Start-up-Gründer Wenn motivierte Flüchtlinge auf deutsche Bürokratie treffen

Viele Flüchtlinge sind technikaffin und risikobereit - ideale Voraussetzungen für die Gründung eines Start-ups. Doch die bürokratischen Hürden in Deutschland sind hoch.

Programmierer in einem Berliner Coworking-Space
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Programmierer in einem Berliner Coworking-Space


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"Damit hätte wohl keiner gerechnet, dass das Ganze ausgerechnet an einem Bankkonto scheitern könnte", scherzt Ghaith Zamrik. Ghaith ist vor sieben Monaten aus Syrien nach Deutschland gekommen. An der Berliner ReDi School, einem gemeinnützigen Start-up, das sich für die digitale Integration einsetzt, lernen der 20-Jährige und andere technikaffine Flüchtlinge das Programmieren. Um die Motivation beim Lernen zu steigern, sollen die Flüchtlinge in den Kursen etwas programmieren, was sie wirklich interessiert.

Zamrik und seinen Freunden war schnell klar, dass ihr Thema Bürokratie sein würde. Die komplizierten Anträge und unübersichtlichen Zuständigkeiten haben die jungen Syrer seit ihrer Ankunft in Deutschland schon oft zur Verzweiflung gebracht.

So entstand die Idee zu Bureaucrazy, einer App, die die wichtigsten Formulare, die man nach der Ankunft in Deutschland braucht, vereinfachen und in mehrere Sprachen übersetzten soll. Nach der Eingabe der Antworten kann man die ausgefüllten Formulare von der App ins Deutsche übersetzen lassen, ausdrucken und den Sitz der Behörde ermitteln, bei der man sie einreichen muss.

Eine Idee, die nicht nur Flüchtlingen, sondern auch anderen Migranten oder Deutschen das Leben erleichtern könnte. Zamrik und sein Team würden Bureaucrazy gerne bis Anfang kommenden Jahres veröffentlichen. Doch um die Umsetzung voranzutreiben und das Projekt zu vermarkten, sind die jungen Syrer auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Bureaucrazy ist innovativ, emotionalisiert und hat es geschafft, das öffentliche Interesse zu wecken - normalerweise optimale Voraussetzungen für ein Crowdfunding, also die Massenfinanzierung durch Privatleute und Investoren im Internet.

Doch bislang scheiterte das Crowdfunding - nicht an der Crowd, sondern ausgerechnet an der Bürokratie. Flüchtlinge haben in Deutschland das Recht auf ein Konto, können aber nicht ohne Weiteres ein zweites Konto eröffnen, auf das sich Spenden einzahlen lassen. "Der Übersetzer der Bank hat gesagt, dass die Einnahme von Spenden für uns rechtlich problematisch werden kann. Außerdem haben wir keinen Zugang zum Onlinebanking", erzählt Zamrik.

Laut Wirtschaftsministerium und KfW-Gründungsmonitor bringen viele Geflüchtete eine überdurchschnittlich hohe Gründungsmotivation mit: Die Fluchterfahrung mache sie risikobereiter. Und da Fähigkeiten in der Start-up-Szene wichtiger sind als Zertifikate, gilt sie für Geflüchtete als attraktive Alternative zur Jobsuche. Wenn da nicht die Bürokratie wäre.

Lasse Landt von Let's Integrate macht besonders die Finanzierung Sorgen. Das ehrenamtliche Social-Start-up will Flüchtlinge und Deutsche dazu anregen, nicht mehr nur übereinander, sondern miteinander zu reden. Mit ihrer Website vermitteln Landt und sein Team, aus drei Deutschen und drei syrischen Flüchtlingen, Treffen zwischen Einheimischen und Geflüchteten. Landt erzählt: "Wir haben uns keinen großen Kopf gemacht, sondern einfach mit gutem Start-up-Spirit eine Website aufgesetzt und angefangen, Menschen zusammenzubringen."

Selbstständigkeit als Alternative zur Jobsuche

Bislang hat das Team alles aus eigener Tasche finanziert. Damit sich der Arbeitsaufwand lohnt und möglichst viele Treffen zwischen Flüchtlingen und Deutschen zustande kommen, möchten sie jedoch expandieren und Let's Integrate neben Berlin auch in anderen Städten anbieten. Dazu bräuchte es allerdings zumindest ein kleines Budget, um Werbung zu finanzieren und das Projekt in den jeweiligen Städten bekannt zu machen.

"Für uns kommt da insbesondere die Förderung durch eine Stiftung infrage", sagt Landt. "Dafür müssen wir allerdings Gemeinnützigkeit und echte Strukturen nachweisen. Ein bürokratischer Aufwand, vor dem wir bislang noch zurückgeschreckt sind. Das Problem ist vor allem, dass unsere syrischen Partner zwar viel Zeit haben und sich gerne kümmern würden, aber nicht können, weil die Bürokratie zu kompliziert ist oder sie die rechtlichen Voraussetzungen nicht erfüllen."

Dieses Problem betrifft viele Flüchtlinge, die sich als Gründer versuchen, bestätigt die Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Damit es künftig besser klappt, hat die IHK eine Start-up-Class ins Leben gerufen. "Unsere Zielgruppe sind hauptsächlich ehemalige Unternehmer, die in ihrem Heimatland bereits erfolgreich ein Unternehmen geführt haben und dann fliehen mussten", sagt IHK-Sprecher Leif Erichsen. "Grundsätzlich sehen wir die Selbstständigkeit für diese Zielgruppe als eine Alternative zur Jobsuche. Die Besonderheiten des deutschen Marktes, steuerliche Aspekte und das Thema Unternehmensfinanzierung stellen jedoch große Herausforderungen für eine Gründung und den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmung dar."

Auch der Digitalverband Bitkom bestätigt, dass der hochkomplexe Verwaltungsvorgang bei der Arbeitserlaubnis von Geflüchteten die Selbstständigkeit bisher schwierig mache oder sogar komplett ausschließe. Nach Erfahrung von Projektmanager Cornelius Kopke arbeiten Flüchtlinge deshalb überwiegend ehrenamtlich in Social-Start-ups wie Bureaucrazy und Let's Integrate, die sich speziell im Bereich Flüchtlingsintegration engagieren. Sobald es über das Ehrenamt hinausgehe, werde es schwierig.

Generell hält Bitkom es jedoch für durchaus sinnvoll und naheliegend, Start-ups und Flüchtlinge zusammenzubringen. "Viele Flüchtlinge sind jung, qualifiziert und motiviert, während in der Digitalwirtschaft circa 43.000 Fachkräfte fehlen", sagt Kopke.

Das Bureaucrazy-Team hat inzwischen die Lösung für zumindest ein bürokratisches Problem gefunden. Die Crowdfunding-Kampagne ist gestartet. Das Konto dafür stellt die Leiterin der ReDi School auf eigenes Risiko zur Verfügung.


Zusammengefasst: Viele Flüchtlinge möchten sich selbstständig machen und ihre innovativen Ideen mit einem eigenen Start-up verwirklichen. Auch die IHK und der Digitalverband Bitkom sehen die Selbstständigkeit für Flüchtlinge prinzipiell als Alternative zur Jobsuche. Komplizierte bürokratische Prozesse erschweren die Unternehmensgründung für sie jedoch erheblich.



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