Möglicher Lobbyismus mit »FAZ«-Beitrag Hat Guttenberg den Wirecard-Ausschuss belogen?  

Warb Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Rolle als Wirecard-Lobbyist in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« für ein Leerverkaufsverbot? Im Untersuchungsausschuss stritt er das ab, doch ein neues Dokument weckt große Zweifel.
Karl-Theodor zu Guttenberg im Wirecard-Ausschuss

Karl-Theodor zu Guttenberg im Wirecard-Ausschuss

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstock

Es war insgesamt ein selbstsicherer Auftritt, den Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kurz vor Weihnachten im Wirecard-Untersuchungsausschuss hinlegte. Man merkte dem früheren Bundesminister und heutigen Berater und Lobbyisten die jahrelange Erfahrung mit einer Rolle in der Öffentlichkeit an.

An einer Stelle aber geriet Guttenberg ins Schleudern und wurde schließlich patzig: Als er auf einen Gastkommentar in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ( »FAZ«) angesprochen wurde, in dem er sich für ein Leerverkaufsverbot für Zahlungsdienstleister und andere »systemrelevante Branchen« aussprach. Eine passgenaue Botschaft aus Sicht von Guttenbergs damaligem Klienten Wirecard. Denn das Unternehmen profitierte von einem ungewöhnlichen Leerverkaufsverbot für seine Aktie, das die Finanzaufsicht BaFin verhängte.

Gegenüber den Abgeordneten bestritt Guttenberg dennoch jede Einflussnahme von Wirecard auf die Veröffentlichung des »FAZ «– Beitrags. Zwar habe es einen inhaltlichen Zusammenhang mit seinen Erfahrungen mit Wirecard und Gesprächen mit Mitarbeitern hierüber gegeben: »Also, das war ein Thema, das mich zu dem Zeitpunkt umgetrieben hat«, so der Ex-Politiker.

Er sei aber »mit Sicherheit nicht der Auffassung von Wirecard bei meinem Artikel gefolgt«, so Guttenberg weiter. Als sich ein Abgeordneter über den Zeitpunkt der Veröffentlichung und darüber wunderte, dass trotz dieses eingeräumten Zusammenhangs der Name Wirecard nicht vorkomme, stellte Guttenberg mehrfach klar: "Wirecard war nicht der Auslöser für diesen Artikel." Auch Wirecards mittlerweile inhaftierter Ex-Chef Markus Braun , den Guttenberg mehrmals traf, habe ihn nicht in diese Richtung beeinflusst, erklärte Guttenberg auf Nachfragen sichtlich genervt. »Die Entscheidungen treffe ich schon noch selber«.

Doch ein sogenannter »Aktionsplan Leerverkäufe«, der dem SPIEGEL vorliegt, weckt große Zweifel an dieser Darstellung. Diesen schickte Rüdiger Assion, Leiter der Finanzkommunikation bei der PR-Agentur Edelman, am 20. März 2020 an Wirecard-Chef Markus Braun – sechs Tage vor Erscheinen von Guttenbergs Beitrag. Das Papier sah Ansprechpartner in Politik, Medien und bei der Börse vor, bei denen offensichtlich für ein Leerverkaufsverbot geworben werden sollte. Unter »Zielgruppe Medien« wird aufgeführt: »Gastkommentar Karl-Theodor zu Guttenberg, FAZ oder Die Welt«. Als Kontakt wird neben Assion selbst auch der Ex-»Bild«-Chef Kai Diekmann genannt, der mittlerweile die PR-Agentur Storymachine betreibt.

SPD bezichtigt Guttenberg der Lüge

Es folgt auf anderthalb Seiten ein Argumentationspapier für Leerverkaufsverbote. Es ähnelt in vielen Passagen Guttenbergs kurz darauf erschienenem »FAZ«-Kommentar. Dass der Ex-Politiker von dem Plan wusste, ist naheliegend. Denn Guttenberg sitzt in einem Advisory Board des US-Mutterunternehmens Edelman. Den Kontakt zwischen Braun und dem PR-Konzern stellte er nach eigener Aussage selbst her. Auch einen regelmäßigen Austausch mit Diekmann bestätigte Guttenberg vor dem Ausschuss. Er konnte sich aber angeblich nicht mehr daran erinnern, ob es dabei auch um den Dax-Konzern ging: »Ich weiß es schlicht nicht, ob ich mich mit Kai Diekmann wann und wie mal auch über Wirecard unterhalten habe.«

»Karl-Theodor zu Guttenberg hat den Ausschuss ganz klar belogen«, sagt Jens Zimmermann, Obmann der SPD. Nach Guttenbergs Auftritt bleibe ein »fader Beigeschmack«. Eine erneute Vorladung des einst über Plagiate in seiner Doktorarbeit Gestolperten schließt man bei der SPD nicht aus. Guttenbergs nächster Auftritt könnte dann etwas weniger selbstbewusst ausfallen.

Auf spätere Nachfragen des SPIEGEL, ob ihm der »Aktionsplan Leerverkäufe« bekannt gewesen sei und ob dieser eine Rolle bei der Entscheidung gespielt habe, den Gastbeitrag in der »FAZ« zu verfassen, hat Guttenberg bislang nicht geantwortet.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Guttenberg habe »jede Verbindung« zwischen dem Beitrag in der »FAZ« und seiner Arbeit für Wirecard bestritten. Tatsächlich räumte Guttenberg im Untersuchungsausschuss ein, dass ihm die Debatte um Leerverkäufe auch durch Gespräche mit Wirecard-Vertretern bekannt war. Er bestritt auf Nachfrage jedoch mehrfach, dass seine Arbeit für Wirecard ein Auslöser für das Verfassen und den Erscheinungszeitpunkt des »FAZ«-Beitrags war. Um diese Zusammenhänge deutlicher zu machen, haben wir den Text um Einzelheiten zu Guttenbergs Aussagen vor dem Ausschuss sowie einen Hinweis auf seine bislang unterbliebene Antwort auf unsere Nachfragen ergänzt. 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.