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14. März 2019, 19:06 Uhr

Kampf um Wirecard

Löst die Kanzlei aus Singapur den Fall?

Von und

Wirecard-Mitarbeiter könnten Bilanzen manipuliert haben, über diesen Verdacht schrieb die "Financial Times". Man sei Opfer von Marktmanipulation, sagt Konzernchef Markus Braun. Schon bald könnte sich zeigen, wer Recht hat.

Die verflixte Bandscheibe. Als hätte Jan Marsalek nicht genug Ärger, plagen den Chief Operating Officer (COO) der Wirecard AG jetzt auch noch heftige Rückenschmerzen. Eine Zeitlang konnte der Mann fürs Tagesgeschäft bei dem Dax-Konzern aus Aschheim bei München nicht einmal mehr fliegen.

Dabei war Flugmeilen sammeln jahrelang Marsaleks Hobby. Zusammen mit Vorstandschef und Großaktionär Markus Braun pumpte er den Zahlungsabwickler aus dem 8000-Seelen-Nest Aschheim bei München durch Übernahmen rund um den Erdball zu einem Milliardenkonzern auf.

Wirecard stellt sich zwischen Händler und Endkunden und sichert zu, dass der Online-Bezahlvorgang klappt. Damit verdient das Unternehmen Gebühren; die Margen sind gering, es kommt auf die Masse an. Heute wickelt Wirecard weltweit Online-Einkäufe für mehr als 100 Milliarden Euro ab.

Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte aus der deutschen Provinz, geschrieben von Marsalek und Braun. Zwei Österreichern, die Wirecard seit fast 20 Jahren auf klandestine Art führen. Ende September verdrängte Wirecard die Commerzbank aus dem Dax.

Doch seit dem Aufstieg in den Börsenolymp steckt Wirecard fest in einem Gestrüpp aus Vorwürfen und Gerüchten; es geht um mutmaßliche Bilanzmanipulation und fingierte Umsätze bei Wirecards Asien-Töchtern. Der Fall ist ein Wirtschaftskrimi. Als Antagonisten stehen sich gegenüber: Die "Financial Times" (FT) in London, Ikone des Kapitalmarktjournalismus, wenige Medien genießen solche Glaubwürdigkeit. In mehreren Artikeln hat die FT seit dem 30. Januar schwere Vorwürfe gegen Wirecard erhoben. Auf der anderen Seite stehen die Aufsteiger aus Aschheim, angeführt von Markus Braun, der die Vorwürfe scharf dementiert und mit der Behauptung kontert, Opfer von Kursmanipulation zu sein. Finanzaufsicht und Staatsanwaltschaft teilen diesen Verdacht und ermitteln.

Das nächste Kapitel des Krimis dürfte die Anwaltskanzlei Rajah & Tann (R&T) schreiben. Die Sozietät aus Singapur will in Kürze ihren Schlussbericht über die Vorgänge bei Wirecard in Asien veröffentlichen.

In einem vorläufigen ersten Dossier hatte R&T im Mai 2018 erhebliche Missstände ausgemacht. Die FT schlachtete das Papier und anderes brisantes Material aus, warf Wirecard vor, Verträge und Rechnungen zu fälschen und Umsätze aufzublähen. Die Aktie brach ein.

Auch dem SPIEGEL liegt der vorläufige Bericht sowie ein Teil des umfangreichen Materials vor, auf das die Kanzlei Zugriff hatte. Wenn man sich in die Dokumente vertieft, lassen sich darin Hinweise finden, dass Wirecard-Mitarbeiter fragwürdige Buchungen getätigt haben sollen. Zugleich gibt es Indizien, die Zweifel am Wert des Untersuchungsberichts wecken. Die Kluft zwischen den Sichtweisen der beiden Antagonisten werden womöglich erst die Ermittlungsbehörden schließen können.

Schläge und Gegenschläge im Tagestakt

Fast im Tagestakt tauschten FT und Wirecard in den vergangenen Wochen Schläge aus. Schrieb die FT, von Hinweisen auf gefälschte und rückdatierte Verträge, erwiderte Wirecard, es sei "klar, dass der Journalist mit falschen Informationen versorgt wurde", und deutete an, Ziel sei es gewesen, den Wirecard-Kurs zu manipulieren, ein Vorwurf, den wiederum die FT hart dementierte.

Es ist normal, dass Medien über gut begründete Verdachtsfälle berichten, auch wenn dies starke Kursbewegungen auslöst, hat es zunächst nichts mit Marktmanipulation zu tun. Es könnte aber in der Auseinandersetzung um Wirecard letztlich auch um die Frage gehen, ob sich die FT zum Zwecke der Marktmanipulation instrumentalisieren ließ.

Der 31 Seiten lange vorläufige Bericht von R&T vom 4. Mai 2018 erhebt zwar drastische Vorwürfe. Doch er wurde binnen weniger Tage erstellt, basiert überwiegend auf Aussagen eines einzelnen Whistleblowers und belegt konkrete Vorwürfe zu einzelnen Vorgängen kaum stichhaltig.

Die FT zitiert jedoch in ihren Artikeln zusätzlich aus E-Mails und verweist auf zahlreiche Dokumente, die aus ihrer Sicht klare Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei Wirecard in Asien und eine frühzeitige Kenntnis solcher Vorgänge der Konzernführung in München enthalten.

Merkwürdigkeiten um den Abschlussbericht

Der für die nächsten Tage zu erwartende Abschlussbericht der Kanzlei dürfte mehr Licht in die Affäre bringen. Aber warum erklärte Wirecard schon im Februar, dass der finale Bericht das Unternehmen entlasten werde? Warum teilte R&T selbst am 3. Februar mit, bisher habe man kein kriminelles Verhalten von Mitarbeitern oder Vorständen des Konzerns feststellen können, obwohl das vorläufige Fazit von R&T doch ganz anders klang?

Das R&T-Team aus zwei Partnern und drei Anwälten, die das erste, vorläufige Dossier verfasst hatten, ist mittlerweile aufgelöst. Eine Anwältin hat R&T verlassen, zwei weitere finden sich nicht in der Mitarbeiterliste der Kanzlei. Kommentieren will die Kanzlei die Personalien und die Umstände, unter denen das erste Dossier verfasst wurde, nicht.

Schwere Vorwürfe, harte Dementis, all das begleitet von heftigen Kursschwankungen und dem Verdacht der Marktmanipulation - die Vorgänge wecken Erinnerungen an das Jahr 2016.

Seinerzeit kursierten Berichte der Internetplattform Zatarra Research über Wirecards Geschäftsgebaren. Sie basierten auf öffentlich zugänglichen Informationen, die geschickt aufbereitet waren und Wirecard in schlechtes Licht rückten. Meist ging es um Online-Glücksspiele, für die Wirecard Zahlungen abgewickelt haben soll und die teils illegal gewesen sein sollen. Nichts davon ließ sich erhärten, der Kurs schnellte wieder nach oben.

Anstieg der Leerverkäufe

Jetzt, drei Jahre später, stammen die Informationen aus dem Konzern selbst, beglaubigt von dem Dossier einer renommierten Kanzlei und veröffentlicht über die FT, die offenbar schon einige Zeit vor der ersten Veröffentlichung das Dossier sowie umfangreiche Dokumente und Mails kannte. Woher das brisante Material kam ist unbekannt, Medien äußern sich grundsätzlich nicht zu ihren Informanten.

Ab Herbst 2018 stieg moderat, aber stetig der Umfang so genannter Leerverkäufe von Wirecard-Aktien. Dabei leihen sich Anleger - meist Hedgefonds - Aktien, um sie "leer" zu verkaufen, so den Kurs zu drücken, sich später günstiger wieder einzudecken, die Papiere an den Verleiher zurückzugeben und die Differenz als Gewinn einzustreichen. Im Umfeld von Wirecard schließt man aus dem Anstieg dieser Leerverkäufe, dass Investoren schon im Herbst wussten, dass für Wirecard brisantes Material im Umlauf war. Deutlich stiegen die Leerverkäufe aber erst nach Veröffentlichung des ersten FT-Berichts an.

Wer, wann, was wusste und dieses Wissen nutzte, das ermittelt nun die Staatsanwaltschaft in München, die dem Verdacht der Markmanipulation nachgeht und Rechtshilfeersuchen gestellt hat, um der Sache auch im Ausland auf den Grund zu gehen.

Nach der Zatarra-Attacke von 2016 ermittelte die Staatsanwaltschaft München gegen 39 Personen wegen Marktmanipulation. 38 Verfahren wurden eingestellt, eines gegen Geldauflage. Nur gegen den Zatarra-Mitgründer Fraser Perring hat die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl beantragt, darüber entscheidet in Kürze das Amtsgericht München.

Wirecard wehrt sich gegen die neuerlichen Angriffe mit harschen Methoden. In Singapur, wo die Behörden wegen der in der FT publizierten Vorwürfe ermitteln, wehrt sich der Konzern gerichtlich: die Ermittler hätten bei einer Durchsuchung ihr Mandat überschritten. Die Behörden wiederum fühlen sich von dem Konzern in ihrer Arbeit behindert. Wirecard erklärt, voll mit den Behörden zu kooperieren.

Drei Szenarien, wie der Krimi ausgehen könnte

Wie wird der Krimi um Wirecard enden? Drei Szenarien drängen sich auf.

Das dürfte den Aktienkurs zerschießen, Wirecards Führung um Braun und Marsalek wäre kaum zu halten. Es dürfte für das Unternehmen schwer sein, einen solchen Vertrauensverlust auszubügeln.

Auch ein solches Szenario schließt Insiderhandel oder Marktmanipulation nicht aus. Denn selbst wenn die Vorwürfe gegen Wirecard stimmen, könnten Investoren Informationen darüber unrechtmäßig genutzt haben, um davon zu profitieren.

Es ist schwer vorstellbar, dass die "Financial Times" oder die Wirecard-Führung mit ihrer aggressiven Kommunikation zu der Affäre bewusst das Risiko des großen Knalls eingegangen sind, welches jedes dieser beiden Szenarien für einen der beiden Antagonisten bedeuten würde.

Gut sähe Wirecard auch in diesem Finale nicht aus, müsste sich das Unternehmen doch mangelhafte Kontrollen vorhalten lassen. Der GAU aber bliebe wohl aus. Die Architekten des wundersamen Aufstiegs, vor allem Braun und sein Vertrauter Marsalek, verschafften sich Luft.

Druck von innen spüren Braun und Marsalek kaum: Der sechsköpfige Aufsichtsrat gilt als schwach. Einzig Finanzvorstand Alexander von Knoop, so heißt es intern, gehe vorsichtig auf Distanz, vor allem zu Marsalek.

Frieden, so viel ist sicher, wird in Aschheim so schnell nicht einkehren.

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