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23. Oktober 2019, 15:56 Uhr

WeWork-Gründer Adam Neumann

Der Gernegroß mit dem 1,7-Milliarden-Dollar-Fallschirm

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Adam Neumann will ewig leben und der erste Billionär der Welt werden - doch nun braucht sein einst hoch gehandeltes Start-up WeWork ein Rettungspaket. Er selbst bekommt ein gigantisches Abschiedsgeschenk.

Es gibt offenbar noch immer Menschen, die an WeWork glauben. Auch nach dem Höllenritt der vergangenen Monate. Nach den hysterischen Zeiten, in denen der Büroraumanbieter im Zuge seines geplanten Börsengangs erst zu einem der wertvollsten Start-ups der Wirtschaftsgeschichte gehyped wurde - und nun von seinem größten Investor Softbank mit einer neuen Milliardenspritze vor der Pleite gerettet werden muss.

Fragt man den WeWork-Manager Robert Meyer*, gibt es sogar noch viele Menschen, die das Unternehmen trotz aller Turbulenzen unterstützen. Menschen wie ihn, die sich zwar morgens nach dem Aufwachen manchmal fragten, ob sie wirklich bleiben sollten - bisher aber zu WeWork hielten. "Weil wir weiter ans Geschäftsmodell glauben", sagt Meyer dem SPIEGEL. "Nicht, weil Adam uns das Hirn gewaschen hat."

Adam, das ist WeWork-Mitgründer Adam Neumann, 40, ein amerikanisch-israelischer Unternehmer, der seine Kindheit teils in einem Kibbutz verbrachte und dessen Ehefrau Rebekah, 41, eine Cousine der Schauspielerin Gwyneth Paltrow ist und bei WeWork unter anderem als Markenchefin arbeitete. Der fast zwei Meter große Neumann hat nicht nur körperlich eine beachtliche Statur, er wäre offenbar auch gern sonst in so ziemlich allem der Größte. Zumindest wirken seine Auftritte so.

Laut "Wall Street Journal" hat Neumann unter anderem gesagt, dass er ewig leben wolle. Dass er vorhabe, der erste Billionär der Welt zu werden. Dass er sich zutraue, Israel als Premierminister zu führen. Und dass WeWork die Welt einst von allen Hungersnöten befreien könnte.

Neumanns Start-up macht, wohlgemerkt, nicht viel mehr als Büroflächen anzumieten, diese hip einzurichten und gegen Aufpreis an Firmenabteilungen, Start-ups oder Einzelunternehmer weiterzuvermieten. Zumindest halbwegs besonders an der Firma ist, dass sie nach eigenen Angaben von einer künstlichen Intelligenz ausrechnen lässt, wie viele Konferenzräume eine Bürofläche benötigt.

Gleichzeitig setzt das Unternehmen, offenbar auch auf Geheiß von Neumanns Frau, verstärkt auf Spiritualität. Vor einigen Jahren sollen WeWork-Manager wöchentliche Meetings mit einem Kabbala-Lehrer abgehalten haben. Die Kabbala ist eine mystische Tradition des Judentums, in der es unter anderem darum geht, durch selbst gesteuerte Ektase das eigene Alltags-Ich zu transzendieren.

"Dieses ganze Kaballa-Ding hat für uns keinen Sinn ergeben", sagt WeWork-Manager Meyer. Auch sonst habe Neumann mit seinem Führungsstil viele Mitarbeiter erzürnt. Man müsse ihm aber zugestehen, dass er abseits seines größenwahnsinnigen Auftretens ein "charismatischer Kommunikator" gewesen sei. Ein Gründer, der es verstanden habe, Geschäftspartner, Mitarbeiter und Kunden für sich einzunehmen.

Neumanns größter Fan war offenbar Softbank-Gründer Masayoshi Son. Der 62-jährige Milliardär schien an Neumanns ehrgeizige Expansionspläne zu glauben. Oder zumindest daran, dass WeWork sich dank seines "Denken Sie groß"-Images an der Börse zum lohnenden Investment entwickelt. Insgesamt neun Milliarden Dollar steckte Softbank über seinen Innovationsfonds in WeWork.

In dem Start-up habe deshalb eine Stimmung wie bei einem All-you-can-eat-Buffet geherrscht, sagt Meyer. Gepäppelt von all dem Geld habe Neumann geschäftlich auf maximale Expansion gesetzt - und unternehmenskulturell auf statusbewusstes Hipstertum.

Privatfestival nahe London

Vergangenes Jahr ließ WeWork geschätzt 7000 Mitarbeiter aus aller Welt zu einem Privatfestival nahe London einfliegen. Indie-Stars wie Lorde traten auf, es gab Fußballturniere und Yoga-Workshops. Tequila sei "in Strömen" geflossen, sagt Meyer, der selbst dabei war. In die Details möchte er nicht gehen. "Die jüngeren Menschen haben eben getan, was junge Menschen so tun, wenn sie sehr viel getrunken haben", sagt er nur.

Dem Image der Firma jedenfalls schienen solch Exzesse zunächst gut zu tun. Im Januar wurde WeWork von Investoren mit stolzen 47 Milliarden Dollar bewertet.

Eine nicht unbedeutende Rolle im Unternehmen spielte laut Meyer auch WeWork-Mitgründer Miguel McKelvy - der aus seiner Sicht betont bescheiden und rational aufgetreten sei. Die Hoffnung war offenbar, dass Neumann mit seinem Auftreten das Geld ranschafft und McKelvy den freidrehenden Neumann notfalls wieder einfängt.

Funktioniert hat das offensichtlich nicht. Mitte August, nach Veröffentlichung des Börsenprospekts, wurden Zweifel an WeWorks Geschäftsmodell laut. Analysten beklagten das lückenhafte Zahlenwerk. Ein Finanzblog warf WeWork vor, Geschäftswerte künstlich aufzublähen. Rett Wallace vom New Yorker Anlageberater Triton Research nannte den Prospekt ein "Meisterwerk der Vernebelung".

Das Start-up musste seinen Börsengang verschieben, Neumann als Chef zurücktreten. Gerüchte häuften sich, dass WeWork noch vor Jahresende das Geld auszugehen drohe.

Am Mittwoch nun wurde bekannt, dass Softbank weitere 9,5 Milliarden Dollar in WeWork steckt. Teils werden der Firma neue Kredite gewährt, teils kauft Softbank Unternehmensanteile auf. Womöglich einfach nur, um zu retten, was noch zu retten ist. Um die bereits investierten Milliarden nicht abzuschreiben. Womöglich auch, um möglichst keine Zweifel an Softbanks Urteilsfähigkeit aufkommen zu lassen: Schließlich sind die Japaner über ihren Innovationsfonds noch in andere Start-ups investiert.

WeWork jedenfalls wird Softbank nach der Rettungsaktion zu rund 80 Prozent gehören. Das Hilfspaket ist also de facto eine Machtübernahme. Gemessen am Kaufpreis wird das Start-up nun mit insgesamt acht Milliarden Dollar bewertet - einem Bruchteil des avisierten Börsenwerts.

Von Neumann verabschiedet sich Softbank dem Vernehmen nach mit einem goldenen Handschlag. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg darf er Anteile im Wert von bis zu einer Milliarde Dollar an Softbank verkaufen; er bekommt zudem einen millionenschweren Kredit und Beratergebühren in dreistelliger Millionenhöhe. Insgesamt soll das Abschiedspaket einen Wert von 1,7 Milliarden Dollar haben.

Im Start-up selbst sieht man nun Chancen, WeWork strategisch besser aufzustellen. Manche der vermieteten Immobilien brächten noch immer gute Einnahmen, sagt Meyer dem SPIEGEL. Auf die werde man sich jetzt wohl fokussieren. Der Rest dürfte abgestoßen werden.

Es werde zudem diskutiert, die WeWork-Buchungssoftware und das Verwaltungspersonal an Immobilienbesitzer zu verleasen. "Andere Unternehmen könnten dann in leer stehenden Immobilien nach dem WeWork-Prinzip Flächen vermieten", sagt Meyer. Die Einnahmen daraus könne man sich teilen.

Er glaube nach wie vor an WeWork, sagt Meyer noch einmal. Bei Kunden und Geschäftspartnern aber wird das Start-up nun wohl ganze Vertrauensarbeit leisten müssen. Mit der neuen Milliardenspritze hat sich Neueigentümer Softbank dafür zumindest Zeit gekauft.

* Name von der Redaktion geändert

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