Zahlungsdienstleister Wirecard-Aktien stürzen nach Insolvenzantrag um 80 Prozent ab

Milliarden, die es wohl nur auf dem Papier gibt und ein kurzzeitig festgenommener Chef: Nach dem Bilanzskandal bei Wirecard muss der Zahlungsdienstleister Insolvenz anmelden. Die Aktien verlieren dramatisch an Wert.
Wirecard-Zentrale in Aschheim: Fast zwei Milliarden Euro werden vermisst

Wirecard-Zentrale in Aschheim: Fast zwei Milliarden Euro werden vermisst

Foto: Peter Kneffel/ DPA

Nach dem milliardenschweren Bilanzskandal hat der Zahlungsdienstleister Wirecard beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. "Der Vorstand der Wirecard AG hat entschieden, für die Wirecard AG beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen", hieß es in einer Mitteilung. Es werde geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Wirecard-Töchter gestellt werden müssen.

Die Wirecard-Aktie wurde für 60 Minuten vom Handel ausgesetzt und verlor danach zeitweise 80 Prozent ihres Werts. Sie lag zwischenzeitlich nur noch bei 2,50 Euro. Seit der abermaligen Verschiebung der Bilanz für 2019 in der Vorwoche und dem Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Milliardenhöhe verloren die Anteilsscheine damit inzwischen fast 98 Prozent.

Grund ist ein Bilanzskandal. In der Jahresbilanz von Wirecard fehlen 1,9 Milliarden Euro. Der Konzern geht davon aus, dass das Geld bei zwei philippinischen Banken "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" gar nicht existiert.

Die Gläubigerbanken von Wirecard hatten das Recht, Kredite über zwei Milliarden Euro zu kündigen, weil das Unternehmen bis zum vergangenen Freitag keine testierte Bilanz für das vergangene Jahr vorgelegt hatte. Die Wirtschaftsprüfer von EY hatten das Testat verweigert, als sich herausstellte, dass Bestätigungen über Treuhandkonten offensichtlich gefälscht waren.

Die Staatsanwaltschaft München I wirft dem vergangene Woche zurückgetretenen Wirecard-Chef Markus Braun vor, mit weiteren mutmaßlichen Tätern die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen von Wirecard durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. Braun wurde am Dienstag kurzzeitig festgenommen und später gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro wieder freigelassen. Zuvor hatte er in einer Serie von Aktienverkäufen insgesamt 155 Millionen Euro erlöst, wie Wirecard in mehreren Ad-hoc-Mitteilungen mitteilte.

"Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten"

"Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", hatte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I gesagt. Bei der Behörde läuft bereits ein Ermittlungsverfahren gegen Wirecard-Chef Braun und drei weitere Manager der Unternehmensspitze wegen des Verdachts der Falschinformation von Anlegern in zwei Börsen-Pflichtmitteilungen.

Im Zentrum des Bilanzskandals stehen der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein Treuhänder, der bis Ende 2019 für Wirecard aktiv war und das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente Geschäft mit den Drittpartnern betreute.

Über mögliche Bilanzmanipulationen bei Wirecard hatte schon vor über einem Jahr die britische "Financial Times" berichtet. Im Oktober hatte die "FT" dann berichtet, dass ein beträchtlicher Teil der Wirecard-Umsätze mit Drittfirmen in Asien womöglich auf Scheingeschäften beruhe.

Braun hatte die Berichterstattung der "FT" über Monate als haltlos zurückgewiesen. Da es schon nach den ersten "FT"-Artikeln zu außergewöhnlichen Kursstürzen der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse gekommen war, hatten die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft Untersuchungen eingeleitet, ob Kursmanipulationen von Börsenspekulanten dahinter steckten.

dab/kko/dpa/Reuters/AFP
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