Das »deutsche GameStop«? Vorsicht vor dem Börsenhype um Windeln.de

Anleger reißen sich um die Papiere des winzigen Onlinehändlers Windeln.de – dabei steckt das Unternehmen tief in den roten Zahlen. Auslöser für den Boom sind fragwürdige Aktienempfehlungen im Netz.
Logo von Windeln.de: Aktie im Kursrausch

Logo von Windeln.de: Aktie im Kursrausch

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Nach der amerikanischen Videospielkette GameStop haben Hobbyspekulanten im Netz ausgerechnet den deutschen Versandhändler Windeln.de als vermeintlichen Hoffnungswert ausgemacht: mit Empfehlungen wie »Alle rein da!!!!!« oder »In Windeln zum Mond!« empfehlen Internetnutzer der Plattform Reddit die Papiere zum Kauf – offenbar mit Erfolg.

Noch vor Kurzem galt die Aktie der kleinen Münchener Firma als sogenannter Pennystock, die Papiere kosteten weniger als einen Euro. Doch seit der vergangenen Woche haben die Papiere um fast 300 Prozent an Wert zugelegt. Am Dienstagmittag kletterte der Kurs bis auf nahezu fünf Euro. An der bei Kleinanlegern beliebten Börse Stuttgart zählten die Aktien zu den meistgehandelten Papieren.

Der Hype wirkt umso erstaunlicher, als es keine Neuigkeiten von der Firma gibt. Der Versandhändler mit seinen rund 200 Mitarbeitern kämpft schon seit Jahren mit finanziellen Schwierigkeiten. 2020 stand unterm Strich ein Verlust von 13,7 Millionen Euro. Auch im ersten Quartal 2021 arbeitete das Unternehmen defizitär. Dass sich Anleger nun dennoch scharenweise auf die Aktie stürzen, scheint denn auch eher an den fragwürdigen Empfehlungen zu liegen, die in sozialen Medien geteilt werden.

Vermeintliche Aktientipps, Mythen und Spekulationen

In einem vermeintlichen »Aktientipp«, der dem SPIEGEL vorliegt, ist etwa von einem »Kampf gegen die Hedgefonds« die Rede: Windeln.de, so die Argumentation des anonymen Verfassers, sei ein ähnlicher Fall wie die US-Videospielkette GameStop. Dort hatten Profianleger mit sogenannten Leerverkäufen auf einen Kurssturz gewettet – und damit den Widerstand von Kleinanlegern aus dem Netz auf sich gezogen. Die Folge war ein beispielloser Run auf die GameStop-Aktie, auch durch Anleger aus Deutschland.

Wiederholt sich nun die Geschichte bei Windeln.de? Wohl kaum. Denn in Deutschland müssen Leerverkaufspositionen im Bundesanzeiger publik gemacht werden, Leerverkäufe auf Windeln.de wurden demnach nicht abgeschlossen. Der Angriff der Hedgefonds dürfte also ins Reich der Mythen fallen.

Doch wie jede gute Legende haben auch die Empfehlungen für Windeln.de einen wahren Kern: Vor Kurzem hat China Eltern per Gesetz erlaubt, mehr als ein Kind zu haben. Von dieser Abkehr von der Ein-Kind-Politik könne auch Windeln.de profitieren, so die Argumentation. Tatsächlich ist China für Windeln.de ein wichtiger Markt. Doch ob die Chinesen künftig tatsächlich mehr Nachwuchs bekommen und ob ausgerechnet eine kleine deutsche Firma davon profitiert, steht in den Sternen – und spielt für die Urheber der Empfehlungen womöglich gar keine Rolle. Denn sie profitieren von kurzfristigen Kurssteigerungen.

Aktienkurs von Windeln.de

Die Masche hinter solchen Aktienempfehlungen heißt »Pump and Dump« (»Aufpumpen und Wegwerfen«). Dabei werden kleinere Aktien zum Kauf empfohlen, um den Kurs hochzutreiben. Wenn genügend Menschen der Empfehlung folgen, steigt der Kurs der Papiere schnell, was weitere Anleger anlockt. Dann verkaufen die Urheber der Empfehlung ihre Anteile – und vervielfachen so ihren Einsatz. Wer aber den richtigen Moment für den Absprung verpasst, verliert viel Geld.

Verbraucherschützer und auch die Finanzaufsicht Bafin warnen regelmäßig vor solchen Aktienempfehlungen. Zu dem konkreten Einzelfall wollte sich die Behörde zunächst nicht äußern. Grundsätzlich schaue man sich aber »außergewöhnliche Kursbewegungen dahingehend an, ob möglicherweise Verdachtsmomente für Marktmissbrauch oder Marktmanipulation vorliegen«, sagte ein Behördensprecher. Windeln.de ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Schon länger beobachten Finanzaufseher und Notenbanker die Kursturbulenzen um »Meme-Aktien« wie GameStop, die in sozialen Medien zum Kauf empfohlen werden, mit Sorge. Kritiker sehen darin Zeichen für eine Überhitzung am Aktienmarkt, der auch von niedrigen Zinsen und milliardenschweren Anleihekäufen der Notenbanken getrieben wird – und für den sich zunehmend auch Kleinanleger aus Deutschland begeistern.

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