WikiLeaks-Enthüllung EADS-Manager verspotteten Kollegen vor US-Diplomaten

Die Briten "schizophren", der französische Chef ein "überambitionierter Irrer" und der Vorstand spielt "Reise nach Jerusalem": Neu enthüllte Botschaftsdepeschen zeigen, wie EADS-Manager bei US-Diplomaten über ihre Kollegen lästerten. Besonders häufig klagten Deutsche über Franzosen.

Airbus

Hamburg - Der Tonfall ist sachlich, doch zwischen den Zeilen scheint Genugtuung durch: Im April 2008 schickte der US-Konsul im französischen Toulouse zwei diplomatische Mitteilungen über " und US-Interessen" nach Hause. Nach dreijähriger Tätigkeit sei dies ein "Abschiedsbericht", hieß es in der ersten Botschaft. Zum Abschluss hatte sich der Diplomat ein dankbares Thema ausgesucht: Der Flugzeugkonzern Airbus leide "auf allen Ebenen an einer insularen, balkanisierten Firmenkultur", konstatiert der Autor der Depesche.

Boeing

EADS

WikiLeaks

Für die Amerikaner waren das gute Nachrichten, schließlich ist Airbus der schärfste Konkurrent des US-Unternehmens  . Dass Deutsche und Franzosen bei der Airbus-Mutter   jahrelang um die Vorherrschaft kämpften, ist ein offenes Geheimnis. Neu ist, dass EADS-Manager offenbar US-Regierungsvertretern offenherzig von den internen Streits berichteten. Das legen jetzt von der Enthüllungsplattform aufgedeckte Depeschen nahe, die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

In den Berichten wimmelt es nur so von wenig schmeichelhaften Einschätzungen, die EADS-Mitarbeiter über ihr Unternehmen und ihre Kollegen abgegeben haben sollen. Besonders häufig werden dabei Deutsche zitiert, die über Franzosen lästern.

Noel Forgeard

So traf sich ein Vertreter des Münchner Konsulats im Sommer 2006 mit zwei hochrangigen deutschen EADS-Managern. Kurz zuvor war der damalige französische EADS-Co-Chef zum Rücktritt gezwungen worden - aus Sicht der Deutschen kein Verlust. Forgeard sei ein "überambitionierter Irrer" gewesen, von dem die deutsche Seite nie gewusst habe, ob er seinen eigenen Willen oder den der französischen Regierung verfolgt habe. Auch der Ausstieg des Anteilseigners BAE Systems stimmte die Deutschen nicht traurig. Die Briten seien "ohnehin ein schizophrener Partner gewesen".

"Die düstere Atmosphäre bei EADS war greifbar"

Die Manager beklagten sich laut dem Bericht ausführlich über französischen Interventionen, einer der beiden soll zum anderen sogar scherzend gesagt haben: "Was, du meinst wir sind kein französisches Unternehmen?" Dennoch hätten die Deutschen vorerst an der deutsch-französischen Führungsspitze festhalten wollen, "da ein Franzose das Durcheinander angerichtet habe, solle es schließlich auch von einem Franzosen in Ordnung gebracht werden".

DaimlerChrysler

Auch nach einem Treffen mit einem Vertreter von EADS-Aktionär konnte das Münchner US-Konsulat schlechte Stimmung nach Hause melden. "Die düstere Atmosphäre bei EADS war greifbar, man kann ohne weiteres den Eindruck eines Unternehmens unter Belagerung bekommen", heißt es in der Depesche. Ein Versuch Russlands, bei EADS Einfluss zu gewinnen, sei eine "Büchse der Pandora, die EADS' derzeitiges Durcheinander noch weiter durcheinanderbringen könnte". Die jüngsten Personalrochaden schließlich wurden in einem Zwischentitel als "Reise nach Jerusalem im Vorstandszimmer" verspottet.

Doch nicht nur Deutsche klagten bei den US-Diplomaten - sondern auch Franzosen über Franzosen. Der französische Industrielle und EADS-Anteilseigner Arnaud Largardère soll sich im Jahr 2005 bei einem Mittagessen mit dem US-Botschafter ausführlich über den damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac beklagt haben. Dieser "bringe alles durcheinander, in das er sich einmischt", zitiert die Depesche Largadère. Sollte Chirac 2007 erneut zum Präsidenten gewählt werden, werde er schneller bei EADS aussteigen als bei einem Sieg von Nicolas Sarkozy, mit dem er gute Beziehungen pflege.

"Goldene Gelegenheit für US-Zulieferer"

Für die US-Diplomaten waren die Querelen um die Eigentümerstruktur bei EADS hochinteressant. Schließlich sahen sie sich als Interessensvertreter der US-Wirtschaft, wie zahlreiche Kommentare zeigen. So wird das Airbus-Sparprogramm Power8 an einer Stelle als "goldene Gelegenheit für US-Zulieferer bezeichnet". Largardère soll der US-Botschafter sogar zu einem Treffen mit dem damaligen Boeing-Chef Harry Stonecipher ermutigt haben. Schließlich kenne dieser Largadères Vater Jean Luc, der sich und Stonecipher als mögliche Vermittler im Streit zwischen Airbus und Boeing sehe.

Bei EADS gab man sich angesichts der vertraulichen Berichte gelassen. "Wenn WikiLeaks nicht mehr zu bieten hat als fünf Jahre alte Depeschen, sind wir nicht besonders besorgt", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Beim amerikanischen Außenministerium war man bemüht, die eigene Rolle herunterzuspielen. US-Diplomaten in der französischen Provinz sollten lediglich engere "ökonomische, kulturelle und politische Verbindungen mit Franzosen außerhalb von Paris knüpfen", erklärte ein Ministeriumssprecher gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Doch seit einigen Wochen sorgt ein möglicher Rückzug von Daimler bei EADS für Schlagzeilen. Vermutlich haben US-Diplomaten nach wie vor vieles nach Hause zu melden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.