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TimberTower: Visionäre der Windkraft

Foto: Timbertower

Windkraft Herr der Holzbeine

Die Idee erscheint revolutionär - ein Jungunternehmer aus Hannover will Windkraftanlagen mit Holztürmen konstruieren. Der Traditionsbaustoff soll stabiler und vor allem billiger sein als Stahl. Investoren reagieren begeistert.
Von Daniela Schröder

Hamburg - Wenn Gregor Prass zu einem Geschäftstermin fährt, trägt er selbstverständlich weißes Hemd und Anzug, meist schwarz oder dunkelgrau, gerne Nadelstreifen. Dazu Sneaker, am liebsten ein Modell in Grellgrün. Noch gewöhnungsbedürftiger als sein Modestil aber ist die Idee, die der Bauingenieur präsentiert: Denn während die Hersteller von Windkraftanlagen immer angestrengter nach günstigen Alternativen zum bekannten Stahlturm suchen, sind Prass und sein Team überzeugt, die optimale Lösung in einem der ältesten Baustoffe gefunden zu haben: Holz.

Als weltweit erstes Unternehmen will das junge Start-up TimberTower hundert Meter hohe Türme für Multimegawatt-Windräder aus Holz bauen. Ende des Jahres soll am Firmensitz Hannover der erste Prototyp entstehen. Damit beginnt für das ungewöhnliche Projekt die entscheidende Phase. Schließlich sind Forschen und Entwickeln zwar die Basis eines innovativen Konzepts, und ein amtliches Prüfsiegel überzeugt die Versicherer. Doch Zahlen, Zeichnungen und Zertifikate sind die eine Seite. Ein Anlagenbauer aber braucht mehr als Papiere, er will Beweise. Lässt sich eine Windkraftanlage mit Holzturm problemlos aufstellen? Rechnet sich das Ganze? Und hält so ein Ding überhaupt?

"Keine Sorge", sagt Prass. "Ein Holzturm ist belastbarer und haltbarer als ein Turm aus Stahl." Ein Windrad mit Holzbein soll stabiler als Stahl sein? Holz bricht. Holz brennt. Holz vergammelt. Das sind Vorurteile, kontert der Bauexperte. Allein durch seine natürlichen Eigenschaften sei Holz dem Metall klar überlegen.

Banken und Privatinvestoren sind begeistert

Stahl ermüde bei ständiger Belastung schneller als Holz, "stählerne Windtürme halten maximal 20 Jahre, dann sind sie durch, Holztürme dagegen haben eine deutlich längere Lebensdauer". Bricht ein Feuer aus, sagt Prass, dann erhitzt sich eine Stahlkonstruktion, wird weich und kracht plötzlich zusammen. Holz dagegen bleibe länger standhaft. Ein großer Querschnitt gilt sogar als brandhemmend, denn Feuer lässt auf der Holzoberfläche eine isolierende Kohleschicht entstehen. Sie schützt die inneren Schichten. "Man sieht das im Kamin", sagt Prass. "Da fackeln zuerst die kleinen Späne ab, die dicken Scheite aber werden erstmal nur schwarz."

Gegen Wind und Wetter soll den Holzturm eine spezielle Kunststoffschicht wappnen. Obwohl Holz sowieso gut mit Salzluft klarkomme, heißt es bei TimberTower mit Verweis auf alte Seebrücken. Stabiler als Stahl sei der neue Holzturm nicht zuletzt wegen des speziellen Baumaterials: Brettsperrholz. Die kreuzweise übereinander gestapelten und miteinander verleimten Fichtenbretter sollen die Eigenbewegungen des Holzes reduzieren. Zudem verteilen sich anfallende Lasten nicht in eine Richtung wie bei Balken oder Stützen, sondern auf alle Seiten. Außerdem dämpfe ein Holzturm die Geräusche einer Windkraftanlage und erhöhe deren Sicherheit, da er keinen Strom leite.

Bei Turmhöhen von 70 bis 160 Meter und einer Anlagenleistung von ein bis vier Megawatt kann Holz das Baumaterial Stahl ersetzen, sind sich Prass und seine beiden Geschäftsführerkollegen sicher. Sein Team besteht aus Kaufmann Sandro Mainusch, der das nötige Finanzwissen aus seinem früheren Job beim Anlagenhersteller REpower mitgebracht hat. Dazu kommt Unternehmensberater Holger Giebel, der bereits einer Reihe von Hightech-Start-ups auf die Beine half. Kein Wunder also, dass die drei schon vor der eigentlichen Unternehmensgründung Innovationspreise gewonnen haben. Auch Banken und Privatinvestoren halten das Holzturm-Konzept für erfolgversprechend: Insgesamt 1,8 Millionen Euro flossen in die Entwicklung der Prototypen.

Müdigkeit führte zur richtigen Idee

Denn tatsächlich bietet TimberTower eine Neuheit: "Trotz seiner guten Eigenschaften für den Maschinenbau hat die Windenergiebranche Holz bisher völlig übersehen", sagt Prass. Dabei ist die Idee für eine Anlage mit Holzturm nicht neu. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden Windturbinen vom Fundament bis zu den Flügeln meist aus Holz gebaut. Gegen den modernen Werkstoff Stahl aber sah das Traditionsmaterial bald alt aus. "Heute haben Maschinenbauer keine Ahnung von Holz", sagt Prass. "Auch ich habe es lange unterschätzt."

Dabei hat er seit Jahren an der Entwicklung von Türmen und Fundamenten für Windkraftanlagen getüftelt. Erfahrungen sammelte er vor allem mit Beton. Im Herbst 2006 aber kam er auf die Idee, aus der TimberTower entstehen sollte: Monatelang saß Prass schon an einem Modell für einen Windturm aus Holzfachwerk. Bis spät in die Nacht feilte er an den Entwürfen, der Abgabetermin drohte. Doch egal was Prass probierte, er landete immer wieder bei einem Problem: Einzelteile ließen sich nicht belastbar genug verbinden, Ecken und Kanten mussten vor Wasser geschützt werden. Prass war müde und genervt. Irgendwann machte er einen Denkfehler und gab Werte falsch ein - und auf seinem Bildschirm erschien ein Hohlkörper.

Doch worüber sich der Ingenieur im ersten Moment ärgerte, machte ihn dann plötzlich hellwach. "Mir war schnell klar, dass diesem Holzturm alle Fehler fehlen, die eine Fachwerkkonstruktion disqualifizieren." Seitdem dreht sich der Job von Prass nur noch um Holz. Ergebnis seiner Berechnungen ist ein mehreckiger, geschlossener Holzturm, schlank und nach oben hin schmaler als seine Stahl-Verwandten. Im Inneren steckt ein hölzernes Gerüst, das die 30 Zentimeter dicken Brettsperrholzplatten trägt. Zusammen gesteckt und verleimt werden die Elemente erst am Standort der Windkraftanlage. Höchstens zwei Tage soll der Aufbau dauern, für die Lieferzeit rechnet TimberTower acht bis zehn Monate. Auf Stahltürme wartet man derzeit locker ein Jahr - die Nachfrage ist so groß, dass die Hersteller mit der Produktion kaum hinterher kommen.

Kostenvorteile von 20 bis 30 Prozent

Dazu kommt ein weiterer, entscheidender Vorteil: Auch bei den Kosten will TimberTower die stählerne Konkurrenz schlagen. Inklusive Transport und Montage sei ein Holzturm zwischen 20 und 30 Prozent billiger. Weil die Holzteile keine teuren Schwertransporte brauchen und Durchfahrtsgrenzen kein Hindernis mehr sind, lassen sich auch höhere Türme bauen, sagt Prass. So passten etwa bisher nur Turmfüße mit maximal 4,20 Meter Durchmesser unter Autobahnbrücken hindurch. Doch je höher der Turm werden soll, desto größer muss der Fuß sein. Der Trend bei Windkraftanlagen geht hin zu mehr Größe - denn jeder Meter bringt mehr Leistung und damit mehr Gewinn. Allerdings macht der hohe Stahlpreis die stählernen Türme von mehr als hundert Meter unrentabel.

Genau da will sich TimberTower ins Spiel bringen: Denn Holz ist nach wie vor wesentlich billiger als Stahl, und Deutschland hat nicht nur große Holzvorräte, der Baustoff wird auch viel weniger genutzt, als er nachwächst. Arno van Wingerde vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik hält zwar Stahl für ein besseres Material im Maschinenbau, "denn man kann die Elemente schweißen und somit leichter verbinden". Doch der Experte ist offen für Neues: "Belastbare Verbindungen kann man auch bei Holz schaffen." Gegen das Material spreche daher nichts, sagt van Wingerde, entscheidend für den Erfolg des Holzturms werde allein seine Wirtschaftlichkeit sein.

Das ist auch für den Windanlagenhersteller Vensys Energy ausschlaggebend, der den Prototypen gemeinsam mit TimberTower entwickelt. "Technisch gesehen wird die Konstruktion funktionieren können", sagt Vensys-Vertriebsleiter Theodor Peters. "Die Frage ist nur, ob sich die Kosten für die neuartigen Verbindungen und für das Konservieren des Holzes auf Dauer rechnen." Doch die Branche müsse offen für Ideen sein und Mut zu Innovationen haben, sagt Peters. Denn egal ob Stahl, Beton oder Fachwerk - teuer sei alles. "Wir brauchen daher dringend neue Lösungen, um höhere Türme bauen zu können."

Erfüllt der Hannoveraner Holzturm die Erwartungen seiner Konstrukteure, dann läuft schon 2010 die Serienproduktion an. Vor allem die wachsenden Windenergiemärkte Nordamerika und Asien will TimberTower mit seinem Logistikvorteil erobern. Die Chancen stehen gut, denn trotz Wirtschaftskrise und mehrerer Boomjahre gilt der Weltmarkt für Windenergie als stabil. Dank der offiziellen Klimaschutzziele muss sich die Branche auch keine Zukunftssorgen machen. Zu erneuerbaren Energien passt ein Holzturm perfekt, argumentiert Prass: Holz sei ein Naturmaterial, CO2-neutral und problemlos zu recyclen. Ein konsequenter Schritt, findet auch van Wingerde: "Man hätte ein umweltfreundliches Produkt zum Erzeugen umweltfreundlicher Energie."

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