Skandale der Großbank US-Regierung wendet sich von JP-Morgan-Chef ab

Ein riesiger Handelsskandal, zahlreiche Strafverfahren und milliardenschwere Geldbußen belasten JP Morgan. Die Großbank steht mittlerweile unter Generalverdacht. Das trifft vor allem den einstigen Star unter den Top-Bankern Jamie Dimon.

JP-Morgan-Chef Dimon: Liebesentzug aus Washington
AFP

JP-Morgan-Chef Dimon: Liebesentzug aus Washington

Von Deborah Solomon, Scott Patterson und Dan Fitzpatrick, Wall Street Journal Deutschland


Washington - Als sich die Chefs der großen Banken Anfang Oktober im Weißen Haus trafen, musste James Dimon von JP Morgan Chase feststellen, dass für ihn nur ein Platz ganz am Rand vorgesehen war. Bei früheren Gelegenheiten hatte er Barack Obama stets gegenüber gesessen. Dimon, der sonst dem US-Präsidenten seine Meinung immer engagiert vortrug, zeigte sich während des Treffens wortkarg und reserviert, berichten Teilnehmer.

Die Platzierung von Dimon blieb bei seinen Kollegen nicht unbemerkt. Sie sehen darin ein Signal, wie sehr JP Morgan in Ungnade gefallen ist. Einst galt die Bank als Lieblingskind in Washington. Jetzt ist nach dem Handelsskandal um den "Wal von London" der Ruf ruiniert und das Vertrauen zu den Aufsehern zerrüttet. Der Verlust von 6,5 Milliarden Dollar verwandelte die scheinbar unfehlbare Bank in ein Institut, das unter Generalverdacht steht. Dazu zählt auch das vom US-Justizministerium eingeleitete Strafverfahren, in dem es um den Verkauf von Hypothekenpapieren vor der Finanzkrise geht.

Die Bank will ihre juristischen Probleme schnell beilegen und ist bereit, fast 14 Milliarden US-Dollar zu zahlen, um die Vorwürfe auszuräumen. Darunter fällt ein 13 Milliarden Dollar schwerer Vergleich mit dem Justizministerium und der Regulierungsbehörde Federal Housing Finance Agency, der laut Insidern kurz vor dem Abschluss steht.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
Um in Washington wieder Vertrauen aufzubauen, trifft sich Dimon häufig mit den Chefermittlern gegen sein Haus von Notenbank, Einlagensicherung und der Bankenaufsicht OCC. Dabei schlägt er laut Vertretern aus Regierung und Banken deutlich versöhnlichere Töne an als früher. Seit dem Mai veranstaltet Dimon "Town Hall"-Treffen für die Ermittler, bei denen sie ihm persönlich Fragen stellen oder Bedenken äußern können. In einem Brief hat die Bank ihre Mitarbeiter aufgefordert, den Aufsehern Informationen pünktlich und genau zu liefern.

"Es ist entscheidend, eine offene und transparente Kultur mit unseren Aufsehern aufzubauen und zu pflegen. Wir müssen sicherstellen, dass wir ansprechbar sind und dass die Informationen, die wir ihnen zur Verfügung stellen, jederzeit korrekt sind", schrieben Dimon und andere Spitzenmanager in einer internen E-Mail an die Belegschaft, in die das "Wall Street Journal" Einblick hatte.

Viel Geld für Lobbyarbeit

Die Bank hat auch schnell Geschäftsbereiche abgestoßen oder zurückgefahren, die bei den Regulierern auf Bedenken stießen. Dazu zählen etwa das Geschäft mit dem physischen Handel von Rohstoffen und die Verflechtungen mit ausländischen Banken. Im Juli erklärte sich Dimon bereits, als Chairman der Bankensparte abzutreten, nachdem ihn die OCC dazu aufgefordert hatte, sagen mit der Sache vertraute Personen. Er ist aber immer noch CEO und Chairman der Dachgesellschaft.

Die Lobbyarbeit in Washington lässt sich JP Morgan weiter viel Geld kosten: 2012 wurde mit 8 Millionen Dollar ein neuer interner Rekord aufgestellt, sagen die Forscher des überparteilichen Center for Responsive Politics. 2011 waren es noch 7,6 Millionen. Der Konkurrent Wells Fargo gab 2012 nur 6,8 Millionen aus. In diesem Jahr liegt JP Morgan bisher mit 2,5 Millionen auf Rang drei, hinter Wells Fargo mit 2,9 und der Citigroup mit 2,7 Millionen Dollar.

Ob diese Schritte helfen, die aktuellen Probleme schneller zu lösen, bleibt unklar. Aufseher, die Dimon in letzter Zeit getroffen haben, beschreiben ihn als "viel bescheidener". Trotzdem widersetzt sich die Bank weiter einigen Details bei den Dodd-Frank-Regeln. Auch um die exakte Formulierung eines Schuldeingeständnisses wird weiter gerungen, sagen mit den Verhandlungen vertraute Personen. In dem Vergleich mit dem Justizministerium wurde daher das Strafverfahren gegen das Institut und einzelne Mitarbeiter offenbar ausgeklammert.

Die Treffen von Dimon mit Finanzaufsehern vielen in der jüngeren Vergangenheit auch deutlich unfreundlicher aus. Im September traf sich Dimon mit OCC-Chef Thomas Curry in Washington. Die Beziehung von JP Morgan mit der Bankenaufsicht wird durch den "Wal"-Skandal belastet. Das Institut soll der Behörde wichtige Informationen vorenthalten haben. Im September setzt es daher eine Geldbuße über 300 Millionen Dollar, unter anderem wegen mangelhafter Risikokontrolle.

JP Morgan gesteht "manipulatives Verfahren" ein

Bei dem Treffen, das Insider als zeitweise "angespannt" beschreiben, drängte Curry den Bankenboss dazu, alle Bedenken über eigene Handelspositionen offen zu legen. Dimon beklagte, sein Unternehmen werde besonders hart angegangen und müsse mehr Details zu seinen Handelsgeschäften preisgeben als andere Banken. Curry erklärte, man verlange nicht mehr Informationen als von anderen Firmen auch.

In einem folgenden Treffen wurde Dimon von Laban Jackson begleitet, der die Buchprüfung bei JP Morgan leitet. Jackson verteidigte den CEO und sagte, der Verwaltungsrat trage eine Mitschuld an der fehlerhaften Risikokontrolle, wie mit dem Vorgang vertraute Personen berichten.

Die Bank hatte zunächst auch die Vorwürfe der Aufsicht für Termingeschäfte CFTC bestritten, dass Händler von JP Morgan sich im Fall des "Wals" der Manipulation schuldig gemacht hatten. Die Anwälte des Instituts kämpften gegen die Forderung der CFTC, dass sich die Bank schuldig bekennen solle. Die Vorwürfe seien vor Gericht nur schwer belegbar.

CFTC-Chefermittler David Meister sagte den Anwälten, er wolle den Fall vor Gericht bringen. Schließlich gestand JP Morgan ein, seine Händler in London hätten bei Geschäften Anfang 2012 ein "manipulatives Verfahren" eingesetzt. Die weitergehenden Vorwürfe der Aufseher stritt man aber weiter ab. CFTC-Kommissar Scott O'Malia sagte daraufhin, man habe sich mit einer geringeren Strafe zufrieden gegeben, weil man zusammen mit anderen Behörden einen größeren Vergleich schließen wollte.

In einer Podiumsdiskussion in der vergangenen Woche sagte der oberste Buchprüfer von JP Morgan, Laban Jackson, die Bank werde auch so stark abgestraft, weil die Aufseher "so politisch" geworden sein. "Es ist eine Tragödie. Sie haben eine politische Agenda, wenn sie vor den Kongress oder das britische Unterhaus gerufen werden. Es geht den Bach herunter. Wir müssen uns vorerst damit abfinden."

Originalartikel auf "Wall Street Journal Deutschland"

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Seite 1
teja8961 21.10.2013
1. Das Jamie Dimon
Zitat von sysopAFPEin riesiger Handelsskandal, zahlreiche Strafverfahren und milliardenschwere Geldbußen belasten JP Morgan. Die Großbank steht mittlerweile unter Generalverdacht. Das trifft vor allem den einstigen Star unter den Top-Bankern Jamie Dimon. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/washington-verbannt-jp-morgan-chef-dimon-in-die-zweite-reihe-a-929024.html
in Ungnade gefallen ist, liegt auch daran, weil er gesagt "ich haette gerne einen anderen im WH."(oder so aehnlich). Vielleicht auch interessant im WSJ, heutige US-Ausgabe, Seite A 18.
fr.unbequem 21.10.2013
2. Das Paralleluniversum bröckelt
Zitat von teja8961in Ungnade gefallen ist, liegt auch daran, weil er gesagt "ich haette gerne einen anderen im WH."(oder so aehnlich). Vielleicht auch interessant im WSJ, heutige US-Ausgabe, Seite A 18.
Es ist kein Geheimnis, dass bei der Letzten Wahl in 2012 die gesamte Wall Street Romney sehr großzügig unterstützte, weil Obama ihnen einfach nicht zu Willen war. Auch viele demokratische Senatoren bekamen die Wut der Wall Street nach der Verabschiedung von Dodd-Franks zu spüren, obwohl letzten Endes nur eine völlig verwässerte Fassung vom Originalentwurf verabschiedet wurde. Umso erfreulicher, dass er doch noch ein paar Zähne und Klauen hat und die Gauner zur Rechenschaft zieht. Ich frage mich bloß, wo der Applaus der Tea Party dazu bleibt. Angeblich waren doch die Bagger so vehement gegen die Bankenrettung und vergaßen dabei, dass die erste Tranche an Rettungsgeldern noch in 2008 von der Bush Administration ausgezahlt wurde, nachdem der damalige Kongress die Bankenrettung abgesegnet hatte. Nun, wahrscheinlich kollidiert diese Tatsache mit der Parallelrealität der Konservativen, in der der Staat (bzw. demokratische Politiker) angeblich Druck auf Banken ausgeübt hätten, um auch Geringverdienern (sprich Minoritäten) Kredite für Immobilien zu geben, die sie sich nicht leisten konnten und so die Bankenkrise in 2008 auslöst hätten. Right ;-).
teja8961 21.10.2013
3. Fr.unbequem
WS hat in der Tat Romney unterstuetzt, aber es sind auch erhebliche Betraege an BO geflossen. Der politische Druck "Haeuser fuer Alle", begann unter Clinton und wurde auch unter Bush fortgesetzt. Er hat also eine Verantwortung am Desaster. Allerdings hatte er zwei Mal , und McCain einmal, versucht, Fannie Mae und Freddie Mac unter staatliche Regulierungen zu bekommen. Das wurde jedes Mal , mit der Stimme von Senator Obama , abgelehnt. Insofern hat BO zum Teil den Zusammenbruch mit verursacht. Das Problem fing mit Faenni und Fred an. Keiner ist zu Rechenschaft gezogen worden. Dann fingen die Banken in unverantwortlicher Weise an, diese Hypotheken zu "bundeln", ohne den Inhalt zu pruefen, und dann weiterzuverkaufen. Das wurde wieder nicht geprueft, da man der vorherigen Bank traute. Fundamental fuer ein Geschaeftsmann ist eine Due Diligence (gibt es dafuer ein dt. Wort?), das Erste was man macht. Hier haetten bei den Banken (die ueberlebten) Koepfe rollen sollen bzw. Anklagen wegen -zumindst- grober Fahrlaessigkeit erhoben werden sollen. Aber auch die Verursacher dieses Debakels, wie Barney Frank, die CEOs von Freddie und Faenni .
ashrak2013 21.10.2013
4. optional
JP Morgen ist noch Harmlos, ich würde da Lieber mal auf Goldman Sachs hinschauen, da laufen noch erheblich mehr Krumme Dinger. Immer auf die kleinen wieder
daten.waesche@gmail.com 22.10.2013
5. Macht die Augen auf die NSA der Held?
Was also wäre den, wenn die NSA jahrelang die US Bankenmafia überwacht hätte und sie nun langsam grillte. Was wäre, wenn die Banken Snowden gekauft hätten, damit er die die NSA hinderte, gegen sie vorzugehen. Da die Medien mit den Banken verflochten sind und es dort geniale Autoren gibt, könnte dieser Plott tatsächlich wahr sein. Was wäre wenn Obama in Wirklichkeit sich nur verstellt und die weltweite Kriechspur Politik nur verdecken soll, was sie wirklich vorhaben, nämlich die Ratten aus dem System zu entfernen????? Geld ist Macht und Weltmacht ist Geld und wer hat das Geld? Es ist wie ein Film und wir sind noch nicht am Ende angekommen, dieser Film hat Überlänge. Wartet mal was da noch kommt. Und die NSA würde das Votum von einer Mehrheit erhalten, wenn sie es waren, die diesen Plott in einem Schauprozeß enden ließen. Also denkt mal.
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