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07. Oktober 2010, 06:22 Uhr

Werbepersiflage

Aldi-Kritiker prangern Ausbeutung an

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Kinderjeans, Computer und Turnschuhe zum Niedrigpreis - der Flyer wirkt auf den ersten Blick wie eine Aldi-Wurfsendung, ist aber eine Persiflage. Eine Initiative will so Produktionsbedingungen in der Dritten Welt anprangern. Und hat nun Ärger mit Deutschlands größtem Discounter.

Hamburg - Der Angriff ist nett verpackt, aber knüppelhart: In einer Prospektpersiflage wirft die Christliche Initiative Romero dem Discount-Riesen Aldi vor, seine Schnäppchenpreise "mit systematischen Verletzungen von Arbeits- und Frauenrechten" bei Zulieferern in der Dritten Welt zu erkaufen.

Die Broschüre ist ganz im blauen Aldi-Design gestaltet (siehe Fotostrecke oben). Man muss schon zweimal hingucken, um zu erkennen, dass es kein klassischer Werbeprospekt des Discounters ist. Beim Firmennamen haben die Menschenrechtsaktivisten einfach den Buchstaben D umgedreht. Erst auf der dritten Seite bekennt die Initiative Romero im Kleingedruckten ihre Urheberschaft.

Neben den Produkten - zum Beispiel Jeans für 9,99 Euro und T-Shirts für 2,59 Euro - prangen ironische Slogans wie: "Wurde auf Kosten der Arbeiterinnen billig produziert". Oder: "Hergestellt in Bangladesch für 33 Euro Monatslohn bei 80 Stunden Arbeit pro Woche". Die Mitarbeiter in den Aldi-Zulieferbetrieben arbeiteten unter menschenunwürdigen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen und würden ausgebeutet.

30.000 Prospekte hat Romero in erster Auflage verteilt. Doch dann bekamen die Initiatoren Post von Aldis Anwälten: Darin mahnen sie Romero ab, weil Marken- und Bildrechte verletzt worden seien. So würden etwa die Marken "Aldi", "Das Aldi-Prinzip", "Aldi Talk" und "Gut Bio" verletzt. Außerdem würden in dem Flugblatt unzutreffende Äußerungen getätigt. Die Anwälte drohen mit dem Gang vor Gericht, sollte die Initiative ihre Kampagne fortsetzen.

Doch damit hat sich der Discounter wohl keinen Gefallen getan: Was zunächst nur eine Widerstandsaktion von acht Aktivisten war, kann Romero nun als klassische David-gegen-Goliath-Situation ausschlachten - nach dem Motto: Fährt der riesige Aldi-Konzern tatsächlich juristische Geschütze gegen Menschenrechtler auf?

"Unzutreffende Aussagen"

Bei Aldi scheint man die heikle Außenwirkung dieser Strategie inzwischen erkannt zu haben. Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE teilte der Discounter schriftlich mit: "Aldi hat nicht die Absicht, gerichtlich vorzugehen und hat dies der Christlichen Initiative Romero auch in der vergangenen Woche mitgeteilt." Man habe "lediglich eine Abmahnung aussprechen lassen, weil Rechte eindeutig verletzt und unzutreffende Aussagen getätigt wurden".

So habe Aldi nie ein "Nokia-Handy 3110" angeboten, wie es der Prospekt suggeriert. Außerdem sei ein abgebildeter Computerbildschirm weder von Aldi angeboten noch von der Eigenmarke Medion vertrieben worden. Und schließlich vertreibe Aldi weder Weihnachtssterne aus Guatemala noch Trekking-Schuhe, die in Vietnam hergestellt werden. Der Flyer erfülle daher weder die Ziele "einer transparenten, verantwortlichen Verbraucherinformation" noch sei er vereinbar mit dem Anspruch, die Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern zu verändern.

André Hagel, Sprecher von Romero, hält die Erklärungen von Aldi für nicht stichhaltig. Zwar stimme es, dass Aldi Nord, an dessen Design die Persiflage angelehnt ist, das Nokia-Handy nie vertrieben habe. "Aldi Süd aber schon", sagt Hagel. Beim Computerbildschirm zeige Romero zwar kein Original-Aldi-Produkt - "aber das durften wir wegen der Bildrechte ja auch nicht". Er betont, Romero habe alle Fotos ordnungsgemäß bei Agenturen gekauft. Bei den Weihnachtssternen und Trekking-Schuhen prüfe man die Erwiderung von Aldi noch, "unsere Angaben beruhen aber auf Aussagen unserer Partnerorganisationen in den Produktionsländern".

Auch den Vorwurf, gegen Markenrechte von Aldi verstoßen zu haben, weist Hagel zurück. "Wir nehmen ja nicht am geschäftlichen Wettbewerb teil, sondern vertreten ideelle Zwecke."

Vorwurf der Schönfärberei

Inhaltlich argumentiert Aldi, Verstöße gegen Menschen- und Arbeitsrechte in den Produktionsstätten seien selbstverständlich "nicht hinnehmbar und müssen unterbunden werden". Dafür habe man sich mit den Lieferanten Anfang 2008 der Business Social Compliance Initiative (BSCI) angeschlossen, welche die Produktionsstandards untersuche und zertifiziere.

Die BSCI steht allerdings bei Romero und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGO) ebenfalls in der Kritik. Der Vorwurf: Die Initiative sei "reine Schönfärberei", es gebe keine Kontrolle durch lokale Gewerkschaften und NGO und die Ergebnisse der Firmenkontrollen würden nicht veröffentlicht.

Trotz der Ankündigungen von Aldi, nicht vor Gericht zu ziehen, glaubt Romero-Sprecher Hagel nicht, dass der Discounter die Sache auf sich beruhen lässt. "Aldi hat wohl gehofft, dass wir jetzt Ruhe geben. Aber das werden wir nicht tun."

Die zweite Auflage mit 40.000 Prospekten sei schon gedruckt und im Umlauf.

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