Weibliche Führungskräfte "Der Frauenmangel ist ein Klischee"

Siegt Quote über Qualifikation? Diese Vermutung kam auf, weil die Telekom gleich drei Frauen in ihren Vorstand hieven will. Doch laut Personalexperten ist das Problem eher der noch immer vorherrschende "Männerblick" - auch in der eigenen Branche.
Junge Geschäftsfrauen: "Die Motivation ist deutlich geringer"

Junge Geschäftsfrauen: "Die Motivation ist deutlich geringer"

Foto: Corbis

Hamburg - Es ist ein kurzer Satz mit erheblicher Sprengkraft: "Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt", steht schon seit Jahren in vielen deutschen Stellenanzeigen. Doch ebenso lange gibt es Zweifel an diesem Bekenntnis.

Denn immer noch sind Frauen in deutschen Unternehmen stark unterrepräsentiert. Dabei gilt: Je größer das Unternehmen und je höher die berufliche Position, umso seltener sind weibliche Führungskräfte zu finden. In den 200 größten deutschen Unternehmen war 2010 gerade einmal jedes zehnte Aufsichtsratsmitglied eine Frau, in den Vorständen fanden sich sogar nur drei Prozent Frauen.

Woran liegt das? Lange konzentrierte sich die Kritik auf die Arbeitgeber, für die Gleichberechtigung nur ein Lippenbekenntnis sei. Doch nun, da sich auch die Bundesregierung verstärkt für weibliche Vorstände oder Aufsichtsräte einsetzt, ist zunehmend ein anderes Argument zu hören: Die in den Stellenanzeigen eingeforderte "gleiche Qualifikation" von Frauen sei zumindest in den Topjobs der deutschen Wirtschaft immer noch Mangelware.

Als Beleg gilt manchem Kommentator der aktuelle Ärger um den Vorstand der Deutschen Telekom  : In dem bislang allein von Männern besetzten Gremium will Konzernchef René Obermann gleich drei von acht Führungsposten mit Frauen besetzen. Doch statt Applaus für den Schritt in Richtung Gleichberechtigung gab es für Obermann Ärger mit Arbeitnehmervertretern. Die verließen aus Protest gegen die Berufung von Personalchefin Marion Schick eine Aufsichtsratssitzung.

Zwar erklärten die Arbeitnehmervertreter, ihr Widerstand richte sich nicht gegen Schick selbst, vielmehr fühle man sich bei ihrer Rekrutierung übergangen. Zugleich wurde aber über interne Zweifel an Schicks Qualifikation berichtet. Zwar habe die frühere CDU-Kultusministerin von Baden-Württemberg und Präsidentin der Fachhochschule München auch zwei Jahre als Personalvorstand der Fraunhofer-Gesellschaft vorzuweisen. Erfahrung in einem Großkonzern aber fehle ihr.

"Die Telekom spielt in der Champions League"

Mangelt es also wirklich an qualifizierten Managerinnen? Stecken hinter den Umbesetzungen bei der teilstaatlichen Telekom Politiker, die überhastet die Gleichberechtigung durchsetzen wollen? Schließlich erklärte Unionsfraktionsvizechefin Ingrid Fischbach (CDU) gerade erst in der "Financial Times Deutschland": "In Unternehmen mit Bundesbeteiligung sollten wir rasch Fakten schaffen und dafür sorgen, dass verstärkt Frauen in die Vorstände einziehen."

Aus deutschen Personalberatungen ist auf solche Fragen ein geteiltes Echo zu hören. Laut Walter Jochmann, Geschäftsführer der Personal- und Managementberatung Kienbaum, sind Großkonzerne wie die Telekom tatsächlich ein Sonderfall. "Die Telekom spielt in der Champions League. Auf der Ebene ist es schwer, weibliche Führungskräfte zu finden", sagt Jochmann.

Dieses Problem haben die Konzerne dem Personalexperten zufolge aber selbst verschuldet. "Normalerweise schaut man bei der Besetzung von Vorstandsposten auf die nächste Führungsebene. Aber diese Pipeline wurde in den vergangenen 15 Jahren nicht gefüllt." Die deutsche Unternehmenskultur sei "subtil noch immer sehr männlich geprägt", sagt Jochmann. Nach wie vor fehlten attraktive Arbeitsmodellen zur Vereinbarung von Familie und Beruf. "Die Motivation, einen Führungsjob zu übernehmen, ist für junge Frauen deutlich geringer."

Die jüngsten Neubesetzungen bei der Telekom zeigen allerdings, dass schon heute Frauen auch mit Familie Karriere machen: Die künftige Telekom-Personalchefin Schick hat ebenso Kinder wie die designierte Europa-Chefin Claudia Nemat und Birgit Grundmann, die angeblich den Posten als Datenschutzvorstand übernehmen soll.

Der Personalberater Hermann Sendele glaubt deshalb auch nicht, dass es an Kandidatinnen für Führungsposten mangelt. "Es ist ein Klischee, dass kaum weibliche Führungskräfte zu finden seien", sagt der Partner der Personalberatung Board Consultants International. "Ich habe schon für mehrere Vorstandspositionen in Dax-Konzernen Frauen gesucht und hatte dabei keine größeren Schwierigkeiten als bei der Suche nach einem ideal qualifizierten männlichen Kandidaten."

Nicht nur auf Kita-Plätze hoffen

Laut Sendele steckt hinter dem vermeintlichen Frauenmangel ein Wahrnehmungsproblem. "Man muss diesen Männerblick überwinden", sagt er. "Bei Frauen wird jedes Defizit kristallklar gesehen, bei Männern sieht man darüber hinweg." Sendele, der früher für Unternehmen wie BASF   und Xerox   in den USA arbeitete, hält deshalb auch wenig davon, auf den Ausbau von Kindergartenplätzen oder Teilzeitmodellen zu hoffen. "Abwarten, bis sich der gesamte Kosmos verändert hat, ist nicht die Lösung."

Glaubt man Sendele, so gibt es heute schon genügend qualifizierte Frauen für Topjobs. Die aber fänden Personalberater nicht in der eigenen Kartei. Stattdessen müsse man "in systematischer, anspruchsvoller Sucharbeit stets nach neuen Talenten, die von unten nachwachsen, Ausschau halten". Auch viele seiner Kollegen griffen schnell auf das Argument vom Frauenmangel zurück, kritisiert Sendele. "Personalberater solidarisieren sich gerne mit der konservativen Männerwelt, weil die ihnen ja die Aufträge vermittelt."

Zumindest in manchen Branchen ist der Mangel an weiblichem Personal nicht nur herbeigeredet. In den sogenannten MINT-Fächern, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik machen Frauen noch immer nur ein Drittel der Absolventen aus. Deshalb sei eine Frauenquote von 30 Prozent, wie sie sich die Telekom bis 2015 für Führungspositionen verordnet hat, für Industrieunternehmen noch schwerer zu erreichen, sagt Personalberater Jochmann. "Für die Telekom sind 30 Prozent eher machbar als für Siemens   oder ThyssenKrupp  ."

Doch auch bei der Telekom wird die künftige Personalchefin Marion Schick erst beweisen müssen, dass sie mehr ist als eine Quotenfrau. Das nötige Durchsetzungsvermögen dürfte Schick in ihren früheren Jobs gelernt haben. Immerhin stand sie als Präsidentin der Münchner Fachhochschule fast 500 Professoren vor - eine bekanntermaßen selbstbewusste Klientel. Personalexperte Jochmann findet Schicks Berufung denn auch "einerseits sehr mutig, andererseits sehr gerechtfertigt."