Kuriose Ermittlungen in Italien Wie die Deutsche Bank Silvio Berlusconi gestürzt haben soll

Wissen Sie, wo Trani liegt? Die Deutsche Bank musste es lernen. Denn die Staatsanwaltschaft der süditalienischen Kleinstadt will ein Komplott der Finanzwelt gegen Ex-Premier Berlusconi beweisen.

Silvio Berlusconi
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Silvio Berlusconi


Irgendwann kommt alles ans Licht. Auch die Wahrheit. Und manchmal sogar mehr als die Wahrheit. Wie jetzt, dank der ebenso rührigen wie mutigen Staatsanwaltschaft in einer sehr schönen und sehr unbedeutenden südostitalienischen Kleinstadt namens Trani.

Dort hat die lokale Justiz offenbar Hinweise darauf gefunden, dass Silvio Berlusconi 2011 nicht zurücktreten musste, weil sein Land in einer schlimmen Krise und er mit seinem Latein und seiner Popularität am Ende war, wie man weithin glaubte. Nein, Berlusconi, der Medienmogul, der Milliardär, der ganz besondere Frauenversteher, ist einem Komplott der internationalen Finanzwelt zum Opfer gefallen.

Davon geht man jedenfalls im Justizpalast von Trani aus. Deshalb ermittelt man schon eine Weile gegen die großen Rating-Agenturen Fitch sowie Standard & Poor's. Nun ziehen die Tranesi auch gegen die Deutsche Bank zu Felde.

Die italienische Dependance der Frankfurter Großbank wurde untersucht, ihr Statthalter Flavio Valeri als Zeuge vernommen, Akten wurden beschlagnahmt. Italiens früherer Regierungschef Romano Prodi steht auf der Liste der zu Befragenden, ebenso Ex-Finanzminister Giulio Tremonti. Unter Verdacht steht der damalige Vorstand, zu dem Josef Ackermann, Jürgen Fitschen und Anshu Jain sowie zwei weitere Führungskräfte der Bank gehörten.

"Klares Signal von Misstrauen"

Mittlerweile trauen viele der Deutschen Bank ja so einiges zu. Nur: Die Beweislage für ein Komplott gegen Berlusconi scheint bislang nicht gerade erdrückend. Weder im Fall der Rating-Agenturen, noch in dem der Frankfurter Banker.

Die Deutsche Bank, so die Trani-Version dessen, was im Krisenjahr 2011 abgelaufen ist, habe im Frühjahr damals in mehreren Publikationen ihrer Research-Abteilung die italienischen Staatsschulden als beherrschbar beschrieben. Selbst habe sie dann aber plötzlich fast alle Italo-Anleihen aus ihrem Acht-Milliarden-Euro Bestand verkauft. So habe sie den "Markt manipulieren" wollen. Und der habe die Aktion als "klares Signal von Misstrauen" verstanden. So seien Zweifel entstanden, dass die italienische Regierung ihre in den Himmel gewachsenen Schulden bei explosionsartig gestiegenen Zinsen auf Dauer bedienen könne.

Bei der Deutschen Bank versuchte man schon damals, die Sache zu erklären. Man habe nach dem Kauf der Postbank, Ende 2010, die durch den Zusammenschluss sprunghaft angestiegenen Außenpositionen in der eigenen Bilanz reduzieren wollen und deshalb Staatsanleihen verkauft - italienische und solche aus anderen Ländern. Auch heute betont die Bank, dass sie ja gerne umfassende Auskünfte an die Staatsanwaltschaft gebe, aber "keine rechtliche Grundlage" für die Ermittlungen sehe und darüber hinaus überzeugt sei, korrekt gehandelt zu haben.

Aber das nehmen ihnen die misstrauischen Trani-Juristen natürlich nicht ab.

Zu genau passt das Verhalten der Frankfurter zu dem, was die Jungs von Fitch und Standard & Poor's zu ungefähr gleicher Zeit anstellten. Sie senkten das Rating für Italien, erklärten damit die römischen Schulden für tendenziell unsicher. Italien musste immer höhere Zinsen versprechen, damit sie für ihre Anleihen noch risikofreudige Käufer fand. Das hochverschuldete Land schlitterte immer näher an den Abgrund.

Schließlich warf Regierungschef Berlusconi das Handtuch, machte den Weg frei für Mario Monti. Und das, so die Trani-Theorie, war das Ziel: Monti, der Ex-EU-Kommissar, Berater von Goldman Sachs und Coca Cola, Ex-Mitglied der Bilderberg-Konferenz, der Mann der globalen Finanzbranche, sollte an die Macht.

Nun ja, die Beweise. Die sind noch immer eher dürftig. Als es den Anwälten einiger Beschuldigter aus dem Rating-Komplex gelang, das Verfahren zuständigkeitshalber nach Mailand zu verlegen, war die Sache für jene schnell zu Ende. Das Gericht dort fand "keinerlei Hinweis" für irgendein Komplott oder andersgeartete Verfehlungen.

Davon unbeeindruckt ermitteln die tapferen Justizkollegen in Trani weiter gegen den verbliebenen Rest der Rating-Verdächtigen und die neu hinzugefügten Bösewichte aus der Deutschen Bank. Dafür haben sie andere Verfahren gegen prominente Verdächtige erst einmal eingestellt. Die betrafen den internationalen Hochfrequenzhandel und Betrügereien großer Impfstoffhersteller. Aber man soll sich ja nicht verzetteln.

"Rechtsrisiko Trani"

Als die Amtspost aus Trani bei den Global Players der Finanzwelt ankam, rieben sich auch deren hoch bezahlte Anwälte erst einmal erstaunt die Augen. Wo bitte liegt Trani und warum bitte ist es zuständig? Da war noch nie einer unserer Klienten. Schon gar nicht zur Begehung einer Straftat. Dort gibt es keine Task Force der Justiz für Wirtschaftsstraftaten, keine Sonderermittler mit profunden Bankkenntnissen. Nicht einmal eine Börse.

Aber es gibt den Artikel 10 der Strafprozessordnung und den Artikel 182 des Finanzgesetzes (Tuf). Letzterer besagt, dass ein Verstoß gegen das italienische Finanzrecht, egal wo in der Welt, in Italien bestraft werden kann, wenn Italiener geschädigt werden. Und der andere Artikel sagt, dass die Staatsanwaltschaft, die eine solche Straftat im Ausland als erste entdeckt, dafür zuständig ist. Voilà, das ist die Lex Trani, der Zugang zur Glitzerwelt der internationalen Justiz. So kommt die kleine Adria-Hafenstadt an ihre großen Prozesse und regelmäßig prominent in die Medien. Wie jetzt beim Coup gegen die Deutsche Bank.

Aber irgendwie kommt das auch Italienern etwas merkwürdig vor. "Von allen Schandtaten, mit denen sich die Deutsche Bank befleckt haben könnte", kommentiert die römische Tageszeitung "La Repubblica" den Vorgang, sei "der Sturz der Regierung Berlusconi wohl die unwahrscheinlichste."

Und ganz Verzagte sprechen schon vom "Rechtsrisiko Trani". Wenn sich herumspricht, wie leicht man in Italien in eine juristische Ermittlung stolpern kann, könnte das Investoren und Anleger verschrecken. Und die Zinsen für die Staatsschulden könnten wieder steigen. Auch ohne Komplott.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Untertan 2.0 10.05.2016
1.
Da hätte die Deutsche Bank ja sogar einmal etwas gutes getan...
zeitungsleser52 10.05.2016
2. Keine kuriosen Ermittlungen
Der Vorwurf an die deutsche Bank besteht nicht darin, dass sie die italienischen Staatsanleihen verkauft hat. Selbstverständlich gibt es keine rechtliche Verpflichtung diese im Portfolio zu halten. Der Vorwurf besteht darin, dass die Research-Publikation im Frühjahr dazu dienen sollte zusätzliche Käufer für die italienischen Staatsanleihen anzulocken, sodass die Deutsche Bank einen höheren Preis für ihre Anleihen gezahlt bekommt. Bei gleichem Angebot führt eine Erhöhung der Nachfrage zu einer Preissteigerung, das ist simple Volkswirtschaftslehre. Man wirft der Deutschen Bank vor, dass die Research-Publikation nicht lediglich der Information von Anlegern diente, sondern gezielte Werbung war um den Verkauf der italienischen Staatsanleihen vorzubereiten. Das ist eine Marktmanipulation. Dieses Vorgehen nennt man im Fachjargon Scalping. In Deutschland hat man natürlich den Vorteil, dass man ganz einfach behaupten kann, dass man an den Erfolg der Wertpapiere geglaubt hat. Auch wenn die Fakten eigentlich eine andere Sprache sprechen. Aber praktisch hat man dann nichts zu befürchten. In anderen Ländern ist dies glücklicherweise anders.
ihawk 10.05.2016
3. Deutsche Bank in Italien
Aus Zeiten des Herrn Ackermann traue ich der Deutschen Bank so ziemlich alles zu.
Reinhardt Gutsche 10.05.2016
4. Freispruch zweiter Klasse
Zitat: "Nun ja, die Beweise. Die sind noch immer eher dürftig." Die logische Prämisse für diese Formulierung ist es, prinzipiell einzuräumen, daß sich die Causa so abgespielt haben könnte und nicht a priori ein verschwörungstheoretisches Hirngespinst sein muß. Daraus wäre zu schlußfolgern, daß das international verflochtene Bankensystem sehr wohl die Macht und die Technik besitzt, mittels marktmanipulatorische Manöver Regierungen nach Belieben stürzen und ganze Staaten in Bedrängnis zu bringen, ein Vorgang, der sich gerade im Falle Polens zu wiederholen scheint. Was der Artikel hier anbietet, wäre bestenfalls ein Freispruch zweiter Klasse. Ein Freispruch wegen erwiesener Unschuld sähe anders aus.
zeitungsleser52 10.05.2016
5.
Zitat von Untertan 2.0Da hätte die Deutsche Bank ja sogar einmal etwas gutes getan...
Es handelt sich hierbei um einen Trick, mit welchem auch immer wieder Amateur-Anleger abgezockt werden, nämlich um Scalping. Dies funktioniert besonders bei Pennystocks (Also Aktien im Wert von unter 1 Euro) gut, da hier die Umsätze durch den Aktienhandel niedrig sind. Nun hätte ich einen solchen Pennystock in meinem Aktiendepot. Weil sich kein professioneller Anleger für diese Aktie interessiert, bekomme ich sie auch nicht verkauft. Aktuell hätte ich beispielsweise 20.000 Aktien für 0,10 Euro im Depot. Also insgesamt 2.000 Euro. Also suche ich mir gezielt Amateure, welche vom Kapitalmarkt nichts verstehen und bewerbe die Aktie dort mit jährlichen Renditen von 10 %. Diese Leute haben keine Ahnung und platzieren Kauforders für 10.000 Euro. Daraufhin steigt der Aktienkurs auf 0,50 Euro an und ich bin die Aktien los. Derjenige bekommt diese Aktien, welche eigentlich wertlos sind, nicht mehr los und verliert somit sein Geld. Es handelt sich bei so etwas um Marktmanipulation und dem wird die Deutsche Bank beschuldigt.
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