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31. August 2014, 10:23 Uhr

Streit unter Bahngewerkschaftern

Kirchner entsetzt über Weselskys Behinderten-Vergleich

Die Kritik am Behinderten-Vergleich von GDL-Chef Weselsky reißt nicht ab. Der Vorsitzende der Konkurrenzgewerkschaft EVG, Kirchner, ist laut "Bild am Sonntag" schwer getroffen - sein Sohn starb infolge einer Behinderung.

Berlin - Die Empörung über die Aussage von Claus Weselsky ist nach wie vor groß. Der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL hatte Mitte der Woche auf einem Aktionstag seiner Organisation gesagt: "Wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen und ein Kind zeugen, da kommt von Beginn an was Behindertes raus."Dafür hat er sich bereits entschuldigt. Doch der Vorwurf der Diskriminierung bleibt bestehen - und bringt die Tarifverhandlungen mit der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft vorerst zum Erliegen: EVG-Chef Alexander Kirchner sieht laut "Bild am Sonntag" nun keine Basis mehr für gemeinsame Gespräche.

"Die Aussage von Herrn Weselsky hat mich auch persönlich schwer getroffen", sagte Kirchner dem Blatt. "Ich habe selber einen Sohn, der behindert zur Welt kam und in der Folge starb", erklärte er. Weiteren Verhandlungen mit Weselsky erteilte er eine klare Absage: "Mit Menschen einer solchen Gesinnung, die zudem auf Polarisierung und Spaltung der Belegschaft setzen, kann ich nicht an einem Tisch sitzen und über eine Tarifkooperation verhandeln."

"Schlag ins Gesicht"

Auch Gerhard Schimm, Vertrauensmann für Schwerbehinderte bei der Bahn, erneuerte die Vorwürfe gegen Weselsky. "Wir sind empört und stinksauer", sagte er. "Das ist ein Schlag ins Gesicht unserer 13.000 behinderten Kollegen, darunter knapp 500 Streckenlokführer, die jeden Tag ihr Bestes für die DB geben." Schimm hält den GDL-Chef für nicht mehr haltbar: "Ich würde Herrn Weselsky die rote Karte zeigen."

Bereits am Samstag hatte die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, infrage gestellt, ob Weselsky weiter sein Amt ausüben kann: "Die Gewerkschaft sollte sich überlegen, ob jemand mit dieser Geisteshaltung als oberster Repräsentant weiterhin tragbar ist," sagte Bentele der "Bild"-Zeitung.

Die Tarifverhandlungen bei der Bahn sind ob der Debatte über Weselskys Aussage ins Hintertreffen geraten. Die Lokführer hatten in dieser Woche vorerst auf Streiks verzichtet.

Die Situation ist ohnehin verfahren. Die Lokführergewerkschaft GDL und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) konkurrieren um die Gunst der Bahn-Beschäftigten. Die GDL fordert für die rund 37.000 Lokführer, Zugbegleiter und Rangierführer fünf Prozent mehr Lohn, aber auch eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um zwei auf 37 Stunden sowie bessere Schichtpläne. Die EVG verlangt sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro im Monat. Beide Gewerkschaften wollen für alle Beschäftigtengruppen verhandeln.

bos/dpa

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