Weltwirtschaft OECD senkt Wachstumsprognose – und sieht nur begrenztes Stagflationsrisiko

Die Industriestaatenorganisation hat ihre Prognose für die Weltwirtschaft nach unten gesetzt. Trotz hoher Inflation sei die Lage aber nicht mit der Krise während des Ölpreisschocks der Siebziger vergleichbar.
Verbraucher in einem US-Supermarkt: Inflation soll auch 2023 hoch bleiben

Verbraucher in einem US-Supermarkt: Inflation soll auch 2023 hoch bleiben

Foto: Richard B. Levine / IMAGO

Die OECD blickt wegen des Ukrainekriegs und dessen Folgen deutlich skeptischer auf die globale Konjunktur. Die Weltwirtschaft werde 2022 nur noch um drei Prozent wachsen, und damit deutlich langsamer als noch im Dezember mit 4,5 Prozent erwartet, teilte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit.

Im nächsten Jahr dürfte die globale Konjunktur um 2,8 Prozent anziehen, nach bisher erwarteten 3,2 Prozent. Die Inflation dürfte in den OECD-Ländern in diesem Jahr auf 8,5 Prozent klettern und 2023 auf 6,0 Prozent abebben.

Für die deutsche Wirtschaft rechnet die Industriestaatengruppe in diesem Jahr mit 1,9 Prozent Wachstum, im Dezember hatte die OECD hier noch rund vier Prozent erwartet. 2023 sollen es 1,7 Prozent sein.

Obwohl es zahlreiche Abwärtsrisiken gebe, geht die Industriestaatenorganisation bislang nicht von einer drohenden Rezession aus. Allerdings sei auch eine schnelle Entlastung von den steigenden Kosten unwahrscheinlich. Erst 2023 dürften die Verbraucherpreise in den OECD-Ländern mit immer noch stolzen 6 Prozent etwas sinken.

Trotz dieser Aussichten sieht die OECD nur ein begrenztes Risiko für eine »Stagflation«. In solch einer Lage aus stagnierendem Wirtschaftswachstum und explodierenden Verbraucherpreisen könnte auch die Arbeitslosigkeit stark ansteigen. Eine entsprechende Entwicklung hatte es Mitte der Siebzigerjahre im Zuge des Ölpreisschocks gegeben.

Sozialpartner müssen Kosten geteilt tragen, aber Lohnpreisspirale vermeiden

Die entwickelten Volkswirtschaften seien heute viel stärker von Dienstleistungen geprägt und weniger energieintensiv als in den Siebzigern, heißt es. Die Zentralbanken hätten mehr Spielraum bei der Inflationsbekämpfung, unabhängig von den Regierungen, die sich mehr um den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit sorgen.

»Um die Kosten der Inflation abzumildern, muss die Last zwischen Gewinnen und Löhnen aufgeteilt werden. Das heißt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen verhandeln, um diese Kosten gerecht zu teilen und eine Lohnpreisspirale zu vermeiden«, sagte OECD-Chefökonomin Laurence Boone. Nach Ansicht der OECD spricht vieles dafür, dass die geldpolitischen Anreize in hochinflationären Volkswirtschaften wie den Vereinigten Staaten und Osteuropa schrittweise abgebaut werden müssen.

Die Aussichten seien ernüchternd, sagte Boone. »Russlands Angriff auf die Ukraine kommt die Welt bereits jetzt teuer zu stehen.« Wie teuer genau und wie die Lasten verteilt werden – das hänge stark von den Entscheidungen der Politik und der Bürger ab. »Hungersnöte dürfen wir um keinen Preis akzeptieren.«

Lesen Sie dazu hier ein ausführliches Interview mit Boone: »Die Nahrungsmittel kommen nicht dort an, wo sie gebraucht werden 

Dass die Konjunktur insgesamt einbricht, führt die OECD direkt auf Russlands unprovozierten und durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieg zurück. Dieser beeinträchtige »weltweit die realen Einkommen, das Wachstum und die Beschäftigungsaussichten«, sagte OECD-Generalsekretär Mathias Cormann. »Die höheren Rohstoffpreise treffen Länder in aller Welt, sie verstärken den Inflationsdruck, schmälern die realen Einkommen und Ausgaben und bremsen so die Erholung.«

Wachstum in Eurozone doppelt so stark wie bisher angenommen

Im Euroraum ist von der drohenden Flaute aktuellen Zahlen von Eurostat zufolge zumindest bisher vergleichsweise wenig zu spüren. Die Wirtschaft der Eurozone ist demnach zu Jahresbeginn deutlich stärker gewachsen als bisher bekannt.

Im ersten Quartal betrug das Wachstum der 19 Länder zum Vorquartal 0,6 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte . Eine vorherige Schätzung hatte ein Wachstum von 0,3 Prozent ergeben. Auch die 27 EU-Länder wuchsen deutlich stärker als gedacht. Anstatt eines Zuwachses um 0,4 Prozent ergibt sich jetzt eine Zunahme um 0,7 Prozent.

Das deutlichste Wachstum im Euroraum verzeichneten Irland mit 10,8 Prozent und Lettland mit 3,6 Prozent. In Frankreich schrumpfte die Wirtschaft hingegen um 0,2 Prozent. Die deutsche Wirtschaft wuchs um 0,2 Prozent.

Gestützt wurde das Gesamtergebnis vor allem durch den Außenhandel. Die Ausfuhren aus dem Euroraum erhöhten sich auf Quartalssicht um 0,4 Prozent, die Einfuhren in den Währungsraum fielen um 0,6 Prozent. Negativ entwickelten sich die Konsumausgaben der privaten Haushalte und der Mitgliedstaaten.

apr/Reuters/dpa