Firmen-Patriarch Werner M. Bahlsen zu NS-Verstrickung "Es muss alles auf den Tisch"

Millionenerbin Verena Bahlsen hat eine Diskussion über die NS-Vergangenheit der Keks-Dynastie losgetreten. Ihr Vater nimmt sie nun in Schutz und kündigt zugleich an: "Es muss alles auf den Tisch."

Werner Michael Bahlsen bei einer Pressekonferenz 2018
Peter Steffen/ DPA

Werner Michael Bahlsen bei einer Pressekonferenz 2018


Ausgelöst durch ein provokantes Statement auf einer Marketingkonferenz hat Unternehmenserbin Verena Bahlsen die NS-Vergangenheit ihrer Vorfahren und der Firma in die Schlagzeilen gebracht.

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, war die Familie Bahlsen aus Hannover in der Nazizeit tiefer in das NS-Regime verstrickt als bislang bekannt. So waren Verena Bahlsens Opa und seine Brüder in der NSDAP und haben die SS gefördert. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+.)

Nun hat Werner M. Bahlsen, Vater von Verena Bahlsen, in der "Bild am Sonntag" (BamS) über die NS-Vergangenheit seiner Familie und die Äußerungen seiner Tochter gesprochen. "Verenas Aussage war ein Fehler und dafür hat sie sich entschuldigt. Sie hat mit ihren 26 Jahren sicher nicht die gesamte Dimension gesehen", sagte Bahlsen, der Vorsitzender des Verwaltungsrates ist. "Ich werfe mir vor, dass wir unsere Geschichte nicht früher haben aufarbeiten lassen, um der nachfolgenden Generation an dieser Stelle die Last zu nehmen."

Verena Bahlsen
Mike Wolff/ tagesspiegel/ imago images

Verena Bahlsen

Zugleich kündigte er an, die Familie werde sich nun mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzen. "Es muss alles auf den Tisch. Es soll nichts verklärt, nichts weißgewaschen werden", sagte Bahlsen. Dafür seien Historiker engagiert worden. Die Aufarbeitung könnte aber dauern.

Gegründet wurde das Unternehmen von Hermann Bahlsen (1859 - 1919). Werner M. Bahlsen ist dessen Enkel und Sohn von Werner Bahlsen (1904 - 1985). Letzterer und seine beiden Brüder Klaus (1908 - 1991) und Hans (1901 - 1959) saßen während der Nazizeit im Vorstand des Keksherstellers. In der Entnazifizierung nach dem Krieg wurde Hans Bahlsen als Mitläufer eingestuft, seine beiden Brüder erhielten den Status "entlastet".

Er habe mit seinem Vater nicht viel über die NS-Zeit gesprochen, sagte Werner M. Bahlsen der "BamS". "Und natürlich haben wir nur seine Sicht der Dinge präsentiert bekommen." Darauf angesprochen, dass nun klar sei, dass sein Vater NSDAP-Mitglied war und die SS finanziell unterstützt hat, sagte Bahlsen. "Das bringt mein Bild deutlich ins Wanken."

"Ob Geld bei den Bahlsen-Zwangsarbeitern ankam, weiß ich nicht"

Die Firma Bahlsen hat während der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt. Darauf angesprochen hatte Verena Bahlsen gesagt: "Wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt." Vor Gericht seien Klagen von Zwangsarbeitern abgewiesen worden. "Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen."

Inzwischen hat sich Verena Bahlsen entschuldigt und angekündigt, sich stärker mit der Geschichte ihres Unternehmens auseinanderzusetzen.

Zur rechtlichen Strategie des Unternehmens gegenüber den früheren Zwangsarbeitern sagte Werner M. Bahlsen nun: "Die Juristen haben sich offenbar auf Paragrafen zurückgezogen. Dabei haben wir unsere moralische Verantwortung vergessen. Ich habe mich damals nur am Rande mit der Sache befasst. Rückwirkend gesehen, war das ein Fehler. Ich hätte das in die Chefetage holen müssen."

Bahlsen verwies darauf, das Unternehmen habe sich am Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft beteiligt. "Ob Geld bei den Bahlsen-Zwangsarbeitern ankam, weiß ich nicht."

Zugleich berichtete der Unternehmer, er habe im Jahr 2000 drei frühere Bahlsen-Zwangsarbeiterinnen getroffen, als diese nach Hannover kamen. "Mit denen habe ich mich sehr lange unterhalten, auch über das Unrecht, das ihnen geschehen ist."

Die "BamS" zitierte aus Schilderungen einer ehemaligen Zwangsarbeiterin, die berichtete, wie sie und andere Arbeiter unter Aufsicht von Werner Bahlsen 1942 aus einer Kiewer Backfabrik direkt auf Güterwaggons verladen und nach Hannover verschleppt wurden. Konfrontiert mit diesen Schilderungen sagte Bahlsen nun: "Ich bin schockiert. Das höre ich heute zum ersten Mal und das ist eine Katastrophe."

mmq

insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
lenslarque 19.05.2019
1. Wenn man
nichts hören will, hört man irgendwann alles zum ersten mal. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Der Erbin sollte man ihr Segelboot gönnen, vielleicht lernt sie da wie man durchs Leben geht ohne zu kentern.
dirkozoid 19.05.2019
2. Jetzt sind alle tot und ihre Ansprüche auch
Da kann man dann anfangen, sich damit zu beschäftigen. Jemanden, an den man eine Entschädigung zahlen könnte, gibt es ja nicht mehr. Und für eine ausreichende Bildung der Tochter hat es auch nicht gereicht und ist es wohl auch zu spät.
loncaros 19.05.2019
3.
Zitat von dirkozoidDa kann man dann anfangen, sich damit zu beschäftigen. Jemanden, an den man eine Entschädigung zahlen könnte, gibt es ja nicht mehr. Und für eine ausreichende Bildung der Tochter hat es auch nicht gereicht und ist es wohl auch zu spät.
Dieser Mann hat im Jahr 2000 noch bis in die höchsten Instanzen dagegen gekämpft, den Zwangsarbeiterinnen seiner Vergangenheit Entschädigung zahlen zu müssen. Das was er da jetzt macht ist an Heuchelei nicht zu überbieten.
isar56 19.05.2019
4.
Zitat von dirkozoidDa kann man dann anfangen, sich damit zu beschäftigen. Jemanden, an den man eine Entschädigung zahlen könnte, gibt es ja nicht mehr. Und für eine ausreichende Bildung der Tochter hat es auch nicht gereicht und ist es wohl auch zu spät.
Danke für Ihren Beitrag. Über die Arbeitsbedingungen in den Bahlsenwerken Deutschlands während der 90er Jahre habe ich mich bereits geäußert. Löhne zum Hartz IV Tarif und selbst daran wurde gespart, bzw. ein Werk geschlossen und nach Polen verlegt. Die Keks- und Salzletten- Fließbänder liefen, liefen, liefen, egal ob diese Frauen Hunger, Durst oder eine volle Blase hatten. Unwürdig bis ins 21. Jahrhundert. Evtl springt ja das ein oder andere Segelbötchen für Vreni zusätzlich heraus. Ich boykottiere diese Marke seit Jahrzehnten. Fabrikkuchen und - Kekse sind ohnehin für den Eimer.
heidschnucke 19.05.2019
5. Bei meiner Mutter,
Jahrgang 1920, gab es nie Bahlsenkekse. "Sie kauft nichts von Nazis" war ihre Erklärung. Sie hat noch nicht einmal die Produkte von Bahlsen geschenkt genommen. (Einige Frauen in unserem Dorf haben bei Bahlsen gearbeitet uind brachten damals "Bruch" mit nach Hause). Als Kind habe ich mich darüber ziemlich geärgert, später war ich stolz auf die konsequente Haltung meiner Mutter. Und nun dieses Kind mit ihren unqualifizierten Äußerungen! Bahlsen? Nein danke.
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