Energiewende Netzagentur will Obergrenze für Windkraft im Norden senken

Anlagen mit rund 900 Megawatt Windkraft pro Jahr durften bisher in Norddeutschland gebaut werden. Nun soll die Grenze offenbar sinken. Die Grünen sprechen von einem falschen Signal.

Windräder bei Sehnde im südlichen Niedersachsen: Bald Ausbaugebiet?
Julian Stratenschulte/dpa

Windräder bei Sehnde im südlichen Niedersachsen: Bald Ausbaugebiet?


Ob die Obergrenze den Bau von Windrädern beeinflusst, ist noch völlig unklar. Doch das damit verbundene Zeichen wäre deutlich: Der Bund plant einem Papier zufolge, in den Küstenländern der Nordsee die Obergrenze für Windstrom pro Jahr zu senken.

Von 2020 an sollen nur Ausschreibungen für Windräder an Land mit insgesamt 786 Megawatt Strom zugelassen werden, heißt es in einem Verordnungsentwurf der Bundesnetzagentur. Das sind 13 Prozent weniger als die bisherigen 902 Megawatt.

Kritik an dem Vorhaben kommt von den Grünen. Die energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Julia Verlinden, spricht von einem Hemmnis in einer Zeit, in der die Windbranche ohnehin angeschlagen sei. "Wenn die Regierung in Sachen Energiewende halbwegs glaubwürdig bleiben will, darf sie diesen Verordnungsentwurf auf keinen Fall durchwinken", sagte sie.

Mit den Plänen will die Bundesnetzagentur den Ausbau in einem Gebiet begrenzen, in dem es Engpässe im Stromnetz für den Abtransport des Windstroms gibt. Die Deckelung war bislang allerdings kaum relevant, da zuletzt ohnehin nur noch sehr wenige Windräder gebaut worden sind.

Hintergrund

"In der Realität hat die Grenze den Windausbau im Norden nicht beschränkt", sagte der Vizepräsident der Behörde, Peter Franke. Das Ausschreibungsvolumen sei längst nicht ausgeschöpft worden in den vergangenen Jahren. Aus seiner Sicht wird die neue, abgesenkte Obergrenze den Ausbau ebenfalls absehbar nicht bremsen.

Insgesamt ist der Ausbau der Windkraft in Deutschland ins Stocken geraten. Gründe hierfür sind unter anderem der Genehmigungsstau bei den Behörden, Proteste in der Bevölkerung sowie wirtschaftliche Probleme der Windkraftfirmen.

Im ersten Halbjahr 2019 hat sich der Bestand an Windrädern unterm Strich nur um 35 erhöht. Es wird so wenig gebaut, wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Dabei will Deutschland seinen Ökoanteil am Bruttostromverbrauch bis 2030 von derzeit 38 auf 65 Prozent erhöhen. 2050 sollen es sogar 80 Prozent sein.

Lesen Sie hier mehr zu den Gründen: Die große Windkraftkrise

Die bisherige Obergrenze betrifft ein Gebiet, das sich über den Norden Niedersachsens sowie über Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erstreckt. Wird hier ein neuer Windpark ausgeschrieben, wird seine Leistung angerechnet.

2018 wurde nur rund die Hälfte der im Norden zulässigen Windräder genehmigt, wie aus einem Evaluationsbericht der Bundesnetzagentur hervorgeht. Im Mai 2017 indes hatte es bereits Ablehnungen wegen der Nord-Obergrenze gegeben.

Die Fläche, auf der Rotoren für den Deckel angerechnet werden, soll sich künftig ändern. Bisher wurde auch Mecklenburg-Vorpommern einbezogen, dieses Land fällt den Plänen zufolge nun raus - dort gibt es also keine Begrenzung mehr für den Ausbau. Niedersachsen wird nun hingegen komplett einbezogen, zuvor galt nur der Norden des Bundeslandes als Netzausbaugebiet.

apr/dpa



insgesamt 46 Beiträge
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ctrader62 05.08.2019
1. Reden und Handeln auch hier völlig gegensätzlich
Man hat es fast schon geschafft, den Zuwachs von Windenergie in 2019 auf 10% des Jahres 2017 zu drücken. Jetzt wird der Trend noch verstärkt während sich die Anbiederung an Greta fast alle Politiker erfasst. Das sieht fast nach mutwilliger Demontage des letzten Vertrauens in die Wahrhaftigkeit der Politik. Während Windenergie und die Arbeitsplätze jetzt auch bald zerstört wurden, gelobt man immer verwegenere CO2 Reduktionsziele. Tut mir leid, ich kann die alternativlose moralische Überlegenheit dieser Politik noch nicht in vollem Umfang erkennen.
dasfred 05.08.2019
2. Wem nützt es?
Das ist die Frage, die mich beschäftigt. Probleme, wie der Netzausbau bestehen nicht erst seit gestern. Irgendjemand wird bei dieser Deckelung wieder seinen Reibach machen und da würde mich interessieren, welche Lobbyisten sich bei der Bundesnetzagentur die Sohlen abgelaufen haben.
lucabrunsch 05.08.2019
3. Windanlagen stehn nur still, weil die GroKo es so will
Es gibt keine Netzengpässe mehr, sobald wir einmal mit der Wärme- oder Verkehrswende anfangen würden (jetzt 77% des Energiebedarfs, zukünftig mind. 50%; erneuerbare Energien stagnieren in diesen Sektoren). Warum wird der überschüssige Windstrom nicht dafür genutzt? Weil die Bundesregierung es so will. Oder wie soll man es sonst verstehen, dass Überschussstrom für die Wasserstoffelektrolyse nicht von Steuern und Abgaben befreit wird und diese bei einer Wiederverstromung sogar doppelt bezahlt werden müssen? Das wird seit JAHREN diskutiert. Die wenigen Fälle in denen "Nutzen statt Abregeln" endlich erlaubt wurde, sind so mit Bürokratie überfrachtet, dass kein einziges Projekt bisher umgesetzt werden konnte!
ykerniz? 05.08.2019
4. Wem schadet es?
Als Verbraucher werden wir an den inzwischen gesunkenen Stromgestehungskosten neuer Windkraftwerke nicht partizipieren, wenn keine mehr gebaut werden. Aber als Verbraucher lassen wir uns alles gefallen.
taglöhner 05.08.2019
5.
Wenn ich es recht verstehe, ist die Deckelung eine rein Fiktive, weil ohnehin kaum noch jemand welche bauen will und die Baugenehmigungen vor Ort sich endlos hinziehen.
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