Wirecard-Affäre Finanzaufsicht zeigt Journalisten wegen Marktmanipulation an

Journalisten und Spekulanten sollen gemeinsame Sache gemacht haben, um den Kurs der Wirecard-Aktie zu drücken - das glaubt zumindest die Finanzaufsicht BaFin. Die betroffene Zeitung weist die Vorwürfe zurück.
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Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat bei der Staatsanwaltschaft München Anzeige gegen rund ein Dutzend Personen erstattet. Sie sollen in Form einer sogenannten Short-Attacke den Kurs der Wirecard-Aktie manipuliert haben. Das bestätigte die BaFin dem SPIEGEL. Die Aufseher verdächtigen Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" ("FT"), mit mehreren Fonds beziehungsweise einzelnen Investoren gemeinsame Sache gemacht zu haben.

Am 30. Januar hatte die "Financial Times" einen Artikel veröffentlicht, in dem schwere Vorwürfe gegen Wirecard  erhoben wurden. Mitarbeiter des Münchner Unternehmens in Asien sollen Umsätze vorgetäuscht, Verträge gefälscht und so die Bilanzen frisiert haben.

Die "FT" bezog sich dabei unter anderem auf einen vorläufigen Untersuchungsbericht der Singapurer Kanzlei Rajah & Tann (R&T) zu den verdächtigen Vorgängen aus dem Mai 2018. Wirecard wies die Vorwürfe zunächst zurück. Später räumte das Unternehmen ein mögliches Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter in Asien ein. Ende März legte Wirecard eine Zusammenfassung neuer Erkenntnisse von R&T vor, die den Verdacht bestätigten, dass Umsätze im einstelligen Millionenbereich falsch bilanziert worden seien. Dennoch sah sich das Unternehmen weitgehend entlastet.

Nach Veröffentlichung des Textes am 30. Januar hatte Wirecard an der Börse zeitweise mehr als acht Milliarden Euro an Wert verloren. In den Wochen danach veröffentlichte die "Financial Times" weitere Artikel zu Wirecard, in denen die Vorwürfe teils wiederholt, aber auch präzisiert und ausgeweitet wurden.

Ob es zu einer Anklage kommt, ist offen

Die Finanzaufsicht leitet den Verdacht der Manipulation aus dem Zusammenwirken der "FT"-Artikel und Handelsaktivitäten an der Börse ab. So sollen Spekulanten jeweils bereits vor dem Erscheinen von "FT"-Artikeln sogenannte Leerverkaufspositionen aufgebaut haben. Bei einem Leerverkauf leihen sich Anleger Aktien eines Unternehmens, etwa von einem Fonds oder einer Bank. Sie verkaufen die geliehenen Aktien, um sie später billiger zurückzukaufen und an den Verleiher zurückzugeben. Geht die Wette auf fallende Kurse auf, können sie die Differenz als Gewinn einstreichen.

Für den Vorwurf der Marktmanipulation kommt es nicht darauf an, ob die Vorwürfe der "Financial Times" sich als wahr herausgestellt haben oder nicht. Vielmehr geht es um die Frage, ob die Autoren der Wirecard-Artikel wussten, dass bestimmte Akteure zuvor Aktien leer verkauft hatten, um von der Wirkung der Artikel finanziell zu profitieren, und ob die Autoren diesen Interessenkonflikt unterschlagen haben.

Die "Financial Times" weist diese Vorwürfe zurück.

Die Staatsanwaltschaft München hatte bereits im Februar Ermittlungen wegen Marktmanipulation aufgenommen, unter anderem aufgrund einer Anzeige von Wirecard selbst. Ob es zu einer Anklage kommt, ist offen. Die Ermittler müssten nachweisen, dass es tatsächlich zu einer Art Absprache zwischen den Autoren der Artikel und Akteuren an den Finanzmärkten gekommen ist.

Leerverkaufsverbot läuft am Donnerstag ab

Bereits vor drei Jahren hatte es eine spekulative Attacke gegen Wirecard gegeben, damals hatte eine Research-Plattform namens Zatarra kritische Berichte über Wirecard veröffentlicht. Gegen einen der Hintermänner von Zatarra, den Briten Fraser Perring, hat die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht München einen Strafbefehl beantragt. Eine Entscheidung, ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt, steht noch aus. Perring weist den Vorwurf der Marktmanipulation zurück.

Verfahren gegen Investoren, die damals an dem Short-Angriff beteiligt gewesen sein sollen, stellte die Staatsanwaltschaft seinerzeit ein. Eine Anklage scheiterte offenbar unter anderem daran, dass die beschuldigten Investoren in Großbritannien ansässig waren und die deutschen Ermittler von den britischen Behörden nicht die Hilfe bekamen, die sie gebraucht hätten, um ihrem Verdacht auf den Grund zu gehen. An der jüngsten mutmaßlichen Spekulationsattacke sollen auch Fonds beteiligt gewesen sein, die schon vor drei Jahren auf einen Kursverfall von Wirecard gesetzt hatten.

Die BaFin hatte im Februar ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien ausgesprochen, weil sie das Vertrauen in die Stabilität des deutschen Finanzmarktes durch weitere mögliche Attacken gefährdet sah. Dieses Verbot läuft am kommenden Donnerstag, dem 18. April, um 24 Uhr aus. Ob die BaFin das Verbot verlängert, ist unklar. Der Kurs der Wirecard-Aktie lag zuletzt bei rund 116 Euro - und damit einerseits deutlich über dem Tiefstand, den sie nach den ersten Veröffentlichungen der "FT" erreicht hatte, andererseits aber auch weit unter dem zuvor erreichten Kursniveau.