten Jahre Veränderungen bei der 'Post' geben", schrieb er. "Wir müssen erfindungsreich sein, was heißt, dass wir experimentieren müssen." Und: "Unser Maßstab werden die Leser sein und das Verständnis dessen, was ihnen wichtig ist."

Diese Prämissen verankert Bezos auch in seinen Amazon-Aktionärsbriefen. Nur Ruhe, versicherte er ihnen schon 1997, lange bevor der Onlinehändler erste Gewinne einfuhr: "Wir werden Investitionsentscheidungen mit Blick auf langfristige Marktführung treffen, nicht kurzfristige Profitabilitätserwägungen."

Statt Panik garantiert er dem Journalismus der "Post" also einen langen Atem und - dank seines Vermögens von, so "Forbes", mehr als 25 Milliarden Dollar - ein finanzielles Fangnetz.

"Es ist großartig, Jeff Bezos als Investor zu haben", berichtet Henry Blodget, dessen Wall-Street-Blog "Business Insider" kürzlich selbst eine Fünf-Millionen-Dollar-Spritze von Bezos erhielt - mit positiven Folgen: Das Blog macht seitdem mehr eigenständigen Journalismus.

Was könnte das nun für die "Washington Post" bedeuten?

1. Innovation

Bezos wird den Netzauftritt der "Post" aufmotzen und sie zum digitalen Innovationsführer machen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: "Wir werden Dinge sehen, die wir in der Nachrichtenindustrie noch nie gesehen haben", prophezeite "Wired"-Autor Steven Levy im US-Wirtschaftssender CNBC.

2. Guter Journalismus

"Die Pflicht der Zeitung", schrieb Bezos in seinem Brief, "wird weiter ihren Lesern gelten und nicht den Privatinteressen ihres Besitzers". Steht Bezos zu seinem Wort, müsste er vor allem auch in den Journalismus investieren, sprich ins Personal, in den Rechercheaufwand, in Büros.

3. Mehr Anzeigen

Bezos hat bei Amazon gezeigt, dass er das digitale Anzeigengeschäft versteht. 2012 bewegte Amazon nach Angaben der Marktforschungsfirma eMarketer fast 610 Millionen Dollar Werbeumsatz, für dieses Jahr sind 835 Millionen Dollar prognostiziert. Von solchen Zahlen kann nicht nur die "Post" träumen, sondern jede Zeitung.

4. Keine Angst vor Amazon

"Es ist offensichtlich, dass sich da Synergien entwickeln werden", sagte der Tech-Berater Richard Doherty der "USA Today". Die "Post" werde fortan "zur Amazon-Mischung gehören". Denn auch Amazon vertreibt Waren und Inhalte via Print und digital. Eine Bündelung - auch wenn manche sie als Sakrileg empfinden - hätte enormen Mehrwert für die Leser und könnte der "Post" neue Sphären erschließen.

Fazit: Alles wird gut, oder? "Es ist meine größte Hoffnung, dass (…) Bezos durch seine Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, dem Kauf der 'Washington Post' Bedeutung verleiht", schreibt der US-Medienkritiker Jeff Jarvis in der SPIEGEL-Mediendebatte. "Dass er sie von einer Content-Fabrik in eine Plattform mit Informationsservice verwandelt und Washington damit ein Stück klüger macht."

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